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Zum Tod Otfried Preußlers Die vollkommene Sicherheit des Erzählers

Er biederte sich bei seinem jungen Publikum niemals an, aber kannte genau ihre Bedürfnisse. Fast jedes seiner Bücher wurde zum Kinderbuchklassiker. Jetzt ist Otfried Preußler im Alter von 89 Jahren gestorben.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Otfried Preußler, 1923 bis 2013

Wie man ein ganz Großer wird, Otfried Preußler hat es gewusst. Sein Held legt sich sieben Jahre lang schweigend auf den heimischen Backofen, wo er entweder schläft oder Sonneblumenkerne kaut, während das Murren seiner hart arbeitenden Familie immer lauter wird. Er sammelt seine Kraft, und am Ende der sieben Jahre steht er auf, macht sich auf den Weg, erledigt unterwegs ein paar schlimme Landplagen und erringt schließlich mit dem Zarenreich auch die reizende Prinzessin.

So steht es als schöner Traum von Sicherheit in Preußlers Buch „Die Abenteuer des starken Wanja“, das 1968 erschienen ist. Dass seine bisherige Biographie im schrillen Kontrast zu dieser Vision stand, wussten damals nur wenige Leser. Preußler, geboren am 20. Oktober 1923 im böhmischen Reichenberg, der von sich sagte, er habe insgesamt eben „Glück gehabt“, wies gelegentlich auf das Tempo hin, mit dem die Männer seiner Generation erwachsen werden mussten, als sie von der Schulbank weg in den Krieg zogen und, wenn sie ihn überlebten, nicht selten auf lange Jahre in Gefangenenlagern zurückblickten - Preußler kam 1949 aus russischer Gefangenschaft nach Bayern, und dass er dort seine Reichenberger Verlobte wieder fand, ist ein mittleres Wunder.

Er folgte keinen Moden und keinem Programm

Eigentlich hatte er Professor an der Karls-Universität in Prag werden wollen. Nun arbeitete er für kurze Zeit als Journalist, wurde 1953 Volksschullehrer in Rosenheim und blieb es bis 1970, als er sich mit fast fünfzig als freier Schriftsteller etablierte. Der Vater dreier Töchter, der ausgesprochen gern unterrichtet hatte, konnte diesen Schritt aufgrund einer eindrucksvollen Liste von Publikationen tun: Für „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“ und „Der Räuber Hotzenplotz“ war er vielfach ausgezeichnet worden, die Bücher verkauften sich prächtig und sind bis heute eine stabile Größe in der Bilanz des Thienemann Verlags.

Preußler hat oft beschrieben, wie seine frühen Texte in der Auseinandersetzung mit Schülern entstanden seien, aus genauer Kenntnis der jungen Zuhörerschaft, und aus dem Respekt vor deren Horizont. Das ist sicher richtig, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn die veritablen Meisterwerke, die damals entstanden, verdanken sich nicht nur dem Sagenschatz von Preußlers böhmischer Heimat, sondern auch der vollkommenen Sicherheit, die Preußler in allen Fragen der sprachlichen Verarbeitung an den Tag legte. Es dürfte kaum einen zweiten deutschen Autor unserer Zeit geben, der derart funkelnde Satzperioden für ein junges Publikum geformt hat, der Mündlichkeit, wie sie im Unterricht gefordert ist, so ohne jede Einbuße in Schriftlichkeit überführt hat, und das ohne einen Schatten von Anbiedern. Wer Kinder ernst nimmt, so könnte man sich das übersetzen, wer dieses überwältigend begeisterungsbereite und unerbittlich kritische Publikum auf seine Seite ziehen will, der darf in seiner Diktion weder Moden folgen noch irgendein pädagogisches Programm über die Köpfe der Kinder hinweg verfolgen.

Die reine Schönheit der Sprache

Preußler hat schlimme Anfeindungen über sich ergehen lassen müssen. Ihm wurde abwechselnd das Entwerfen einer heilen, anachronistischen Welt zwischen Weiher und Hexentanzplatz zur Last gelegt sowie das Schildern einer magisch grundierten Atmosphäre. Dass ihn das getroffen hat, ließ er durchblicken, und auch, dass es ihm nicht unlieb war, wie rasch sich seine Position als unanfechtbar erwies. Denn wer Preußlers Bücher aufmerksam las, stellte rasch fest, wie zeitlos aktuell etwa „Die kleine Hexe“ ist, die Ausgrenzung und Mobbing ebenso beschreibt wie die Qualität jener zauberhaften Freundschaft zwischen der Titelfigur und dem Raben Abraxas.

Als Preußlers Meisterwerk muss die düstere Mühlengeschichte „Krabat“ gelten, an der der Autor zehn Jahre feilte. Es ist die Geschichte eines Jungen, der in den Bann eines Zauberers gerät und sich erst, als es schon beinahe zu spät ist, daraus lösen kann. Dass dieses Buch bei allem interpretatorischen Fleiß der letzten vierzig Jahre noch nicht entfernt ausgelotet ist, spricht sehr für „Krabat“ und seinen Autor. Es gibt kein zweites, auf das man alle Hoffnungen setzen würde, wenn es um die Immunisierung gegenüber totalitärem Gedankengut geht, weil es die reine Schönheit seiner Sprache und die Raffinesse seines Aufbaus in die Wagschale wirft.

Preußler, der seit Jahren zurückgezogen lebte, hatte angekündigt, dass er an der Darstellung seiner Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg arbeite, den Text aber erst nach seinem Tode publiziert wissen wolle. Am 18. Februar ist Otfried Preußler gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 
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