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Veröffentlicht: 04.01.2009, 13:15 Uhr

Zum Tod Gert Jonkes Der Wortmusiker

Er schrieb gegen die stumpf machende Rationalität der bürgerlichen Existenz: In der vergangenen Nacht starb in einem Wiener Krankenhaus einer der wichtigsten österreichischen Autoren der Gegenwart. Zum Tod Gert Jonkes.

von Richard Kämmerlings
© picture-alliance/ dpa Gert Jonke, 1946 - 2009

Der österreichische Autor Gert Jonke ist tot. Wie der Verlag Jung und Jung am Sonntag bestätigte, starb der Schriftsteller in der vergangenen Nacht in einem Wiener Krankenhaus. Jonke galt als einer der wichtigsten österreichischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 62 Jahre alt.

In „Der ferne Klang“, Jonkes Roman aus dem Jahr 1979, wird der Erzähler - kein Ich-, sondern vielmehr ein Du-Erzähler, der zufällig Reisebegleiter einer Zirkustheatertruppe geworden ist - Zeuge einer höchst wundersamen akrobatischen Darbietung: Das Fräulein Daniele beherrscht das Kunststück, einen Seiltanz in schwindelnden Höhen auch ohne Seil auszuführen, da sie allein mit der Kraft ihrer Gedanken in der Lage ist, die Luft unter ihren Füßen in eine tragfähige Unterlage zu verwandeln. Eine Luftkunst, die der Wirklichkeit ihre Regeln aufzwingt oder einfach die bestehenden Natur- und andere Gesetze ignoriert, kann man wohl auch das erzählerische Ideal Jonkes nennen - eine literarische Äquilibristik gewissermaßen, ohne Netz, aber nicht ohne doppelten Boden.

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Als Jonke Ende der sechziger Jahre die Szene - in seinem Fall keine beliebige Metapher - betrat, stand der Versuch, mit den Mitteln der Kunst, wenn schon nicht die Wirklichkeit, so doch deren Wahrnehmung zu verändern, hoch im Kurs. Der junge Peter Handke hatte der Gruppe 47 1966 in Princeton die Leviten gelesen; das hochgradig artifizielle Schreiben verließ seine Nische und stellte sich neben die offen politisch engagierte Literatur: „Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder“ - Handkes programmatische Thesen aus seinem „Elfenbeinturm“-Essay hätten auch als Motto über Jonke Debüt, dem „Geometrischen Heimatroman“ von 1969, stehen können. Der aus Klagenfurt stammende Autor wies hier weniger, wie der Titel nahelegen könnte, auf die österreichische Antiheimatliteratur der siebziger Jahre wie Franz Innerhofer oder Gernot Wolfgruber voraus, sondern verstand die Form des Heimatromans nur als ein Beispiel für die allerorten herrschenden Konventionen der Wahrnehmung.

Landschaft als Wortmusik

Die repressiven Strukturen, Traditionen und Normen werden nicht hier frontal angegriffen, sondern als sich selbst immer weiter fortspinnende - später sollte man sagen autopoetische - Sprachspiele von innen heraus aufgeweicht und zersetzt. Die Welt des Dorfes ergibt sich zwangsläufig aus Körpern und Bewegungen; die sozialen Institutionen vom Bürgermeister bis zum Straßenfeger lassen sich aus den „Sinuskurven der Berge“ mathematisch ableiten. Man könnte das angewandten Strukturalismus nennen, der sprachliche Verfremdungseffekte hervorruft und seinen Gegenstand ins Absurde verschiebt - das Allerbekannteste wird mit dem Blick des Ethnologen betrachtet und in der Beschreibung eigentlich erst erzeugt. Früher las man das als Kritik an Provinzborniertheit und Herkunftshölle; heute freilich - der Roman wurde 2004 wie andere vergriffene Bücher Jonkes wieder veröffentlicht - bleibt nur eher nüchterne Anerkennung für die erzählerische Versuchsanordnung.

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