08.02.2010 · Mit siebzehn Jahren hat die Schriftstellerin Helene Hegemann das beeindruckende Buch „Axolotl Roadkill“ geschrieben: Nun wirft man ihr vor, sie habe von einem anderen Autor abgeschrieben. Sie selbst leugnet das nicht und wirkt dabei recht unbedarft.
Von Felicitas von LovenbergAnfang dieses Jahres traf in den Literaturredaktionen ein Buch mit auffälligem schwarzen Cover und Pressedossier aus einem großen deutschen Verlag ein. Der Erscheinungstermin, ursprünglich angekündigt für den 28. Januar, wurde zwei Mal vorgezogen; das zweite Mal, als der „Spiegel“ bereits eine ausführliche Geschichte über die erst siebzehnjährige Berliner Autorin und ihr „radikales, sperriges, unfertiges und streckenweise schlicht unlesbares“ Romandebüt gebracht hatte. Innerhalb der nächsten zwei Wochen erschienen in praktisch allen maßgeblichen Feuilletons Rezensionen, die allermeisten beeindruckt bis begeistert (siehe Rezension: Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“).
Der Schriftsteller Maxim Biller sprach von einem Roman, „vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte“ (siehe auch: Maxim Biller über „Axolotl Roadkill“). Das Buch stieg auf den vorderen Rängen der „Spiegel“-Bestsellerliste ein; derzeit findet man es dort auf Platz fünf. In dieser Woche wird bekannt gegeben werden, dass es für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Die offizielle Buchpräsentationsparty ist für den Vorabend des achtzehnten Geburtstags der Autorin und in Anwesenheit prominenter Mitglieder der Berliner Kulturszene angekündigt. Mit anderen Worten: Helene Hegemann und ihr Buch „Axolotl Roadkill“ sind eine Ausnahme im deutschen Literaturbetrieb.
Der zuverlässige Plagiatsvorwurf
Alltäglicher sind dort Geschichten wie diese: In einem entlegenen Berliner Verlag erscheint der Roman eines Autors des Jahrgangs 1981, von dem in den Redaktionen kaum jemand gehört hat. Es gibt eine Buchpräsentation in einer Münchner Underground-Bar, von der nur der einschlägige Szene Notiz nimmt. Außer einigen versprengten Hinweisen im Internet bleiben auch Rezensionen aus. Der Autor, der sich Airen nennt, hat die Grenzerfahrungen in der Berliner Techno- und Drogenszene, die er schildert, bis zum Exzess und inklusive mehrmaliger Verhaftungen offenbar selbst erlebt. Sein Buch „Strobo“ in einer herkömmlichen deutschen Buchhandlung zu bekommen, dürfte schwierig sein; selbst Amazon hat das Werk nicht vorrätig, doch kann man es dort über die Marketplace-Funktion direkt beim Berliner Verlag SuKuLTur bestellen.
Das dürfte sich jetzt grundlegend ändern. Denn die junge, gefeierte Autorin soll von dem nicht ganz so jungen und weitaus weniger erfolgreichen Autor abgeschrieben haben – das zumindest legt ein ausführlicher Vergleich nahe, den man unter www.gefuehlskonserve.de, dem Popkulturblog von Deef Pirmasens, nachlesen kann. Dort werden mehrere Stellen aus Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ Wort für Wort mit Passagen aus „Strobo – Technoprosa aus dem Berghain“, dem im letzten August erschienenen Roman des Berliner Bloggers Airen verglichen. Es geht um Drogenkonsum und dessen Wirkung, und wie auf Droge lesen sich auch die betreffenden Sätze beider Autoren. Was auffällt, sind nicht nur Doppelungen ungewöhnlicher Formulierungen wie „überhitztes Blut“, „Scheiß Kapitalismus!“, „grobporig“ oder „hinübermoderieren“, sondern tatsächlich die Ähnlichkeit ganzer Passagen.
Nun folgt einem ungewöhnlichen Bucherfolg fast nichts so zuverlässig wie der Plagiatsvorwurf – wobei das heute nicht mehr Plagiat oder Abschreiben, sondern vorgangsgetreu „Copy-Paste-Verfahren“ oder auch Remix genannt wird. Sich mehr oder weniger ungeniert bei anderen zu bedienen und das dann Inspiration zu nennen, ist die moderne Form der webbasierten Intertextualität. Doch während diese Form des Spurenlesens früher vor allem Philologen oder Insidern vorbehalten war, kann sich die Netz-Gemeinschaft dank Textsuchmaschinen heute binnen kürzester Zeit einen ersten Überblick über Recherchequellen und mögliche unausgewiesene Zitate verschaffen. Dennoch: Die Fragen, die seit dem Wochenende an das Buch und die Autorin gestellt werden, sollten immer auch mit Blick auf die Jugend dieses aufstrebenden Talents diskutiert werden.
