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Ursula Krechel zum Siebzigsten : Keine Magermilch, und bloß keine Kreide

Am Vorabend des Buchpreisgewinns: Ursula Krechel Anfang Oktober 2012 im Frankfurter Römer Bild: Frank Röth

Seit dem Buchpreis für ihren Roman „Landgericht“ und dessen Verfilmung gehört sie zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Doch Facetten ihres Schreibens sind noch zu entdecken: Zum siebzigsten Geburtstag von Ursula Krechel.

          In den letzten zehn Jahren ist viel passiert in der Karriere von Ursula Krechel. Zuvor war sie vor allem als Lyrikerin und Bühnenautorin bekannt gewesen, als Chronistin und Interpretin der Frauenbewegung und auch als Verfasserin von Hörspielen. Aus einem davon, „Shanghai fern von wo“, gesendet 1998, entstand danach noch ein Roman gleichen Namens, der auf der Grundlage umfangreicher Recherchen das Schicksal jüdischer Exilanten erzählt, die sich aus dem „Dritten Reich“ nach China und dort vor allem in die damals international verwaltete Stadt Schanghai geflüchtet hatten. Das Buch erschien 2008, wurde mehrfach ausgezeichnet und zum ersten größeren Verkaufserfolg von Ursula Krechel.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Vier Jahre später erschien „Landgericht“, abermals ein Roman über jüdische Emigration. Aber hier kehrt ein von den Nazis aus dem Amt gejagter Jurist nach dem Krieg zurück nach Westdeutschland und will seine alte Position als Richter wieder einnehmen. Was ihm dabei widerfährt, ist ebenso bedrückend wie die Schilderung der privaten Lebensumstände des Richters, dessen Kinder dank einer Hilfsaktion schon früher ins Ausland entkommen konnten, nun aber dem Vater entfremdet sind. Auch hier gab ein reales Schicksal das Vorbild ab, und die kühle Intensität der Krechelschen Beschreibung brachte dem Roman den Deutschen Buchpreis und dem kleinen Jung und Jung Verlag einen Bestseller ein. Eine Fernsehverfilmung der Geschichte folgte 2017; Ursula Krechel gehört seitdem zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern.

          Das hat sie als eine Frau, die das Rampenlicht eher scheut, nicht dazu verführt, sich als Star zu verstehen oder gar zu geben. Wer die 1947 in Trier geborene und heute in Berlin lebende promovierte Theaterwissenschaftlerin kennt, der weiß um ihre Skrupulösität in ästhetischen wie persönlichen Angelegenheiten. Diese Vorsicht prägt ihre Prosa – und auch die Lyrik, die durch die Romanerfolge erfreulicherweise vermehrte Beachtung fand. In ihrer Interpretation von Albert Ehrensteins Gedicht „Leid“, die sie 2014 für die „Frankfurter Anthologie“ schrieb, stellte sie über diesen Exil-Autor fest: „Er hat einen nüchternen, klaren Blick, der lieber ins Trostlose starrt, als sich blauem Dunst und egomanen Träumen zu ergeben.“ Darin steckt auch ein Selbstporträt.

          Im kommenden Jahr ein neuer Roman

          Dass „Landgericht“ seinen Handlungsschwerpunkt in Mainz hat, liegt am realen Hintergrund der Geschichte. Doch darin steckt auch eine Rückkehr zu Ursula Krechels eigenen Anfängen, denn ihr erster Lyrikband trug 1977 den Titel „Nach Mainz!“. Er bot 47 Gedichte von unterschiedlichster Länge, darunter das folgende, auch ein Selbstporträt, das seine Verfasserin aber durchaus kämpferisch zeigt, wenn auch auf subtile Weise.

          Von heut an stell ich meine alten Schuhe
          nicht mehr ordentlich neben die Fußnoten
          häng den Kopf beim Denken
          nicht mehr an den Haken
          freß keine Kreide. Hier die Fußstapfen
          im Schnee von gestern, vergeßt sie
          ich hust nicht mehr mit Schalldämpfer
          hab keinen Bock
          meine Tinte mit Magermilch zu verwässern
          ich hock nicht mehr im Nest, versteck
          die Flatterflügel, damit ihr glauben könnt
          ihr habt sie mir gestutzt. Den leeren Käfig
          stellt mal ins historische Museum
          Abteilung Mensch weiblich.

          Ursula Krechel hat sich allen Einordnungsversuchen durch die Vielfalt ihrer literarischen Arbeit entzogen. „Landgericht“ ist mittlerweile fünf Jahre her; auch den Erwartungen des Buchmarkts an einen schnellen Prosa-Nachfolgeband entsprach sie nicht. Im kommenden Jahr jedoch soll ein neuer Roman erscheinen. Sein Thema: die Behandlung von Sinti und Roma in Deutschland. Vorher aber feiert Ursula Krechel an diesem Montag ihren siebzigsten Geburtstag.

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