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Wilhelm Genazino zum Siebzigsten Der Ausweg aus der ganzen Misere ist der Humor

Wilhelm Genazino, der an diesem Dienstag siebzig Jahre alt wird, stellt Frankfurt ins Zentrum seiner Weltbetrachtung. Eine poetische Lokalrunde.

Unterwegs: Wilhelm Genazino mit F.A.Z.-Redakteurin Lena Bopp an der winterlichen Frankfurter Hauptwache Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© F.A.Z. Vergrößern Mit gedehntem Blick durch die Innenstadt: Ein Spaziergang mit Wilhelm Genazino

Es gibt vermutlich keinen lebenden deutschen Schriftsteller, dessen Werk so eng mit Frankfurt am Main verwoben ist wie das von Wilhelm Genazino. Als Genazino in den siebziger Jahren hierherkam, und zwar aus einem Grund, der für die Bewohner dieser Stadt bis heute typisch ist - er war auf der Suche nach einem guten Job -, da begann eine Beziehung, die sich für ihn und Frankfurt als überaus fruchtbar erweisen sollte. Genazino war damals nicht mehr ganz jung und hatte Frau und Kind zu versorgen. Und es gelang ihm: Genazino erkannte in Frankfurt eine unerschöpfliche Fundgrube, weil diese Stadt so viele Versprechungen macht, die sie nicht halten kann. Und für Frankfurt, die Stadt, die immer nach Gründen sucht, die rückhaltlos für sie sprechen, erwies sich der Chronist Genazino als Glücksfall.

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Wenn Genazino daher in seinem nun erscheinenden Buch „Tarzan am Main“ (Hanser Verlag) in kurzen, oft nur ein, zwei Seiten umfassenden Prosaminiaturen seine Zeit in Frankfurt Revue passieren lässt, dann ist das eine Hommage, die längst fällig war. Dass dieses Buch gerade jetzt erscheint, in den Tagen um seinen siebzigsten Geburtstag, den Genazino heute feiert, muss man auch nicht als den Zufall bestaunen, als den ihn uns sein Verlag gern präsentieren möchte. Man darf annehmen, dass der Verleger Michael Krüger wusste, was er tat, als er Genazino vor drei Jahren auf einen Artikel über Frankfurt ansprach, den dieser in der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ veröffentlicht hatte. Ob er daraus nicht ein Buch machen wolle? Ob es nicht noch mehr zu der Stadt zu sagen gebe? Solche Fragen muss man Genazino nicht zweimal stellen.

Mit Schalk im Nacken

Sein Frankfurt-Buch setzt sich, wie es für das Schreiben dieses Autors charakteristisch ist, aus kleinen Beobachtungen, Gedanken und Erinnerungsfragmenten zusammen. Wie so viele es tun, nähert er sich der Stadt aus der Luft und bemerkt gleichsam im Anflug lakonisch: „Wer nach der Landung das Gefühl einer Enttäuschung nicht los wird, muss sich, je mehr er sich dem Stadtkern nähert, auf weitere Desillusionierungen einstellen.“ Weder das Bankenviertel, das nur aus der Vogelperspektive beeindrucke, noch das Rotlichtviertel, das schon lange nicht mehr sei, was es einmal war, könnten das Großstadtversprechen einlösen, das Frankfurt mit seiner Skyline und dem ihr angedichteten „Mainhattan“-Slogan so bereitwillig vor sich her trage.

Und doch, bei aller berechtigten Relativierung, bricht Genazino für Frankfurt auch eine Lanze. Denn „wer Frankfurt für ungenießbar hält, hat nicht verstanden (oder: nicht hinnehmen können), dass die Dynamik des Kapitals eine Macht ausstrahlt, die selber längst ästhetische Formen angenommen hat“. Diese Formen hat Genazino zeit seines Lebens an Orten gefunden, an denen weniger genau beobachtende Spaziergänger schnell vorübereilen würden. Aber wer dieser Tage mit dem heiter gestimmten Genazino, der langsam geht, aber von einem lebhaften Schalk im Nacken nach wie vor getrieben scheint, durch die verschneiten Straßen der Stadt läuft, bekommt schnell eine Ahnung davon, wie sein Blick funktioniert.

Die Mittelmäßigkeit des menschlichen Daseins

Unser kleiner Spaziergang beginnt im Bahnhofsviertel. Genazino trägt einen schwarzen Mantel, Schal und Schirmmütze und wirkt wie jemand, der es gewohnt ist, bei jedem Wetter draußen unterwegs zu sein. Schon in der Moselstraße, einer der heruntergekommensten Ecken der Stadt, bleibt er plötzlich stehen. Erstaunt deutet er auf einen baufälligen Altbau mit roter Neonbeleuchtung vor der Fassade: „Hier gibt es ja tatsächlich noch ein Freudenhaus - aber früher gab es dreißig von ihnen, und die Straße war voller Männer.“ Zwei Straßen weiter weckt der Laden eines Schuhmachers seine Aufmerksamkeit. Er wundert sich darüber, dass ausgerechnet in diesem Viertel maßgeschneiderte Schuhe feilgeboten werden. Dann freut er sich über die letzten verbliebenen Kürschnereien in der Niddastraße, für die dieser Stadtteil früher berühmt war, er weist auf Bankhäuser aus Vietnam, Portugal und Iran hin und sieht in all diesen Orten ebenjene nicht gehaltenen Versprechen, von denen schon die Rede war.

Mehr zum Thema

Das spezifisch Großstädtische von Frankfurt zeige sich hier, sagt er, „an diesen Orten, die von einer Welt künden, die es nur woanders wirklich gibt“. Und dieses halbfertige, immer nur angedeutete Glück ist ja genau das, was Genazino schriftstellerisch bearbeitet hat wie kein Zweiter. Für sein ewiges Thema, die Mittelmäßigkeit des ganz normalen menschlichen Daseins, hat Frankfurt schon immer den perfekten Resonanzraum geboten.

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Veröffentlicht: 22.01.2013, 00:01 Uhr