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Zum Tod des Schriftstellers J. D. Salinger Den Kindern und Narren gehört das Himmelreich

 ·  Sein Roman „Der Fänger im Roggen“ gehört zu den meistgelesenen Büchern der amerikanischen Literatur, mit Holden Caulfield schuf er einen Charakter der Weltliteratur: Der amerikanische Schriftstellers J. D. Salinger, Kultautor der angry young men, ist jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben.

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Als 1961 der Autor des Weltbestsellers „Der Fänger im Roggen“ nach langer Pause ein neues Buch veröffentlichte, das zwei schmale, bereits im „New Yorker“ erschienene Erzählungen enthielt, schoss es kometenhaft auf den Spitzenplatz der Bestsellerliste. Mehr noch als sein Inhalt sorgte die Mitteilung Salingers für Aufsehen, er arbeite an einem ehrgeizigen „long-term project“, einer Reihe von Erzählungen über eine Familie mit Namen Glass, zu der die beiden Geschichten von „Franny und Zooey“ ein bescheidener Auftakt sein sollten. Er kündigte weitere Publikationen an und fuhr fort, er habe „einen großen Haufen Material“ niedergeschrieben, der ihn aber „noch eine ganze Weile“ beschäftigen werde. In den nächsten Jahren erschienen noch drei weitere, kurze Texte. Seit 1965 hat Salinger nichts Neues mehr publiziert und ist gerade deshalb zur Legende geworden, zum Paradox eines Autors ohne Werk.

Aber auch an seiner Biographie kann sich der Wissensdurst seiner Verehrer kaum schadlos halten, geben doch die dürren Fakten weder Aufschluss über sein Schreiben noch über sein Verstummen. Die erschienenen Memoiren seiner Tochter Margaret und seiner Ex-Freundin Joyce Maynard, die das Bild eines paranoiden und hochneurotischen Schrats zeichnen, machen sein Leben und Werk eher noch rätselhafter.

Die Stimme der jungen Wilden

Jerome David Salinger wurde am 1. Januar 1919 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer irisch-schottischen Mutter geboren. Die Tatsache, dass er seinen Schulabschluss auf einer Militärschule gemacht hat, die offenbar Züge des Internats aus dem „Der Fänger im Roggen“ trägt, legte zusammen mit einigen frühen Interviewäußerungen eine autobiographische Lektüre nahe, die jedoch nicht zwingend ist. Nach ersten Publikationen wurde Salinger 1942 eingezogen, seine Erfahrungen als Soldat hat er in einigen seiner besten Kurzgeschichten verarbeitet. Schon bald nach Kriegsende gehörte er zu den gefragtesten Autoren des „New Yorker“, in dem er auch später alle seine Werke vorabdrucken ließ.

Video: Trauer um J.D Salinger

Liest man „Der Fänger im Roggen“, der Salinger 1951 über Nacht berühmt machte, nach beinahe sechzig Jahren wieder, so kann man sich immer noch von seiner erbarmungslosen Kritik am heuchlerischen Getriebe der Welt und der Kraft seines Hasses mitreißen lassen. Der siebzehnjährige Holden Caulfield, der nach dem Rauswurf aus dem Internat einige Tage einsam und ziellos durch New York streift, ist eine nach wie vor aktuelle Figur. Eine literaturhistorische Einschätzung wird jedoch zwischen Wirkung und Wertung zu unterscheiden haben. Weniger wird man Salinger die Holzschnittartigkeit der Nebenfiguren vorwerfen können, ist doch die Subjektivität Caulfields das fokussierende Organ der Erzählung. Das dualistische Weltbild des angry young man, das nicht verstehen, sondern richten will, überzeugt für sich allein genommen wohl nur Angehörige der gleichen Lebensphase restlos. Nicht nur wegen der Erziehungsthematik ist „Der Fänger im Roggen“ als Schullektüre kanonisiert. So ist die notwendige Beschränktheit seiner Perspektive Stärke und Schwäche des Buchs zugleich. Mit Holden Caulfield hat Salinger dennoch einen Charakter der Weltliteratur geschaffen, dem auch Heinrich Bölls glättende Übersetzung seine Ecken und Kanten nicht abzuschleifen vermochte.

Prophet und Erlöser

Unmittelbar nach „Der Fänger im Roggen“ hatte sich Salinger auf sein weitläufiges Grundstück in Cornish, New Hampshire, zurückgezogen. Er studierte indische Mystik und lehnte schon lange vor seinem endgültigen Verstummen öffentliche Auftritte und Interviewanfragen ab. Anders als etwa Wolfgang Koeppen, um ein deutsches Beispiel zu nehmen, hat Salinger sich bewusst entschieden, nichts mehr zu publizieren. Als 1974 frühe Geschichten in illegalen Raubdrucken zu kursieren begannen, wandte sich der aufgebrachte Autor an die „New York Times“ und gab ein Telefoninterview, in dem er vom „wunderbaren Frieden“ des Nichtpublizierens sprach: „Veröffentlichen ist eine schreckliche Verletzung meiner Privatsphäre. Ich schreibe gern. Ich schreibe liebend gern. Aber ich schreibe nur für mich und zu meinem eigenen Vergnügen.“ Mit dem Schriftsteller Bill Gray in „Mao II“ hat Don DeLillo Salinger selber zur literarischen Figur gemacht und das Paradox des unbekannten Meisterwerks auf die Spitze getrieben. Ob Salinger aber tatsächlich ein Opus Magnum in der Schublade hat und der Öffentlichkeit vorenthält, ist Spekulation.

