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Michel Houellebecq : Was uns fasziniert

Schriftsteller Michel Houellebecq gibt sich nie als Intellektueller. Hier im Interview in der Raucher-Lounge des Savoy Hotels in Berlin. Bild: Jens Gyarmaty

Was interessiert uns so an Michel Houellebecq? In ihm siegt der Schriftsteller über den Intellektuellen – das ist großes Eindrucksmanagement!

          Es gibt eine Definition des Intellektuellen als jemand, der als öffentliche Figur alles an sich aufeinander abstimmt: die politischen Engagements und die Ansichten zur Kindererziehung, die Lieblingsautomarke, den Musikgeschmack und das bis zum Brustbein offene Hemd. Wer je einen Auftritt von Michel Houellebecq erlebt hat und ein Gespräch mit ihm führte, steht unter dem Eindruck, dass sich hier ein Intellektueller sehr wenig um seine Erscheinung kümmert. Jedenfalls wenig um ihre Geschlossenheit. Der französische Schriftsteller wirft sich, um das mindeste zu sagen, weder in Schale noch in Pose. Er scheint nicht viel um Wirkung besorgt. Und jeder Termin, den er hat, wird von der Frage begleitet, ob er überhaupt kommt. Spätestens seit seinem Roman „Karte und Gebiet“, in dem er einen Schriftsteller namens Michel Houellebecq auftreten lässt, der halb verwahrlost zusammen mit stets vierzig Weißweinflaschen in Irland wohnt und dort später auf ekelhafte Weise hingemetzelt wird, war deutlich: Dieser Autor schont sich nicht.

          Weiteres in dieser Richtung leistete ein Film, in dem er einen Schriftsteller namens Michel Houellebecq spielte, der zum Opfer einer Entführung wird, bei der er in die absurdesten Diskurse mit den Entführern eintritt. Und auch anderen Figuren seines Werks schien er immer ein wenig von sich mitzugeben, so dass es fast schon üblich geworden ist, ihn in Gesprächen auf deren Gewohnheiten als die seinen anzusprechen. Die Romane werden als fast formlose Inszenierungen seiner Ansichten gelesen und auf Aussagen hin: zum Islam, zum Westen, zum Glauben, zum Sex, zur Kunstwelt. Und tatsächlich tut Michel Houellebecq auch im Gespräch wenig, um zwischen all dem zu unterscheiden, was in seinen Geschichten dazu steht, und all dem, was er darüber denkt.

          „Self-fashioning“ in Pefektion

          Als er in Berlin jetzt den Frank-Schirrmacher-Preis entgegennahm, tat er es mit einer Rede, die diesen Eindruck zu bestätigen schien. Sie versammelte alle Motive seines Repertoires an Provokationen im genannten Themenspektrum. Nebeneinander gestellt mochte darum die Freude über den intellektuellen Ruin der Linken, die Klage über den Verlust des alten Frankreichs – er bedauere es, sagt er im Gespräch, dort nicht um 1850 gelebt zu haben –, der Befund einer demographischen Katastrophe samt islamischer Machtübernahme in Europa sowie die These, ohne Prostitution werde die Ehe untergehen, so desparat wie disparat erscheinen. Und nur durch eines zusammengehalten: den Autor. Alles nicht aufeinander abgestimmt, zum Ärger all derjenigen, die jeweils nur einen Teil davon bejahen.

          Bemerkenswert an Houellebecqs Rede war ihr Vortrag, bemerkenswert in seiner Beiläufigkeit. Houellebecq redete genau so wie anderntags im Gespräch, halblaut ins Unreine sprechend, akzentlos, im Tonfall zögerlich, als prüfe er noch beim Sprechen die Antworten, als bestehe er auf keiner und sei bereit, jede im nächsten Satz zu präzisieren.

          Alles Show, und zwar eine ziemlich perfekte. Alles, mit einem Begriff von Stephen Greenblatt, „self-fashioning“: Eindrucksmanagement der eigenen Person. Michel Houellebecq trug seine gut halbstündige Rede vor, als fiele sie ihm auf der Grundlage eines Stichwortzettels gerade ein. Und als hänge an keiner einzigen Formulierung etwas. Aber in Wahrheit hatte er die ganze Rede komplett auswendig gelernt. Er übersprang keinen Satz des Manuskripts, sagte jeden genau so, wie er dastand, und ergänzte aus dem Moment heraus so gut wie nichts.

          Rätselraten um steile Thesen

          Wir hörten und sahen, mit anderen Worten, einen Intellektuellen, der viel Energie in den Eindruck investiert, keiner zu sein und alle Klischees dessen zu unterlaufen, was zumindest einen französischen Intellektuellen auszeichnet: Sprachvollendung, Rhetorik, Analytik, Dreiteilung des Arguments, Eleganz des Auftritts samt Wille, den Vorwurf der Eitelkeit auf sich zu ziehen, Stil.

          Es ist eine beträchtliche Leistung, das alles zu vermeiden, und zwar so perfekt, dass nicht einfach etwas Stilloses dabei herauskommt, sondern ein Rätsel, das alle beschäftigt und das sie entweder dadurch beschäftigt, dass sie schäumen vor Ärger oder Begeisterung darüber oder dadurch, dass sie den Zusammenhang in all dem nur in der Person Michel Houellebecqs finden, weswegen sie dann etwa schreiben, das Ende Europas, über das er rede, sei doch nur der sexuelle und biologische Kontrollverlust eines älteren Herrn. Einen größeren Triumph kann der Schriftsteller über den Intellektuellen wohl nicht feiern, als wenn Kritiker aufgrund seiner Reden Vermutungen über seine Potenz anstellen. (Wenn sie ihm freilich unterstellen, er fände es gut, Moscheen anzuzünden, muss man sich über ihre Potenz zur moralischen Selbstkontrolle Sorgen machen.)

          Alles Erfindung – und der Autor öffentlich stets im Dienste seiner Bücher, nämlich eben doch sehr um seine Erscheinung bekümmert: eine möglichst unintellektuelle, die den Intellektuellen die Show stiehlt. Der Erfolg von Houellebecqs Büchern partizipiert an der allgemeinen Ratlosigkeit in all den Problemen, die sie bewegen und die ihre Figuren mit small talk, Isolation und misslingendem Leben beantworten. Ob der Autor selbst mehr zu bieten hat, ist eine völlig sinnlose Frage.

          Quelle: F.A.Z.

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