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Zum Tod Hermann Kants : Im eigenen Schatten

Hermann Kant, geboren am 14. Juni 1926 in Hamburg, gestorben am 14. August 2016 in Neustrelitz, kurz nach dem Mauerfall Bild: Picture-Alliance

Unter den staatsloyalen Schriftstellern in der DDR war er einer der wenigen, die übers Unterhaltsame und Sozialistische hinaus Kunst zu bieten hatten. Zum Tod des politischen Schriftstellers Hermann Kant.

          Das Verhältnis zwischen seiner Kriegsgefangenschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs einerseits und seinem Engagement als Schriftstellerverbandspolitiker für die DDR andererseits, das ihn bei jedem Treffen mit Leuten wie Günter Grass zum Kundschafter des Ostens machte, kann man nicht knapper zusammenfassen, als Hermann Kant das vor zehn Jahren in der Erzählung „Heusers Signatur“ mit dem vertrackten Wahrwort von der „befreienden Ostgefangenschaft einerseits und der Freiheitsbefangenheit des Westens andererseits“ getan hat. Der schmerzhafte Zusammenhang, den das bezeichnet, war sein Lebensthema; Kants bester Roman „Der Aufenthalt“ (1977) handelt davon.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Nachdem die DDR zusammengebrochen war, sah es zunächst danach aus, als würde von ihrem literarischen Ruf nur das weitergetragen werden, was sich zu Lebzeiten dieses Staates als grundsätzliches Nichteinverstandensein mit seiner Politik artikuliert hatte. Am Allerunwahrscheinlichsten waren (und sind) Neuauflagen von Büchern, die vor 1989 im SED-Machtbereich sehr hohe Auflagen erreicht hatten, weil sie einerseits leicht lesbar vergnüglich und andererseits in ihrem sozialistischen Blick auf die Welt gefestigt waren - auf erfolgreiche Neuausgaben dieser Sorte Bücher, sagen wir: des scharf dissidentenfeindlichen Agentenkrimis „Der Gaukler“ (1978) von Harry Thürk, sollte man nicht wetten.

          Ein Witz und eine Wahrheit

          Wer unter den Staatsloyalen allerdings übers Unterhaltsame und Sozialistische hinaus Kunst zu bieten hatte, stand und steht besser da - Peter Hacks und Hermann Kant werden weiterhin (und sogar von neuen, wenn auch kleinen Publikumsstämmen) gelesen.

          Hacks hat „den Deutschen“ (wie er uns gern nannte) Verse, Dramen und Essays in ihrer Sprache zu einer Zeit hinterlassen, da Verse, Dramen und Essays hierzulande meist mit niedrigem Gestaltungsanspruch verfasst werden; über Kant und die Prosa darf man dasselbe sagen - ein Satz wie „Führendes und fahrendes Volk fuhr im ehemaligen Zeughaus auf“, in „Heusers Signatur“ als Beschreibung eines Kultur-Events gemeint, klingt einerseits wie ein guter Witz über die Stabreimgewohnheiten deutsch-bulliger Stilisten seit Richard Wagner und teilt andererseits, von der reizvollen klanglichen Knorrigkeit abgesehen, sogar etwas Beobachtetes mit, stoisch-lakonisch.

          Er hat der DDR gedient

          Derlei Tonfälle lagen Hermann Kant, weil darin Witz und Selbstzucht, zwei menschliche Vermögen, die ihm ebenfalls lagen, einander sehr nah sein durften. Wenn er, der sich als Künstler nur im Sinne einer Steigerung von „Handwerker“ sah, also etwa quälend an der Hand erkrankt war, schrieb er im selben munter-knappen Stil vom „Brand in meiner Pfote“. Und dass er als Funktionär im Schriftstellerverband der DDR noch einmal mit Verbandspolitik anfing, nachdem er dieser Tätigkeit, in deren Schatten seine Literatur bis zuletzt nicht nur für Westler stand, schon fast entkommen war, beschrieb er ohne Selbstschonung als sein „Zurückkriechen in die Verbandssielen“, das ihm die Pflicht auferlegt habe, „sich weder von Freund noch Feind sehr viel gefallen“ zu lassen - mit erwartbarsten Folgen in den Neunzigern: „Dass Feind sich heutzutage dessen erinnert und Freund nur selten weiß, wovon die Rede ist, sollte man zu den natürlichsten Erscheinungen des Lebens zählen.“

          Kant hat der DDR gedient. Sie hat ihn dafür mit ihrem Ende vielleicht nicht weniger enttäuscht, als sie diejenigen mit ihrer Wirklichkeit gequält hat, die ihr als ihre Bewohnerinnen und Bewohner nicht dienen wollten, weil sie von einer anders sozialistischen (oder gleich einer bürgerlich-demokratischen) Republik träumten. Die Menschen kriegen selten, was sie sich wünschen - das ist die Grundmelodie der nüchternsten DDR-Romane von Nichtdissidenten zwischen Kants „Aula“ (1965) und Dieter Nolls „Kippenberg“ (1978). Die Moral dieser Bücher lautet: Es liegt nicht an den Wünschen.

          An diesem Sonntag ist Hermann Kant im Alter von neunzig Jahren in Neustrelitz gestorben.

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