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Zum Tod des Autors Boris Strugatzki Der Doppelgänger aus dem Spiegel

Er gehörte zum berühmtesten Autorenduo der Science-Fiction, doch auch allein war seine Phantasie unerschöpflich: Zum Tod von Boris Strugatzki.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Die Brüder Strugatzki, links Arkardi, der schon 1991 verstarb, rechts Boris

Die eine Hälfte eines Dichters stirbt, die andere lebt und schreibt weiter, aber so, dass daraus ein neuer Dichter wird, dessen trauerschwerer, jedoch nie tränenerstickter Tonfall dem verlorenen Teil seines früheren Selbst den besten Nachruf schreibt: Solche Geschichten finden wir, wie etwa auch die vom Doppelgänger aus dem Spiegel, vom verlorenen Schatten oder vom verkauften Lachen, in der phantastischen Literatur, wo sie der poetischen Erkundung von Fragen der Brüchigkeit, Begrenztheit oder inneren Leere der Kategorie „personale Identität“ dienen.

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Solche Geschichten gibt es freilich auch im Leben: Die beiden neben Lem bedeutendsten Vertreter der fruchtbaren, von Gogol bis Kafka reichenden Phantastiktradition des Raumes zwischen Osteuropa und Russland in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, Arkadi und Boris Strugatzki, schrieben Zeit ihres gemeinsamen Wirkens, also von den frühen fünfziger Jahren bis zu Arkadis Tod 1991, mit einer Stimme, die so sicher in sich ruhte, dass man auf den Gedanken, wer von beiden denn nun genau was erdacht oder formuliert haben mochte, einfach nicht kam.

Science-Fiction ohne Eile

Aber man wusste, dass sich da etwas gut ergänzte und eine dritte Person schuf, die vom Sprachgefühl Arkadis, der technischer Übersetzer war, Englisch und Japanisch konnte, aber auch vom Planungstalent des Bruders Boris profitierte, des Mathematikers und Computerwissenschaftlers.

Als Arkadi gestorben war, versuchte Boris klugerweise nicht, allein mit dieser Stimme weiterzuerzählen, sondern verfasste die beiden Romane „Die Suche nach der Vorherbestimmung“ (1994) und „Die Ohnmächtigen“ (2003) unter dem Pseudonym S.Vititsky. Die Bücher sind eine Coda und wollen mehr nicht sein; ihre deutschen Übersetzungen sind nicht unter dem erfundenen, sondern unter dem wahren Namen des Überlebenden einer der produktivsten Kollaborationen der jüngeren Literaturgeschichte erschienen.

Rund dreißig Romane und ein gutes Dutzend Erzählbände, fast alle eindeutig dem Genre Science-Fiction zugehörig, schuf das Kombinat, und nichts davon ist eilends hingehuscht oder bedient mit Gebäck aus Fertigförmchen einen Genremarkt, wie er die Entwicklung der Gattung im Westen zur selben Zeit teils förderte, teils einschränkte, immer regierte.

Unverständlichkeit des Wunderbaren

Eine von den großen Geschichtswetterumschwüngen der Epoche wie schockgefrorene, manchmal klirrend kalte Diktion, bar der vor allem von ihrem Konkurrenten (und Bewunderer) Lem geliebten Ironie, ein bedächtiges, antisentimentales Berichten, das selbst bei kurzen Texten in oft atemraubend weitläufigen und metaphysisch abgründigen Handlungs- und Themenarchitekturen widerhallte wie in der menschlichen Verlorenheit selbst - das war die auffälligste stilistische Stärke des Brüderpaars.

Gefühlsausbrüche, Überschwang, auch eingestandene Hoffnungen fanden nur in Dialogen statt, die dann oft ins Leere fielen wie der Satz „Glück für alle, umsonst, und niemand soll gekränkt fortgehen!“, mit dem der Roman „Picknick am Wegesrand“ (1972) abrupt endet. Das Buch ist die große existenzialistische Parabel über die Unverständlichkeit des Wunderbaren und die ernüchternde Vorstellung, dass das Übermenschliche, wenn es denn existieren würde, dem Menschlichen so fremd wäre, dass sich daraus weder Erlösung noch Trost lesen ließen.

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Andrej Tarkowski hat „Picknick am Wegesrand“ 1979 zur Vorlage seines Films „Stalker“ gemacht, der nicht dem Buchstaben, wohl aber dem Geist des Romans durchgängig die Treue wahrt (das Drehbuch stammte von den Brüdern selbst).

Am Montag ist Boris Strugatzki gestorben - in Sankt Petersburg, wo er 1933 geboren wurde, als die Stadt noch Leningrad hieß.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.11.2012, 16:24 Uhr