„Airen ist ein großartiger Schriftsteller“
„Ich habe mich überall bedient, wo ich dachte, das entspricht jetzt der Lebensweise, über die ich schreiben will“, erklärt Helene Hegemann ihre Arbeitsweise im Gespräch. Für sie ist die Aufnahme von Bezügen aus Internetforen, Blogs, Liedtexten und Büchern künstlerisches Programm und kein Zeichen von eigener Ideenlosigkeit. Die Autorin vertritt die Auffassung, dass es keine Originalität mehr gibt, „nur Echtheit“. Da ihr Buch unentwegt als „Stellvertreterroman der Nullerjahre“ bezeichnet werde, müsse man auch anerkennen, dass der Entstehungsprozess das Jahrzehnt und seine Methoden spiegele, also die „Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation“. Sie selbst habe den Roman darum von vorneherein als „Lüge“ bezeichnet, „aber nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe“. Um das, was sie vermitteln wolle, auszudrücken, beraube sie nun einmal „total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst“. In der Zeit Googles ist es in der Tat schwierig, eigene Inspirationen von fremden zu unterscheiden – darauf basiert die ganze Idee der social media. Berghain, jener Berliner Club, der in Hegemanns zweihundertseitigem Buch immer wieder vorkommt, lässt beispielsweise keine Minderjährigen zu, so dass sich die Autorin auf fremde Erfahrungen verlassen musste. Der Club ist Schauplatz von Airens Roman.
Am Telefon angesprochen darauf, wie wichtig Airens „Strobo“ für ihr Buch war, sagt Helene Hegemann, sie kenne den Autor zwar nicht persönlich, sei jedoch auf seinen Blog gestoßen. Und weil sie sich dort in der Tat bedient habe, habe sie seinen Namen ja auch von sich aus in die Danksagung am Ende ihres Buches aufgenommen – allerdings erst in der zweiten Auflage. Das Buch von Airen, so Hegemann, kenne sie nicht, nur seinen Blog. So stellt sie es auch in der Presseerklärung dar, mit der sie am gestrigen Sonntag auf die Plagiatsvorwürfe reagiert hat: „Airen, von dem ich insgesamt eine Seite, ohne sie groß verändern zu müssen, regelrecht abgeschrieben habe, ist ein großartiger Schriftsteller, dessen Blog im Internet einen Teil der alternativen Lebensweise, über die ich berichten wollte, auf den Punkt gebracht hat, und mit dem ich über das Buch auch ein Stück weit versuche, in Kommunikation zu treten.“
Ein Beleg führt zu Carl Hegemann
Das Merkwürdige an der Sache ist: Während Hegemann sagt, dass sie das Buch nicht kenne, kann der Verlag SuKuLTur einen Beleg vorweisen, aus dem hervorgeht, dass Carl Hegemann den Roman Airens am 28. August 2009 über Amazon Marketplace bestellt und an seine Tochter Helene hat liefern lassen.
Die Unbedarftheit, die eine so junge und begabte, darüber hinaus mit einer ungewohnten medialen Aufmerksamkeit konfrontierte Autorin wie Helene Hegemann zumindest ein Stückweit für sich in Anspruch nehmen kann, darf der Verlag sich auf keinen Fall zueigen machen. Bei Ullstein scheint man denn über die Lage auch ernstlich beunruhigt. Die Verlegerin Siv Bublitz hat gestern ebenfalls eine Erklärung herausgegeben: „Über die Verantwortung einer jungen, begabten Autorin, die mit der ,sharing’-Kultur des Internets aufgewachsen ist, mag man streiten. Die Position des Ullstein Verlages ist eindeutig: Quellen müssen genannt und ihre Verwendung muss vom Urheber genehmigt werden.“ Man habe sich bereits an den SuKuLTuR Verlag gewandt, um diese Genehmigung nachträglich zu erlangen. Sollte es weitere betroffene Rechteinhaber geben, werde man auch sie kontaktieren und die Abdruckgenehmigung einholen.
Der nahtlose Übergang vom Opfer zum Täter
Airen selbst hat sich bisher öffentlich nicht geäußert. Frank Maleu, der Geschäftsführer von SuKuLTur, schreibt in einem Online-Kommentar zur Debatte: „Noch liegt uns das Buch von Frau Hegemann nicht vor. Sollten die im Blog genannten Stellen aber übereinstimmen, stellt sich schon die Frage, ob hier die Grenze dessen, was man Inspiration nennt, überschritten wurde.“
„Axolotl Roadkill“ schildere „das unglücklich bis wütende Coming-of-Age-Gefühl, Opfer in einem Chaos zu sein, das man selbst nicht verschuldet hat“, heißt es in der Zusammenfassung des Buchs von Deef Pirmasens. Möglicherweise wird die Rezeptionsgeschichte des Romans nun allerdings auch davon handeln, wie nahtlos der Übergang von Opfer zu Täter sein kann und so einen Reifeprozess gerade in jenem Bereich einläuten, wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht – im Internet.
Helene Hegemann sagt, sie würde Airen gern einmal treffen. Man darf gespannt sein, was dieser zu alledem sagen wird. Vielleicht ist er ja einfach dankbar für die Aufmerksamkeit, die sein Roman jetzt findet.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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