Home
http://www.faz.net/-gr0-772u7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.02.2013, 12:04 Uhr

Zum Tod Otfried Preußlers Die vollkommene Sicherheit des Erzählers

Er biederte sich bei seinem jungen Publikum niemals an, aber kannte genau ihre Bedürfnisse. Fast jedes seiner Bücher wurde zum Kinderbuchklassiker. Jetzt ist Otfried Preußler im Alter von 89 Jahren gestorben.

© picture-alliance/ dpa Otfried Preußler, 1923 bis 2013

Wie man ein ganz Großer wird, Otfried Preußler hat es gewusst. Sein Held legt sich sieben Jahre lang schweigend auf den heimischen Backofen, wo er entweder schläft oder Sonneblumenkerne kaut, während das Murren seiner hart arbeitenden Familie immer lauter wird. Er sammelt seine Kraft, und am Ende der sieben Jahre steht er auf, macht sich auf den Weg, erledigt unterwegs ein paar schlimme Landplagen und erringt schließlich mit dem Zarenreich auch die reizende Prinzessin.

Tilman Spreckelsen Folgen:

So steht es als schöner Traum von Sicherheit in Preußlers Buch „Die Abenteuer des starken Wanja“, das 1968 erschienen ist. Dass seine bisherige Biographie im schrillen Kontrast zu dieser Vision stand, wussten damals nur wenige Leser. Preußler, geboren am 20. Oktober 1923 im böhmischen Reichenberg, der von sich sagte, er habe insgesamt eben „Glück gehabt“, wies gelegentlich auf das Tempo hin, mit dem die Männer seiner Generation erwachsen werden mussten, als sie von der Schulbank weg in den Krieg zogen und, wenn sie ihn überlebten, nicht selten auf lange Jahre in Gefangenenlagern zurückblickten - Preußler kam 1949 aus russischer Gefangenschaft nach Bayern, und dass er dort seine Reichenberger Verlobte wieder fand, ist ein mittleres Wunder.

Er folgte keinen Moden und keinem Programm

Eigentlich hatte er Professor an der Karls-Universität in Prag werden wollen. Nun arbeitete er für kurze Zeit als Journalist, wurde 1953 Volksschullehrer in Rosenheim und blieb es bis 1970, als er sich mit fast fünfzig als freier Schriftsteller etablierte. Der Vater dreier Töchter, der ausgesprochen gern unterrichtet hatte, konnte diesen Schritt aufgrund einer eindrucksvollen Liste von Publikationen tun: Für „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“, „Das kleine Gespenst“ und „Der Räuber Hotzenplotz“ war er vielfach ausgezeichnet worden, die Bücher verkauften sich prächtig und sind bis heute eine stabile Größe in der Bilanz des Thienemann Verlags.

Preußler hat oft beschrieben, wie seine frühen Texte in der Auseinandersetzung mit Schülern entstanden seien, aus genauer Kenntnis der jungen Zuhörerschaft, und aus dem Respekt vor deren Horizont. Das ist sicher richtig, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn die veritablen Meisterwerke, die damals entstanden, verdanken sich nicht nur dem Sagenschatz von Preußlers böhmischer Heimat, sondern auch der vollkommenen Sicherheit, die Preußler in allen Fragen der sprachlichen Verarbeitung an den Tag legte. Es dürfte kaum einen zweiten deutschen Autor unserer Zeit geben, der derart funkelnde Satzperioden für ein junges Publikum geformt hat, der Mündlichkeit, wie sie im Unterricht gefordert ist, so ohne jede Einbuße in Schriftlichkeit überführt hat, und das ohne einen Schatten von Anbiedern. Wer Kinder ernst nimmt, so könnte man sich das übersetzen, wer dieses überwältigend begeisterungsbereite und unerbittlich kritische Publikum auf seine Seite ziehen will, der darf in seiner Diktion weder Moden folgen noch irgendein pädagogisches Programm über die Köpfe der Kinder hinweg verfolgen.

