Der österreichische Autor Gert Jonke ist tot. Wie der Verlag Jung und Jung am Sonntag bestätigte, starb der Schriftsteller in der vergangenen Nacht in einem Wiener Krankenhaus. Jonke galt als einer der wichtigsten österreichischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 62 Jahre alt.
In „Der ferne Klang“, Jonkes Roman aus dem Jahr 1979, wird der Erzähler - kein Ich-, sondern vielmehr ein Du-Erzähler, der zufällig Reisebegleiter einer Zirkustheatertruppe geworden ist - Zeuge einer höchst wundersamen akrobatischen Darbietung: Das Fräulein Daniele beherrscht das Kunststück, einen Seiltanz in schwindelnden Höhen auch ohne Seil auszuführen, da sie allein mit der Kraft ihrer Gedanken in der Lage ist, die Luft unter ihren Füßen in eine tragfähige Unterlage zu verwandeln. Eine Luftkunst, die der Wirklichkeit ihre Regeln aufzwingt oder einfach die bestehenden Natur- und andere Gesetze ignoriert, kann man wohl auch das erzählerische Ideal Jonkes nennen - eine literarische Äquilibristik gewissermaßen, ohne Netz, aber nicht ohne doppelten Boden.
Als Jonke Ende der sechziger Jahre die Szene - in seinem Fall keine beliebige Metapher - betrat, stand der Versuch, mit den Mitteln der Kunst, wenn schon nicht die Wirklichkeit, so doch deren Wahrnehmung zu verändern, hoch im Kurs. Der junge Peter Handke hatte der Gruppe 47 1966 in Princeton die Leviten gelesen; das hochgradig artifizielle Schreiben verließ seine Nische und stellte sich neben die offen politisch engagierte Literatur: „Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder“ - Handkes programmatische Thesen aus seinem „Elfenbeinturm“-Essay hätten auch als Motto über Jonke Debüt, dem „Geometrischen Heimatroman“ von 1969, stehen können. Der aus Klagenfurt stammende Autor wies hier weniger, wie der Titel nahelegen könnte, auf die österreichische Antiheimatliteratur der siebziger Jahre wie Franz Innerhofer oder Gernot Wolfgruber voraus, sondern verstand die Form des Heimatromans nur als ein Beispiel für die allerorten herrschenden Konventionen der Wahrnehmung.
Landschaft als Wortmusik
Die repressiven Strukturen, Traditionen und Normen werden nicht hier frontal angegriffen, sondern als sich selbst immer weiter fortspinnende - später sollte man sagen autopoetische - Sprachspiele von innen heraus aufgeweicht und zersetzt. Die Welt des Dorfes ergibt sich zwangsläufig aus Körpern und Bewegungen; die sozialen Institutionen vom Bürgermeister bis zum Straßenfeger lassen sich aus den „Sinuskurven der Berge“ mathematisch ableiten. Man könnte das angewandten Strukturalismus nennen, der sprachliche Verfremdungseffekte hervorruft und seinen Gegenstand ins Absurde verschiebt - das Allerbekannteste wird mit dem Blick des Ethnologen betrachtet und in der Beschreibung eigentlich erst erzeugt. Früher las man das als Kritik an Provinzborniertheit und Herkunftshölle; heute freilich - der Roman wurde 2004 wie andere vergriffene Bücher Jonkes wieder veröffentlicht - bleibt nur eher nüchterne Anerkennung für die erzählerische Versuchsanordnung.
In den siebziger Jahren, in denen Jonke in Berlin und London lebte, später auch viel reiste, lag seine erzählerisch produktivste Zeit. 1979 erschien „Der ferne Klang“, sein bekanntestes Buch, das in endlos dahinrollenden Satzkaskaden die Geschichte eines Subjektverlusts weniger erzählt als vorführt: Ein Komponist, vor Jahren auf der Suche nach bislang ungehörter Musik gescheitert, wacht eines Tages in der Psychiatrie auf und versucht vergeblich, sich Klarheit über seine Situation zu verschaffen. Statt dessen gerät das erzählende „Du“ immer mehr in den Bann einer synästhetisch animierten Landschaft, die selbst Wortmusik wird, an der sich der Leser regelrecht berauschen mag. Trotz einer großen thematischen und stilistischen Schnittmenge zu Thomas Bernhard hat Jonke doch eine ganz eigene Tonart, die weniger von katholischen Litaneien als von kakanisch-austriakischem Behördenjargon geprägt ist. Vor allem in „Der ferne Klang“ wird die Sprache der Ämter und Verordnungen zu Kunst zweckentfremdet - die Registratur feiert Karneval.
Die Grenzen des Erzählbaren ausschreiten und erweitern
Das Scheitern geistiger Ambition an den Gesetzen der Physik und der Anatomie, etwa auch an der Begrenztheit menschlicher Sinnesorgane, ist ein zentrales Motiv in Jonkes Künstlergeschichten, in deren Mittelpunkt nicht zufällig meist Musiker stehen. Nicht nur ist Jonke ein großer Musikkenner, sein eigener Versuch, die Grenzen des Erzählbaren auszuschreiten und zu erweitern, teilt das Dilemma des Komponisten, Musik erschaffen zu wollen, die das menschliche Ohr nicht mehr erfassen kann. „Schule der Geläufigkeit“ - die nach dem klassischen Unterrichtswerk des Klavierpädagogen Carl Czerny betitelte Erzählung von 1977 - faßt als Slogan genau das zusammen, wogegen sich Jonkes Spätavantgardismus wendet: nämlich gegen das Dasein als eine Einübung in vorgegebene Abläufe, Prozesse und Lebensentwürfe, kurz gesagt, gegen die stumpf machende Rationalität der bürgerlichen Existenz: Der Pianist steigt am Ende der „Schule der Geläufigkeit“ ins Klaviertransportgewerbe ein.
So liegt es wohl nicht nur an der Veränderung des auch in der Kritik bestimmenden Literaturgeschmacks, daß es seit den achtziger Jahren ruhiger um Jonke geworden ist - gerade zu einem Zeitpunkt, als Kollegen wie Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek auf dem Höhepunkt ihrer Wirkung waren. Als Autor von zweifellos lukrativeren Hörspielen und Dramen (freilich zum Monolog, zur „Sprechsonate“ neigend) hat Jonke seine Lebensthemen auch später variiert. Erzählerisch ist er wohl wie viele seiner Figuren an die Grenze gestoßen, die die Kunst nicht überschreiten kann, will sie einen Anker in der Wirklichkeit behalten. Sich die unter den sozialen Zwängen erstickende Freiheit herbeizuimaginieren führt eben in den Eskapismus. Ernst-Wilhelm Händler, einer von Jonkes Erben, hat etwa in seinem Roman „Fall“ die Kluft zwischen ökonomisch-rational bestimmter Realität und den literarischen Gegenwelten auf die Spitze getrieben.
Zuletzt erntete Jonke lange entbehrte Anerkennung; seine frühen Werke wurden nach und nach wiederaufgelegt. 2005 erhielt er den Kleist-Preis, im vergangenen Jahr wurde Jonke zum dritten Mal mit dem Nestroy-Autorenpreis für das beste Stück des Jahres ausgezeichnet, für „Freier Fall“ (siehe auch: Zadeks Lebenswerk).