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Irmgard Keun - wiedergelesen : Ich kann nicht mehr für mich garantieren

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Die Hauptdarstellerin, die Schriftstellerin und die Produzentin: Desiree Nosbusch, Irmgard Keun und Regina Ziegler bei den Dreharbeiten zu „Nach Mitternacht“, 1981. Bild: Picture-Alliance

Das kunstseidene Mädchen und der nackte Mann: Irmgard Keun war die erfolgreichste deutsche Autorin der dreißiger Jahre. Ihr noch immer lesenswertes Werk ist jetzt in einer Gesamtausgabe wiederzuentdecken.

          Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus: Denn ich will manchmal einen, dass ich am Morgen ganz zerkracht und zerküsst und tot aufwache und keine Kraft mehr habe zu Gedanken und nur auf wunderbare Art müde bin und ausgeruht in einem.“ So einfach ist das also, staunt der Rezensent, der die Gegenwartsliteratur allzu oft als höchst komplizierte Versuchsanordnung zur Beschreibung höchst komplizierter Geschlechterbeziehungen wahrnimmt, und reibt sich verwundert die Augen beim Blick auf das Erscheinungsjahr. „Das kunstseidene Mädchen“, der zweite Roman von Irmgard Keun, erschien im Juni 1932, acht Monate nach ihrem Debüt „Gilgi, eine von uns“: Eine sechsundzwanzigjährige Newcomerin war über Nacht zu einer der erfolgreichsten Autorinnen der Weimarer Republik avanciert.

          Ganz so einfach, wie Gilgi und das kunstseidene Mädchen, das sich Doris nennt, glauben, ist der Umgang mit den Männern, sobald man sie etwas genauer betrachtet, dann allerdings doch nicht. Je länger eine Frau über einen Mann nachdenke, sagt Gilgi, desto weniger verstehe sie von ihm. Es sei also nicht nur töricht, auf den idealen Mann zu warten, sondern auch „furchtbar unmoralisch“, man dürfe sich „doch seine Wünsche nicht fortlügen“. Manche Frauen übten sich in der Kunst, die Männer hinzuhalten – „hat was für sich, mit Gequatsche Gefühl zudecken“ –, aber da Frau und Mann schließlich das Gleiche wollten, kämen die Frauen grundsätzlich zu kurz, wenn sie immer nur versuchten, den Männern zu gefallen. Und Doris ergänzt: „Ist man schon mal nackt mit einem Mann, dann ist der eben schon so verrückt, dass er ohnehin alles schön findet.“

          Doris im Strudel ihrer Libertinage

          Im wirklichen Leben ist es mit dem Sex meist komplizierter. Gilgi und Doris quittieren ihren Job als Stenotypistin, weil sie es leid sind, sich Tag für Tag der Zudringlichkeiten ihrer Vorgesetzten zu erwehren. Gilgi, die Ehrgeizigere von beiden, die es erstrebenswert findet, „aus eigener Kraft weiterzukommen“ und vielleicht einmal ein kleines Geschäft zu eröffnen, findet Halt in der Liebe zu einem älteren Mann, der als ehemaliger Schriftsteller seine Tage verbummelt. Aber schon bald verliert sie in dieser Beziehung die Übersicht – „ich kann von heute auf morgen nicht mehr für mich garantieren“ –, wird obendrein schwanger und flieht am Ende nach Berlin, wo sie die Lösung ihrer sämtlichen Probleme und einen selbstbestimmten Neuanfang zu finden hofft. „Müsst keine Liebe auf der Welt geben“, so Gilgis traurige Bilanz.

          Doris dagegen setzt konsequent jenen Hedonismus um, den Gilgi sich lediglich als Programm vorgenommen hat, ihre Geschichte beginnt im Grunde da, wo die von Gilgi endet, mit der Flucht von Köln nach Berlin. Dort gerät Doris immer tiefer in die Strudel ihrer Libertinage, bis sie am Schluss nur noch die Wahl hat zwischen dem wärmenden Wartesaal am Bahnhof Zoo und der Kälte des Strichs. Der Ton der Keun ist rauher, ihr Humor beißender, ihr Stil nervöser geworden. Vor allem wurde das Tempo noch einmal deutlich erhöht. Die Protagonistin, die atemlos reflektiert, was sie gerade tut oder als Nächstes zu tun gedenkt, hat gar keine Zeit, sich um Syntax und richtige Verben zu kümmern. Ihr psychischer und physischer Niedergang vollzieht sich in Form eines großen inneren Monologs.

          Irmgard Keun: „Das Werk“. Hrsg. im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 3 Bd., zus. 2044 S., geb., 39 Euro.
          Irmgard Keun: „Das Werk“. Hrsg. im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 3 Bd., zus. 2044 S., geb., 39 Euro. : Bild: Wallstein Verlag

          Im Sommer 1932 gehörte „Das kunstseidene Mädchen“ neben Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ zu den Bestsellern des deutschen Buchhandels, Anfang Oktober kam „Eine von uns“ mit dem Ufa-Star Brigitte Helm als Gilgi in die Kinos. Danach wurde es dunkel über dem Land. Junge Frauen in scharf taillierten Trenchcoats mit schiefsitzender kleiner Baskenmütze, womöglich rauchend, waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Irmgard Keun, weder jüdisch noch politisch engagiert – an dem bisschen Sozialkritik in ihren Romanen konnte nun wirklich niemand Anstoß nehmen –, hatte nach Meinung der neuen Machthaber einfach nur das falsche Frauenbild. Undeutsch wurde das genannt, fiel unter die sogenannte „Asphaltliteratur“ und landete im Mai 1933 auf den Scheiterhaufen, auf denen die Bücher brannten.

