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Zum Neunzigsten von Ursula Wölfel : In Wildnis und Geborgenheit

Ursula Wölfel (1922 bis 2014) Bild: Thienemann Verlag

Eltern haften für ihre Kinder: Entdeckerdrang ist gut, und Schutz muss sein. Das lesen wir bei der Kinderbuchautorin Ursula Wölfel, die an diesem Sonntag ihren neunzigsten Geburtstag feiert.

          Nicht dass man ihn nicht gewarnt hätte. Als Joschi im Büro des humorigen Unternehmers steht, weil er ihm ein verwildertes Grundstück abkaufen will, erhält er von dem Spaßvogel zwar eine Art Kaufvertrag, von der Sekretärin aber auch den gutgemeinten Rat, er möge das alles nicht zu ernst nehmen. Joschi, der bei seiner Mutter und ohne Vater aufwächst, der viel zu viel allein ist und sich nichts sehnlicher wünscht als einen Garten, überhört die Warnung, und auch der freundliche Polizist Möller, der den Jungen unter seine Fittiche nimmt, dringt in diesem Punkt nicht zu ihm durch.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Immerhin nimmt er Anteil an Joschis Gartenabenteuer, lobt ihn für sein Bemühen, aus der Wildnis eine Idylle mit Hütte und Blumenbeeten zu machen, und interessiert sich auch für die Situation zu Hause mit der alleinerziehenden Mutter.

          Der Ton der ersten Bücher hallt nach

          All das könnte in Ursula Wölfels Erzählung „Joschis Garten“ (1965) der pure Kitsch werden, denn natürlich wäre die durch zahllose Filme, Heftromane und auch Kinderbücher genährte Vermutung über den Handlungsverlauf die, dass es nun zur Eheanbahnung zwischen Polizist und Mutter kommt. Ob er verheiratet sei, fragt Joschi den Wachtmeister dann auch, und ob er Kinder habe? Und Möller erzählt von seiner Frau und seinem kleinen Sohn.

          Ursula Wölfel ist ausgebildete Lehrerin, arbeitete am Pädagogischen Institut Jugenheim/Bergstraße und half später mit, in Frankfurt das Institut für Jugendbuchforschung aufzubauen. 1959 veröffentlichte sie mit dem Indianerroman „Fliegender Stern“ und „Der rote Rächer und die glücklichen Kinder“ die ersten von bislang etwa 50 Kinderbüchern, und der Ton, den sie darin anschlug, hallt bis heute in ihren Texten nach. So ist der Titelheld von „Der rote Rächer und die glücklichen Kinder“ ein einsames Kind, das sich auf den Weg zu einer geliebten Erzieherin macht und feststellt, dass der erträumte Platz an ihrer Seite schon an andere Kinder vergeben ist. Also schlägt er sich allein durch, beobachtet aber im Verborgenen genau, was sich im Haus der Erzieherin tut - in der Geborgenheit also, die er sich wünscht, während gleichzeitig dieser Wunsch zum Auslöser einer Existenz in der totalen Ungebundenheit wird.

          Nicht alleinlassen

          Sie habe ihre „ganze Kindheit auf der Straße und in Schrebergärten verbracht“, sagt die Schriftstellerin, die im Ruhrgebiet als jüngste von vier Geschwistern aufwuchs, und sei erst in der Dämmerung wieder nach Hause gekommen. Eine früh geschlossene Ehe endete 1945 mit dem Tod ihres Mannes in Kriegsgefangenschaft, und ihre Tochter Bettina, die später viele der Bücher ihrer Mutter illustriert hat, zog sie allein groß.

          Ursula Wölfel ist eine der erfolgreichsten Autorinnen für junge Leser. Ihre Bücher sind millionenfach verbreitet, Sie selbst ist vielfach ausgezeichnet worden, darunter 1962 mit dem Jugendliteraturpreis für den Vater-Sohn-Roman „Feuerschuh und Windsandale“ und 1991 mit dem Sonderpreis dieser Auszeichnung für ihr Gesamtwerk. Dabei war damals ihr gefeierter Jugendroman „Ein Haus für alle“ noch gar nicht erschienen, der am Beispiel einer Familie in Wölfels Geburtsort Hamborn bei Duisburg die Weimarer Republik und die NS-Zeit schildert und wo sich die Solidarität im titelgebenden Haus als oft stumpfe Waffe gegen die Bedrohung von außen erweist. Und auch stilistisch erweist sich dieser Roman in ihrem Gesamtwerk als herausragend, weil er die von ihr virtuos gehandhabte Kinderbuchsprache zugunsten eines wesentlich komplexeren Erzählstils aufgibt.

          „Eltern haften für ihre Kinder“ steht schließlich auf dem Baustellenschild in Joschis Garten, der dem Jungen kaltlächelnd wieder weggenommen wurde. Die Autorin erwähnt das nur beiläufig. Und doch ist diese Mahnung jenseits aller Strafandrohung ein Kerngedanke in ihrem Werk. Wer Kinder allein lässt, wer ihre Signale überhört, wer im ungestümen Entdeckerdrang nicht auch die Sehnsucht nach Geborgenheit bemerkt, wird ihnen nicht gerecht. An diesem Sonntag feiert Ursula Wölfel ihren neunzigsten Geburtstag.

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