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Zum Tod Jorge Semprúns Der Mann, der keinen Groll kannte

08.06.2011 ·  Er führte ein romanhaftes Leben im Dienst der literarischen Suche nach politischer Wahrheit und füllte die Rolle des Zeitzeugen mit unübertroffener Eleganz: Zum Tod des großen spanischen Schriftstellers Jorge Semprún.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Er hat das eine und das andere gelebt, war Opfer und Gestalter, kannte den linken Totalitarismus und den rechten, und nicht erst am Ende, sondern von Anfang an muss Jorge Semprún ein Drittes im Sinn gehabt haben, die Synthese, die allem den Sinn gäbe. Sonderbarerweise klang sie bei ihm niemals wie das Märchen der Utopie. Zum einen, weil seine Folgerungen aus (manchmal gefährlichen) Taten bestanden, nicht aus hehren Theorien. Und zum anderen, weil er Worte für Unsagbares gefunden hat, nämlich für Verschleppung, Terror und Holocaust.

„Ich habe mehr Erinnerungen, als wär ich tausend Jahre alt“: Der Satz kehrt in Semprúns Büchern wieder wie ein Wappenspruch. Wie sonst ließe sich das, was dieser spanisch-französische Untergrundkämpfer, Denker, Schriftsteller und Politiker war, in ein einziges Leben packen?

Geboren 1923 als Spross einer großbürgerlichen Familie, die in der feinen Madrider Straße Alfonso XI., Nummer neun, in der Nähe des Prado residierte – sein Großvater war der ehemalige Premierminister Antonio Maura –, floh er nach Francos Sieg im Bürgerkrieg nach Paris, war in der Résistance aktiv, wurde mit zwanzig Jahren von der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald deportiert, hatte das Glück, mit zweiundzwanzig die Befreiung zu erleben, schleuste sich ins Franco-Spanien ein, leitete fünf Jahre die verdeckten Aktionen der Kommunistischen Partei, mit der er 1964 brach, wurde Schriftsteller, spanischer Kulturminister und hochgeehrter „Zeitzeuge“.

Ein großer künstlerischer Wurf

Als Zeitzeuge kann einem bekanntlich nichts mehr passieren. Man verkörpert, was man erlebt hat. Semprún hat selbst diese Rolle mit unübertroffener Eleganz angenommen, wie man bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1994 und vielen anderen Ehrungen erleben konnte, aber er war immer klüger und größer als sie. Hier und da wandten Kritiker gegen seine Bücher ein, sie verrieten eine gewisse Eitelkeit; das muss jeder Leser für sich entscheiden. Der Eindruck mag damit zu tun haben, dass Leute des geschriebenen Wortes habituell eher mit Pantoffeln und Ärmelschonern zu tun haben als mit Revolvern und falschen Pässen.

Mit seinem Buch „Die große Reise“, das 1963 in Paris erschien, schuf Jorge Semprún sein Erinnerungs-Ich und die erste seiner literarischen Masken. Es ist wichtig, das zu betonen, denn neben der unbezweifelbaren Authentizität des Werkes als Dokument des Holocaust ist die Darstellung seiner Deportation im Viehwaggon nach Buchenwald – fünf Tage und vier Nächte, an deren Ende der völlig ausgelaugte junge Mann einen toten Gefährten in den Armen hält – ein großer künstlerischer Wurf, vergleichbar dem „Roman eines Schicksallosen“ (1975) des Nobelpreisträgers Imre Kertész.

„Es ist noch zu früh, von dieser Reise zu erzählen“, heißt es an einer Stelle, „ich muss sie völlig vergessen, danach erst kann ich vielleicht von dieser Reise erzählen.“ Dieses „völlige Vergessen“ erlaubt den Eintritt der Kunst. Semprún unterscheidet zwischen Erlebnis- und Reflexionsebene, wechselt geschmeidig die Zeiten und findet zu einem lakonischen Ton, der nicht das Grübeln über das Grauen hervorkehrt, das es auch gegeben haben muss, sondern die Details des Lagers sprechen lässt: als Stoff für ein Nachdenken über das Böse, die menschliche Widerstandskraft und den Rest an moralischer Verantwortung, der sich unter schwierigsten Bedingungen zusammenkratzen lässt. Dieser gelassene, selbstbewusste Ton bestimmt fortan Semprúns Umgang mit dem Rohmaterial seines Lebens.