          Der Führer als Prinz Karneval

          Irmgard Keun, mit Publikationsverbot belegt, hielt es gut drei Jahre in Deutschland aus, dann emigrierte sie und rächte sich. „Was in Deutschland geschieht, geht die ganze Menschheit an. Man darf da nicht bequem werden und die Augen schließen“, schrieb sie zwei Tage nach ihrer Ankunft in Ostende an ihren inzwischen in Amerika lebenden Freund Arnold Strauss. „Nach Mitternacht“, ihr Anfang 1937 im Amsterdamer Querido-Verlag erschienener Roman, wird zu einer sarkastischen Abrechnung mit dem neuen Deutschland, zu einer noch heute bestechenden Analyse jenes kleinbürgerlichen Milieus aus Zukurzgekommenen, Opportunisten und Denunzianten, die den nationalsozialistischen Alltag bestimmten. Keun reduziert das Geschehen auf zwei Tage im März 1936, rund um einen Besuch Hitlers in Frankfurt am Main: „Und langsam fuhr ein Auto vorbei, darin stand der Führer wie der Prinz Karneval im Karnevalszug. Aber er war nicht so lustig und fröhlich wie der Prinz Karneval und warf auch keine Bonbons und Sträußchen, sondern hob nur eine leere Hand.“

          Die Kunst der scheinbaren Naivität, mit der hier ein pompös inszenierter Auftritt der Lächerlichkeit ausgesetzt wird, ist eng verwandt mit der Erzählperspektive des Kindes, die Irmgard Keun ein halbes Jahr zuvor in „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ zur Meisterschaft geführt hatte. Der Reigen von elf (später zwölf) Geschichten rund um eine Kölner Kinderbande in der Endphase des Ersten Weltkrieges zählt zu Keuns erfolgreichsten Publikationen, wird allerdings bis heute als Mädchenbuch klassifiziert und deshalb literarisch unter Wert gehandelt. Dabei liegt in der geradezu zwanghaften Lust an der Auflehnung gegen jede Form von Autorität und im trotzigen Räsonieren der Kinder über die Unvereinbarkeit ihres Freiheitsdrangs mit den Erziehungsgrundsätzen der Erwachsenen ein Schlüssel zum Keunschen Werk.

          Schließlich verstummt sie ganz

          Wenn Kinder Romane schreiben könnten, wäre alles viel einfacher, belehrt die kleine Kully Herrn Krabbe, den holländischen Verleger ihres Vaters, in Keuns letztem Buch vor dem Krieg, „Kind aller Länder“. Dann würde sie nämlich selbst die fehlenden Manuskriptseiten liefern, mit denen der Vater seit Monaten im Verzug ist, dann gäbe es einen neuen Vorschuss – und dann „wären wir ja gerettet“. Aber die Welt der Erwachsenen unterliegt einer eigenen Ratio, und deshalb ist eine Verständigung in der Regel ausgeschlossen. „Manchmal weiß ich nicht, ob ich Erwachsene nicht verstehe oder ob sie mir nicht einfach zu dumm sind.“

          Liest man Keuns 1947 veröffentlichte Erinnerungen an die Emigration, ahnt man, dass einer so kompromisslosen Frau der Einstieg in den sich formierenden Literaturbetrieb der späteren Bundesrepublik schwerfallen wird. Depressionen, Alkoholprobleme, psychische Abstürze kommen hinzu. Ihren parodistischen Artikeln über die Mitläufermentalität der Adenauer-Ära fehlt die Spritzigkeit, nicht einmal in ihren Kinoglossen findet sie mehr zurück zu dem schnoddrigen Ton, der ihr Markenzeichen war. „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“, Keuns letzter Roman, mit dem sie 1950 die Verweigerung als solche thematisiert und die eigene Schreibkrise zu erklären sucht, kann, von ein paar Freuden aus der Emigration abgesehen, niemanden mehr überzeugen. Zehn Jahre später verstummt sie ganz.

          Irmgard Keun starb 1982 in ihrer Heimatstadt Köln. Den Beginn ihrer damals gerade einsetzenden Wiederentdeckung im Zeichen eines neuen Begriffs von Frauenliteratur hat sie noch miterlebt und sich leise, aber entschieden gegen eine allzu militante Vereinnahmung verwahrt. Wie irreführend solche Etikettierungen sind, zeigt die dreibändige Werkausgabe, die der Wallstein Verlag jetzt in gewohnt solider Ausstattung vorlegt und die dank großzügiger Förderung durch die Wüstenrot Stiftung zu einem sensationell niedrigen Preis angeboten werden kann. Die Zeit ist reif für eine abermalige Beschäftigung mit der wohl originellsten und produktivsten deutschen Schriftstellerin der dreißiger Jahre.

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