Die reine Schönheit der Sprache

Preußler hat schlimme Anfeindungen über sich ergehen lassen müssen. Ihm wurde abwechselnd das Entwerfen einer heilen, anachronistischen Welt zwischen Weiher und Hexentanzplatz zur Last gelegt sowie das Schildern einer magisch grundierten Atmosphäre. Dass ihn das getroffen hat, ließ er durchblicken, und auch, dass es ihm nicht unlieb war, wie rasch sich seine Position als unanfechtbar erwies. Denn wer Preußlers Bücher aufmerksam las, stellte rasch fest, wie zeitlos aktuell etwa „Die kleine Hexe“ ist, die Ausgrenzung und Mobbing ebenso beschreibt wie die Qualität jener zauberhaften Freundschaft zwischen der Titelfigur und dem Raben Abraxas.

Als Preußlers Meisterwerk muss die düstere Mühlengeschichte „Krabat“ gelten, an der der Autor zehn Jahre feilte. Es ist die Geschichte eines Jungen, der in den Bann eines Zauberers gerät und sich erst, als es schon beinahe zu spät ist, daraus lösen kann. Dass dieses Buch bei allem interpretatorischen Fleiß der letzten vierzig Jahre noch nicht entfernt ausgelotet ist, spricht sehr für „Krabat“ und seinen Autor. Es gibt kein zweites, auf das man alle Hoffnungen setzen würde, wenn es um die Immunisierung gegenüber totalitärem Gedankengut geht, weil es die reine Schönheit seiner Sprache und die Raffinesse seines Aufbaus in die Wagschale wirft.

Preußler, der seit Jahren zurückgezogen lebte, hatte angekündigt, dass er an der Darstellung seiner Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg arbeite, den Text aber erst nach seinem Tode publiziert wissen wolle. Am 18. Februar ist Otfried Preußler gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vermisste Flüchtlinge Wo sind all die Kinder hin?

Mehr als 10.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Europa vermisst. Viele Kommunen sind mit der Betreuung überfordert. Mehr Von Julian Staib und Matthias Wyssuwa

03.02.2016, 21:43 Uhr | Politik
Jungunternehmer Thilo Konzok Lust auf mehr Freiheit - der Job als Mission?

Im Job muss man sich wie zuhause fühlen und was man macht, dürfe nur missionsgetrieben sein, sagt Thilo Konzok. Der 23jährige Startup-Gründer aus Berlin spricht über die Karrierevorstellungen einer jungen Generation, die viel individuellere Arbeitsformen einfordert als die Eltern es je gewagt hätten. Mehr

20.01.2016, 12:05 Uhr | Wirtschaft
Kampf gegen Tabak Die WHO will, dass in Filmen nicht mehr geraucht wird

Rauchende Colts sind okay. Rauchende Cowboys nicht. Schon gar nicht, wenn sie von Stars gespielt werden. Die WHO warnt vor dem Nachahmer-Effekt bei Jugendlichen und fordert strenge Auflagen. Mehr

01.02.2016, 11:31 Uhr | Gesellschaft
Haute-Couture in Paris Star-Wars-Look bei Lagerfelds Chanel-Show

Designer Karl Lagerfeld hat in Paris seine neuen Chanel-Kreationen vorgestellt. Die Models mit vergleichsweise schlichten, aber edlen Haute-Couture-Roben schritten dabei mit Frisuren, die an Prinzessin Leia aus Stars Wars erinnern, über den Laufsteg. Mehr

27.01.2016, 15:33 Uhr | Stil
Herzblatt-Geschichten Wenn Frauen zu sehr faxen

Angela Merkel und Ulrich Matthes beweisen Sinn für Nostalgie, Angelique Kerber denkt schon an eine Karriere im Privatfernsehen und Til Schweiger ist Hänsel – oder Gretel? Mehr Von Jörg Thomann

07.02.2016, 14:00 Uhr | Gesellschaft
Glosse

Mythos Bochum

Von Andreas Rossmann

Eine Stadt in der Strukturkrise, ein unterfinanziertes Schauspielhaus, eine Kulturpolitik ohne Weitblick: Warum tut sich Johan Simons das an und wird Intendant in Bochum? Der Stadt freilich hätte nichts Besseres passieren können. Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“