22.10.2008 · Walter Kappacher lebt zurückgezogen bei Salzburg, mischt nicht im Literaturklüngel mit und geht drei überaus stillen Tätigkeiten nach: schreiben, fotografieren, schweigen. In den letzten Jahren hat sich Kappachers Literatur endgültig durchgesetzt.
Von Paul IngendaayMan nimmt seine Bücher, blättert noch einmal herum und stößt sofort auf die Signale. „Die beiden Verkäuferinnen ließen sie einfach warten, sie unterhielten sich abgewandt“, heißt es in der Sekretärinnen-Novelle „Rosina“. Oder: „In vier Monaten war sie noch kein einziges Mal zu spät gekommen.“ Das sind Walter Kappachers Lieblingsfiguren: Wartende, in sich Gekehrte, ängstliche Aussteiger in den Augenblicken vor dem großen Sprung.
Als Kappachers Buch „Morgen“ 1975 erschien, sprach Martin Walser in einer begeisterten Rezension davon, die „Prüfung einer Lebensart“ sei das „echte Roman-Arbeitsprogramm“. Unsere Lebensart, fuhr er fort, habe jetzt mit Kappacher „einen ernsthaften Feind mehr. Und die Literatur einen ebensolchen Schriftsteller.“ Das ist sicherlich wahr. Nur haben es nicht allzu viele gemerkt. Der Österreicher Walter Kappacher, der am Freitag siebzig wird, lebt zurückgezogen bei Salzburg, mischt nicht im Literaturklüngel mit und geht drei überaus stillen Tätigkeiten nach: schreiben, fotografieren, schweigen. Sein Schreiben allerdings ist öffentlich: ein Dutzend Bücher in mehr als dreißig Jahren, darunter sein Meisterwerk „Selina“ (2005).
Gelassenheit und Beobachtungsschärfe
Kappacher erzählt darin die Geschichte eines Mannes, der sich in einem alten Haus in der Toskana einrichtet und ein paar Monate seinen Gedanken nachhängt. Während der Mann das Buch aus den Augen verliert, das er schreiben will, findet er zu seiner Umgebung und einem Gefühl für seinen Platz in ihr. All das ist mit so viel Gelassenheit, Beobachtungsschärfe und Sinn für die kleinen Epiphanien erzählt, dass einem beim Lesen klar wird, welches Loch das Verschwinden der Naturbeschreibung aus unseren Romanen gerissen hat. Kappacher ist einer der wenigen, die dieses Handwerk noch beherrschen.
Nach Enthüllungen hat er auch im wirklichen Leben gesucht. Geboren und aufgewachsen in Salzburg, verdingte sich Kappacher zuerst als Motorradmechaniker - die Romane „Die Werkstatt“ und „Silberpfeile“ lassen den Liebhaber noch ahnen -, besuchte eine Schauspielschule, begann zu zeichnen und wählte dann doch den Brotberuf des Reisebüro-Kaufmanns, aus dem er mit vierzig Jahren wieder ausstieg, um nur noch zu schreiben. Und das sind seine Bücher: Geschichten über die Kluft zwischen unseren inneren und den äußeren Fluchten; poetische Vermessungen des Geländes, das ein Einzelner bewältigen kann. In dem Roman „Der lange Brief“ (Neuauflage 2007) befreit sich ein Mann aus seinem österreichischen Büroalltag und schafft es auf den Spuren eines anderen bis nach Australien. Dort warten aber keine exotischen Abenteuer, sondern weitere Begegnungen mit sich selbst.
In den letzten Jahren hat sich Walter Kappachers Literatur endgültig durchgesetzt. Peter Handke hielt die Laudatio, als sein Landsmann 2004 den Hermann-Lenz-Preis erhielt, und „Selina“ war der am einhelligsten gelobte deutschsprachige Roman des Jahres 2005. Demnächst kann man Kappacher auch als Fotografen entdecken. Seit langem schon arbeitet der Schriftsteller täglich am Grabensee und fotografiert immer wieder dieselben Flecken Wasser - wenn es gefriert, wenn es schmilzt, mit Schilfstengeln darin und unter allen Lichtverhältnissen, die der Winter zu bieten hat. Die Oberflächenstrukturen erinnern an abstrakte Kunst. Nach der Verbindung zu Kappachers wunderbarem schriftstellerischem Werk muss man nicht lange suchen. Unsere Welt mag nur aus ein paar Quadratmetern bestehen, aber sie enthält alle Vielfalt, die wir ertragen.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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