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Zum Tod Gore Vidals Der Prinz des amerikanischen Imperiums

Mehr als sechzig Jahre lang hat er die Kritik und das Publikum provoziert, amüsiert, irritiert und fasziniert: Zum Tod des amerikanischen Romanciers, Dramatikers, Sach- und Drehbuchautors Gore Vidal.

© dpa Vergrößern Gore Vidal (3. Oktober 1925 bis 31. Juli 2012)

Als Gore Vidal ein kleiner Junge war, ging er im Kapitol von Washington ein und aus. Dort arbeitete sein Großvater, und der Enkel durfte ihn von der Arbeit abholen. An einem heißen Sommertag hatte der kleine Eugene, wie er damals noch gerufen wurde, nur eine Badehose an. Der Vizepräsident rief den Großvater zur Ordnung: „Herr Senator, der Junge ist nackt!“ Thomas Gore, der demokratische Senator aus Oklahoma, war blind.

Als der Enkel größer wurde, las er dem Großvater vor. Aus dem Vorleser ist ein Autor geworden, der unermüdlich aufgeschrieben hat, was er damals aus dem Munde des Senators und aus dem eigenen Munde gehört hatte. Er hat den alten Herrn in seinen Romanen auftreten lassen, unter dem eigenen Namen und im Kostüm historischer Figuren, wie er auch selbst in den Romanen auftritt – und wie er mit dem Namen des Patriarchen zugleich dessen Amt übernommen hat.

Zwar gelang es ihm nicht, zum Senator gewählt zu werden; in der demokratischen Vorwahl des Bundesstaats Kalifornien unterlag er 1982 Jerry Brown, dem damaligen und heutigen Gouverneur. Aber er hat dem Befehl des Vizepräsidenten getrotzt und sich nicht des Saals verweisen lassen.

Amerika ist nackt

Sein Leben lang stand er auf dem Boden der noblen Kammer und drehte, mit jener elementaren Geste der Opposition, die der Anfang des Parlamentarismus ist, den Spieß um: Er sagte den versammelten Staatsmännern ins Gesicht, dass Amerika nackt sei. Denn aus der Republik von 1776, dem Gemeinwesen der Freien und Gleichen, war ein Kaisertum geworden, und er selbst war dafür der lebende Beweis.

Politische Dynastien wie die Kennedys, mit denen die Vidals verschwägert waren, die Roosevelts oder die Browns vertragen sich auf Dauer schlecht mit der freien Regierungsform. Das gilt auch für die Gores. Mit Albert Gore, Jr., dem Senatorensohn, Senator, Vize- und Fastpräsidenten, wollte Gore Vidal nichts zu tun haben, weil der Vetter sich als Musterschüler seines Harvard-Professors Martin Peretz aufführte, des Eigentümers der Zeitschrift „The New Republic“ und Patrons der Neokonservativen.

Einer der historischen Romane Vidals, die eine zusammenhängende Geschichte des amerikanischen politischen Systems ergeben, eine Gegen- oder Geheimgeschichte, wie sie in der alten Welt von Höflingen geschrieben worden war, heißt ganz einfach „Empire“.

Alterssitz bei Hollywood

Gore Vidal war ein Prinz des amerikanischen Imperiums, dessen Porträt vielleicht einmal ein amerikanischer Tacitus zeichnen wird – wenn man der Senatsaristokratie noch zutrauen möchte, einen solchen Autor hervorzubringen. Als er in den sechziger Jahren sein Land verließ, kaufte er sich natürlich eine Wohnung in Rom. Erst 2003 tauschte er seine Villa an der Küste bei Amalfi gegen einen Alterssitz in der Nähe von Hollywood ein.

In seinen Selbststilisierungen entdeckte man nicht selten einen Anflug von Cäsarenwahn, doch Vidal erlag nie der Illusion, die ein Präsidentschaftskandidat auch dann kultivieren muss, wenn er der Sohn eines Autokonzernchefs und Gouverneurs ist: der Einbildung, er sei ein Selfmademan.

Gore Vidals Vater, Luftwaffenpilot und Fluglehrer in West Point, wo der Schriftsteller am 3. Oktober 1925 geboren wurde, gründete drei Fluglinien und leitete in der Regierung von Franklin D. Roosevelt die zivile Luftfahrtbehörde. Der Zweite Weltkrieg war noch nicht beendet, als der Neunzehnjährige mit dem Roman „Williwaw“ debütierte, in dem er seine Kriegsdiensterlebnisse in Alaska verarbeitet hatte.

Unter Soldaten spielt auch der dritte Roman, „The City and the Pillar“ von 1948, die Geschichte eines homosexuellen Coming-of-Age, die den Literaturchef der „New York Times“ so sehr empörte, dass Vidal-Rezensionen dort viele Jahre lang als zum Druck ungeeignet galten. Der Geliebte des Helden ist ein verheirateter Geschichtsprofessor, der ihm beim Latrinenputzen Vorträge über das Tyrannische an demokratischen Armeen hält.

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