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Wolf Wondratschek ist siebzig : Es schweift der Geist und wird Gestalt

Keiner schrieb (und schreibt) in deutscher Sprache besser über Boxen als er, Wolf Wondratschek Bild: Marianne Müller

Wolf Wondratschek feierte am 14. August siebzigsten Geburtstag. Das war ein Mittwoch - und deshalb hat dieser Autor sich selbst und uns einen Roman geschenkt, der „Mittwoch“ heißt. Er hat keine Hauptfigur und keine durchgehende Handlung. Was nicht schadet.

          Wolf Wondratschek war stets mehr als ein Schriftsteller, Dichter und Essayist. Er war von allem Anfang an immer auch eine Erscheinung mit einer über die nun gut viereinhalb Jahrzehnte seines Autorenlebens hinweg zwar heftig schillernden, aber letztlich durch nichts zu zerstörenden Aura.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Als diese Zeitung, deren freier Mitarbeiter er von 1965 an war, im März 1969 unter dem Titel „Der Debütant des Frühjahrs“ erstmals über ihn berichtete, ging es sofort auch um seine Extravaganz - er „erschien im roten Hemd, einer samtbraunen Hose mit breitem Ledergürtel und in einer grauen Jacke“ -, um seine Attitüde - er pflegte „mit seinem Fuß gegen das Tischchen“ zu treten - und um seine Wirkung: „In die Gesichter der mit modischem Raffinement gekleideten Mädchen stahl sich gelegentlich eine Art Entrücktheit.“

          Debütiert hatte er gerade mit einem schmalen Prosaband, dessen Inhalt längst vergessen ist, dessen Titel aber rasch legendär wurde (und blieb): „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“. Gleich diese Western-Anmutung also, die Anspielung auf Gewalt, einsame Macho-Männer, der Hauch des Verruchten.

          Der James Dean der deutschen Poesie

          Die drei Gedichtbände aus den siebziger Jahren, die ihn dann berühmt machten - „Chuck’s Zimmer“, „Das leise Lachen am Ohr eines andern“, „Männer und Frauen“ -, begründeten und festigten den Ruf als Dichterrebell, zumal er sie im Selbstverlag publizierte und vom Medienversand Zweitausendeins vertreiben ließ. Wolf Wondratschek, der James Dean der deutschen Poesie: „Wir waren ruhig / hockten in den alten Autos, / drehten am Radio / und suchten die Straße nach Süden“.

          Das Bohème-Leben, das er nun in München führte, die bisher als trivial oder degoutant geltenden Themen, über die er in Zeitungen und Magazinen schrieb (Boxen etwa, Prostitution, Drogen, Popmusik), absichtsvoll arrogante und provokante Auftritte in Talkshows: All dies machte ihn auch für den Boulevard interessant, Interviews mit ihm und Storys über ihn waren nicht minder gefragt als neue Gedichte und neue Prosa.

          Er war in vielem ein Vorläufer und Vorreiter, deshalb auch eine Figur für allerlei Projektionen und Identifikationen - und er wurde darüber in der Tat zu einer Marke für sich. Ziemlich übelgenommen hat ihm der Literaturbetrieb den Roman „Einer von der Straße“ aus dem Jahr 1992, in dem er die Geschichte des Unter- und Halbweltkönigs Gustav Berger erzählt, der im wahren Leben Walter Staudinger heißt - und von dem es, letztlich unüberprüfbar, hieß, er habe sich den Autor Wondratschek einiges kosten lassen.

          Unter der Missachtung des Werks gelitten

          Auszeichnungen standen ganz am Anfang seines Wegs, 1968 der Leonce-und-Lena-Preis für die frühe Lyrik, 1969 der Hörspielpreis der Kriegsblinden. Dann blieben sie mehr als vier Jahrzehnte lang aus, ehe er 2012 den nicht übermäßig bekannten Literaturpreis der Hirschmann-Stiftung erhielt. Ganz sicher hat er unter dieser Missachtung seines Werks gelitten - weit geringere Talente wurden weit üppiger dekoriert -, sie hat seiner Aura aber auch (und keineswegs zu Unrecht) etwas Heroisches hinzugefügt, eine Unabhängigkeit, die ihresgleichen sucht.

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