Nicht zufällig richten sich auf die Wiederkunft des Autors Salinger beinahe messianische Erwartungen. „Der Fänger im Roggen“ wurde von vielen, zumeist jungen Lesern immer wieder als Offenbarung beschrieben. Die religiöse Dimension des Werkes ist augenfällig. Caulfield ist kein Umwerter aller Werte, vielmehr ein gefallener Engel auf der Suche nach Reinheit, der die Wirklichkeit an den gepredigten Idealen misst. Für seine kleine Schwester Phoebe will Caulfield alle „Fuck You“-Sprüche von allen Wänden tilgen - Kindheit als Symbol der Unschuld spielt bei Salinger immer eine wichtige Rolle. Direkter sprechen die Glass-Storys von Erleuchtung und Heilssuche, wenn etwa Frannies Beschäftigung mit östlichen Weisheitslehren mitten im Fegefeuer der Eitelkeiten mit der abgeklärten Intellektualität der College-Welt kontrastiert wird.

Seymour, der schon in der frühen Kurzgeschichte „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“ als offenbar geistesgestörter Selbstmörder auftritt, ist die Lichtgestalt, um die herum sich die Glass-Geschichten organisieren. Dabei geht Salinger in umgekehrter Chronologie vor, die letzte Publikation „Hapworth 16, 1924“ präsentiert einen nahezu unlesbaren Brief des siebenjährigen Buben, der mehr verrätselt als erklärt. Seymore ist ein Idiot im Sinne Dostojewskis, gleichsam ein Narr in Christo und verkörpert für Buddy und die anderen Geschwister das, was Salinger vielen Lesern war: Prophet und Erlöser. Wie vielleicht nur noch Hermann Hesse wurde Salinger der Meister, sein Schweigen schien nur noch die erreichte Stufe der Erleuchtung zu bestätigen. So läuft Salingers publiziertes Œuvre inhaltlich auf ein Verstummen hinaus.

Ein rückwärtsgewandter Schriftsteller

Die verschiedenen Glass-Geschwister dienen Salinger zum Durchexerzieren von Lebensmustern. Seymour (gleich „see more“) Glass ist zur Weisheit gelangt, endet jedoch durch Selbstmord, eine provokative Ausgangskonstellation, die nur durch den Rückzug auf die Kindheit auflösbar ist. Alle Kinder traten als Hochbegabte in einer landesweiten Rundfunksendung auf, die als mythischer Sündenfall für die spätere Selbstentfremdung verantwortlich scheint. Salingers ganzes Werk ist durchzogen vom Gegensatz zwischen öffentlichen Anforderungen und privatem Erlösungsverlangen. Vor allem Massenmedien wie Film und Fernsehen gelten ihm als Inbegriff der Zerstreuung. Schon Holden klagt seinen Bruder an, sich als Drehbuchautor in Hollywood prostituiert zu haben. Eine Verfilmung seiner Werke hat Salinger konsequenterweise stets abgelehnt.

Salingers letzte veröffentlichte Texte bieten ein komplexes Vexierspiel um das Phänomen der Autorschaft, wie es später ein Paul Auster konsequent weitertreiben sollte. So wehrt sich in „Seymour wird vorgestellt“ (1959) der Schriftsteller Buddy gegen die Vermutung, sein Bruder Seymour hätte dem jugendlichen Helden seines einzigen Romans Pate gestanden. Dass der Autor des „Fängers“ eine fiktive Figur sein könnte, ist gar nicht weit von der Wirklichkeit entfernt. Denn welche Tatsachen liefert schon ein Schnappschuss von Salinger an der Supermarktkasse?

Bei aller gemäßigter erzählerischer Fortschrittlichkeit ist Salinger im Grunde ein rückwärtsgewandter Schriftsteller. Weil Autorschaft ihm selber das zentrale existentielle Problem war, entdeckte er für sich eine postmoderne Form des Realismus, die mit Metafiktion spielt. Leider ist es (noch?) nicht möglich, den erzählerischen Fortgang dieses nur an seinen ersten Umrissen zu taxierenden Unternehmens abzuschätzen. Es bleibt zu hoffen, dass der Leser nicht für immer vor der Mauer des Schweigens stehenbleiben muss. Von Salinger, der am Mittwoch im Alter von 91 Jahren starb, möge das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

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