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Zum Sechzigsten von T.C. Boyle In den Fängen der Gene

02.12.2008 ·  Amerika im Blickfeuer: T.C. Boyle zum Sechzigsten

Von Andreas Platthaus
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T.C. Boyle hat im Laufe seiner mittlerweile dreieinhalb Jahrzehnte umspannenden Schriftstellerkarriere zwei Blicke auf seine amerikanische Heimat kultiviert. Es sind jeweils doppelt unschuldige: einmal der Blick von optimistischen Fremden wie dem japanischen Matrosen Hiro Tanaka, der im Roman „Der Samurai von Savannah“ (1990) nahe der amerikanischen Küste von Bord seines Schiffes springt, um endlich das Land seines Vaters zu erreichen, das er sich als Paradies vorstellt. Es ist derselbe Blick wie der des mexikanischen Einwandererpaars América und Cándido, das sich illegal, doch voller Hoffnung über den „Tortilla Curtain“ (1995; zu Deutsch „América“) nach Kalifornien durchschlägt.

All diese Träume werden enttäuscht. Der zweite Blick auf die Vereinigten Staaten, den Boyle literarisch geprägt hat, findet sich vor allem in den Short Storys, mit denen der 1948 in Peekskill (New York) geborene Schriftsteller auch debütierte. 1979 kam die Sammlung „Descent of Men“ heraus, die erst sechzehn Jahre später auf Deutsch als „Tod durch Ertrinken“ erscheinen sollte. Darin findet sich der Blick auf Amerika von innen, aus dem Herzen einer Finsternis, die aber davon überzeugt ist, der Welt das Licht zu bringen. Bei einem derart mit allen mythischen und mystischen Wassern gewaschenen Autor wie Boyle muss diese luziferische Ambition den Kern zu ihrer Strafe bereits in sich tragen. Und so sind es die naiven Amerikaner selbst, die sich Leben und Land noch dann als zivilisiert ausmalen, wenn die ursprüngliche Wildnis längst wieder triumphiert hat.

Durchschaute Illusionen

Die doppelte Unschuld dieser Protagonisten resultiert aus ihrem Vertrauen auf den amerikanischen Traum und ihrem emphatischen Verständnis von Menschlichkeit, das immer nur auf Liebe, Harmonie und Kultur abzielt. Diese Erwartungen werden gründlich desillusioniert. Deshalb war bereits der Originaltitel des ersten Buchs - „Abstieg des Menschen“ - programmatisch für die Erzählungen. Im neuesten Band „Zähne und Klauen“ allerdings finden sich nun auch Figuren, die ihre Illusionen durchschaut haben, aber ihre Umwelt immer noch vor der eigenen Einsicht schützen wollen: „Ich sagte ihm nicht“, so einer von Boyles Erzählern, „dass das Leben ein einziger Kampf gegen die Schwäche ist, der nicht im Kopf oder mit dem Willen ausgefochten wird, sondern in den Zellen, in den Enzymen, in der DNA, die mit ihrem Schlüssel in den Mechanismus unserer Persönlichkeit eingreift.“ Und gegen Gene kämpfen selbst Götter vergeblich.

In seinen bislang elf Romanen dagegen erzählt Boyle weniger zynisch, auch wenn der erste, „Wassermusik“ (1982), seinen Protagonisten, den Afrika-Forscher Mungo Park, am Schluss im dunklen Kontinent verschwinden lässt. Hier ist noch die Nähe zu Bruce Chatwin auffällig, der zwei Jahre zuvor „Der Vizekönig von Ouidah“ publiziert hatte, doch je esoterischer Chatwin wurde, desto exoterischer entwickelte sich Boyle - bis hin zu seinem bislang letzten Roman, „Talk Talk“, der 2006 die Kriminalgeschichte einer Taubstummen erzählte, die um ihre Identität betrogen werden soll.

Wehe den Fortschrittsgläubigen!

Immer ist es das Individuum, das herausgefordert und aus seinen Sicherheiten gerissen wird. Und wenn Boyle große Vertreter der amerikanischen Populärkultur wie den Cornflakes-König John Harvey Kellogg („Willkommen in Wellville“) und den Sexforscher Alfred Kinsey („Dr. Sex“) zu Gegenständen seiner Bücher macht, dann nur, um an diesen Männern, die glaubten, die Menschen auf einen Nenner bringen zu können, ein literarisches Exempel zu statuieren. Wehe dem Fortschrittsgläubigen, der unter Boyles Feder kommt - oder an seine Bücher gerät. Heute feiert der im kalifornischen Santa Barbara lebende und lehrende Schriftsteller seinen sechzigsten Geburtstag.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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