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Günter Herburger gestorben : Text will Musik atmen

Läufer, Sänger, Dichter: Günter Herburger 1972. Bild: Friedrich, Brigitte

Der Weg vom bloßen Hinschauen zum prägnanten Satz schien dem Langstreckenliebhaber zu kurz. Er durchdrang die Wirklichkeit: Ein Nachruf auf den Schriftsteller Günter Herburger.

          Klarer Dichterblick schaut aufs Vorhandene so, dass Fremdes oder Vergangenes hindurchscheint, zum Beispiel auf einem Begräbniszug: „Wir kamen auch an der Villa des Internisten vorbei, der noch zu helfen versucht hatte. Das Haus steht am Weg zum Friedhof, wie in Pompeji schon das Haus des Arztes kurz vor dem Friedhof liegt.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Sätze stehen in Günter Herburgers vielgerühmter, 1972 erschienener und 1977 von Bernhard Wicki verfilmter Erzählung „Die Eroberung der Zitadelle“. Ein Schriftsteller, dem an seiner gesellschaftlichen Umgebung selbst im Kummer mehr und Tieferes auffällt als dem gängigen Reportagedenken der literarischen Lebensweltschilderei, hat seinen Karriereplan in der Tasche: Er darf ein großer Realist und Naturalist werden, erzählender Sozialkritiker mit kontrolliertem, gleichmäßigem Atem, der die blitzende Einzelbeobachtung als Sprinter auf der Storykurzstrecke so sicher zum Ziel tragen kann wie den reichen, schicksalsbestimmenden Gedanken auf Romanlänge.

          Für so einen gediegenen, aber auch braven Realismus und Naturalismus, wie er einen Großteil des vor allem englischsprachigen Prosamarktes bis heute beherrscht, war Herburgers Herz jedoch zu stark. Der Weg vom bloßen Hinschauen zum prägnanten Satz schien dem Langstreckenliebhaber zu kurz, der auch aus seinen Erfahrungen als Läufer große Literatur (statt bloß Selbsterfahrungs- und Körperoptimierungsgeplapper) gemacht hat, etwa im Band „Lauf und Wahn“ von 1988.

          Den weiten Raum der eben nicht nur abbildenden, sondern auch phantastischen und spekulativen Schreibformen hat Herburger in sämtlichen Himmelsrichtungen und Sprachwetterlagen durchquert, im heißen Traumwind und im kalten Trauerregen. Immer war die Wirklichkeit ihm „Wildnis, singend“, wie sein letzter Roman von 2016 heißt, und ihr Boden sedimentierte Textgeschichte der Vorfahren: Den Roman „Les lauriers sont coupés“ von Édouard Dujardin, aus dem James Joyce die Technik des inneren Monologs geholt hat, übersetzte Herburger 1966 als „Geschnittener Lorbeer“ in ein Deutsch, das munter aus der klassischen Moderne in etwas Neues springt, rege wie ein Bächlein in der romantischen Lyrik. Hier wie bis zuletzt im eigenen Schaffen war Herburger ein Feinstmechaniker der Infinitesimalentrückung, des kleinstsagbaren Schritts direkt neben die vertraute Welt, der auf Deutsch allenfalls in Ror Wolf seinesgleichen hat. Im Spätwunder „Haitata. Kleine Wilde Romane“ (2012) wird daraus die pure, gläsern musikalische Magie: „Ein Mann hängt im Grunewald an seinen langen, weißen Haaren in einem Baum. Rasiert ist er nicht. Nach ein paar Tagen wird er von Spaziergängern entdeckt, die stumm zu ihm hochschauen. Er sei nicht Jesus, ruft er.“

          Fast vergessen, sehr zu Unrecht, ist sein ebenso wuchtiges wie kurzweiliges Hauptwerk, die „Thuja“-Trilogie in drei Sätzen: „Flug ins Herz“ (zweibändig, 1977), „Die Augen der Kämpfer“ (auch zweibändig, 1980 und 1981), schließlich „Thuja“ (1991). Publizistisch querfinanziert hat er sie mit drei Kinderbüchern über eine denkende, fliegende, sprechende Glühbirne, zwischen 1971 und 1975 – mit Texten, die frischer und feiner getrickst sind als das meiste, womit sich erwachsene Bestenlisten seither abspeisen ließen. Schon neben „Birne kann noch mehr“ (1971) verglüht die ganze schwerfällige linke Betroffenheits- und Friedensliteratur der Zeit: „Birne besitzt weder Raketen, Atombomben noch Armeen, doch sie hat Verstand. Sie geht zu jedem, der mit Wärme zu tun hat, und überredet ihn, nicht mehr mitzumachen“ – mit Erfolg: „Jeder friert, als stünde er nackt in der Kälte. Den Generälen, die immer sitzen und beratschlagen, wachsen Eiszapfen an den Hintern. Selbst eine Zigarettenmarke, die Roth-Händle heißt, ändert plötzlich ihre Schrift und heißt Schnee-Händle. Der Tabak hängt bleich und traurig aus dem Papier. Der Krieg ist endgültig aus.“ Schlüsse wie dieser sind bei Günter Herburger nie Endpunkte im Verstummen, sondern Aufbrüche, sie holen und bringen neue Luft; der schönste beschließt „Thuja“: „Frühmorgens stapfte Angela, den blau glitzernden Helm auf, als erste durch den von Sonne beschienenen Schnee des Gräberfelds. Das Kind begutachtete sein Reich, sang und sprach mit seinen Geistern, mit uns.“ Am vergangen Donnerstag ist Günter Herburger in Berlin im Alter von sechsundachtzig Jahren gestorben.

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