Er war anders als wir

Für „Die große Reise“ erhielt der Autor den Prix Formentor und wurde frei, seine Existenz in wechselnden, oft kunstvollen Arrangements zu umkreisen, etwa in „Der zweite Tod des Ramón Mercader“ (1969), „Federico Sánchez: Eine Autobiographie“ (1977) und „Was für ein schöner Sonntag!“ (1980). Der letzte Titel stellt die abermalige Beschäftigung mit dem Konzentrationslager Buchenwald dar, reflektiert aber auch den Bruch Semprúns mit der KP und forscht nach Zügen totalitärer Kontrolle überhaupt. Auch „Der Tote mit meinem Namen“ (2002) ist eine Wiederbegegnung mit Buchenwald.

Semprúns Werke, selbst romanhafte Verarbeitungen wie „Der weiße Berg“ (1986), sind Spiegelungen derselben politischen Wahrheitssuche. „Warum erfinden“, fragt sich der Erzähler des Buchs „Zwanzig Jahre und ein Tag“ (2003) einmal, „wenn du ein so romanhaftes Leben gehabt hast, in dem es unendlich viel erzählerisches Material gibt?“ Als spielerischer Romancier hat er seinen Lesern ein auf zahlreiche Episoden verteiltes Gesamtlebensbuch geschenkt, das zu einem Monument der europäischen Literatur geworden ist.

Die spanischen Reaktionen auf seinen Tod sind typisch für einen Mann, der seine größte Anerkennung außerhalb der Landesgrenzen erfuhr. Hatte er, statt das Spanische zu feiern, nicht fast sein gesamtes literarisches Werk auf Französisch verfasst? In seinem Erinnerungsbuch „Unsre allzu kurzen Sommer“ (1998, deutsch 1999) schrieb er in literarischer Liebestrunkenheit: „Wie undenkbar es ist, in einer anderen Sprache als der französischen zu einem solchen Gleichgewicht der Elemente eines Satzes, des Präzisen und des Preziösen, der Strenge und der Phantasie zu gelangen.“ Kein Wunder also, dass die konservative spanische Presse, die ungern an die Repression der Franco-Diktatur erinnert wird, ihn wahrnehmbar zurückhaltend betrauerte. Nur „El País“ setzte sein Porträt groß auf die erste Seite, und der Künstler Eduardo Arroyo nannte ihn mit freundschaftlicher Geste den „Mann, der keinen Groll kannte“. Eine tiefe Aussage für einen Spanier, denn sie bedeutet: Er war anders als wir.

Seine Antwort lautete immer: beides

Wie anders er war, hat Jorge Semprún oft unter Beweis gestellt. Er hat den Deutschen die nationalsozialistische Vergangenheit auch nicht um die Ohren gehauen, als Selbstbezichtigung in Deutschland zur rhetorischen Routine gehörte; ihn hat die Vergangenheit nur insofern interessiert, als sie sich in Zukunft umschmieden ließ. Als er im vergangenen Jahr noch einmal nach Buchenwald fuhr, um die Rede zum fünfundsechzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers zu halten, wusste er, das es das letzte Mal sein würde. Und so erzählte er vom Eintreffen der beiden Amerikaner, die um fünf Uhr nachmittags aus dem Jeep stiegen, als historische Ironie, die Gerechtigkeit schuf: Egon W. Fleck und Edward A. Tenenbaum, ein Militär und ein Ziviler, zwei Juden, wie Semprún betont, „vergessene und berühmte Namen“, waren der erste wirkliche Anblick von Freiheit, der den Insassen des Konzentrationslagers Buchenwald nach Jahren des Leidens zuteil wurde.

In der Nacht zum Mittwoch ist Jorge Semprún nach langer Krankheit in Paris gestorben. Wie kein anderer verkörperte er die Überwindung der Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts und den Aufbau der europäischen Friedensordnung. Aber er war auch ein kapitaler Schriftsteller, der einem Werdegang, der für drei Menschen gereicht hätte, ein Höchstmaß an schöpferischer Kraft abgetrotzt hat. „Schreiben oder Leben“, wie eines seiner Bücher heißt, war also gar nicht die Frage, denn seine Antwort lautete immer: beides.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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