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Vorwürfe gegen Helene Hegemann Originalität gibt es nicht – nur Echtheit

Mit siebzehn Jahren hat die Schriftstellerin Helene Hegemann das beeindruckende Buch „Axolotl Roadkill“ geschrieben: Nun wirft man ihr vor, sie habe von einem anderen Autor abgeschrieben. Sie selbst leugnet das nicht und wirkt dabei recht unbedarft.

© Julia Zimmermann Vergrößern „Nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe”: Helene Hegemann

Anfang dieses Jahres traf in den Literaturredaktionen ein Buch mit auffälligem schwarzen Cover und Pressedossier aus einem großen deutschen Verlag ein. Der Erscheinungstermin, ursprünglich angekündigt für den 28. Januar, wurde zwei Mal vorgezogen; das zweite Mal, als der „Spiegel“ bereits eine ausführliche Geschichte über die erst siebzehnjährige Berliner Autorin und ihr „radikales, sperriges, unfertiges und streckenweise schlicht unlesbares“ Romandebüt gebracht hatte. Innerhalb der nächsten zwei Wochen erschienen in praktisch allen maßgeblichen Feuilletons Rezensionen, die allermeisten beeindruckt bis begeistert (siehe Rezension: Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“).

Der Schriftsteller Maxim Biller sprach von einem Roman, „vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte“ (siehe auch: Maxim Biller über „Axolotl Roadkill“). Das Buch stieg auf den vorderen Rängen der „Spiegel“-Bestsellerliste ein; derzeit findet man es dort auf Platz fünf. In dieser Woche wird bekannt gegeben werden, dass es für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Die offizielle Buchpräsentationsparty ist für den Vorabend des achtzehnten Geburtstags der Autorin und in Anwesenheit prominenter Mitglieder der Berliner Kulturszene angekündigt. Mit anderen Worten: Helene Hegemann und ihr Buch „Axolotl Roadkill“ sind eine Ausnahme im deutschen Literaturbetrieb.

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Der zuverlässige Plagiatsvorwurf

Alltäglicher sind dort Geschichten wie diese: In einem entlegenen Berliner Verlag erscheint der Roman eines Autors des Jahrgangs 1981, von dem in den Redaktionen kaum jemand gehört hat. Es gibt eine Buchpräsentation in einer Münchner Underground-Bar, von der nur der einschlägige Szene Notiz nimmt. Außer einigen versprengten Hinweisen im Internet bleiben auch Rezensionen aus. Der Autor, der sich Airen nennt, hat die Grenzerfahrungen in der Berliner Techno- und Drogenszene, die er schildert, bis zum Exzess und inklusive mehrmaliger Verhaftungen offenbar selbst erlebt. Sein Buch „Strobo“ in einer herkömmlichen deutschen Buchhandlung zu bekommen, dürfte schwierig sein; selbst Amazon hat das Werk nicht vorrätig, doch kann man es dort über die Marketplace-Funktion direkt beim Berliner Verlag SuKuLTur bestellen.

Das dürfte sich jetzt grundlegend ändern. Denn die junge, gefeierte Autorin soll von dem nicht ganz so jungen und weitaus weniger erfolgreichen Autor abgeschrieben haben – das zumindest legt ein ausführlicher Vergleich nahe, den man unter www.gefuehlskonserve.de, dem Popkulturblog von Deef Pirmasens, nachlesen kann. Dort werden mehrere Stellen aus Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ Wort für Wort mit Passagen aus „Strobo – Technoprosa aus dem Berghain“, dem im letzten August erschienenen Roman des Berliner Bloggers Airen verglichen. Es geht um Drogenkonsum und dessen Wirkung, und wie auf Droge lesen sich auch die betreffenden Sätze beider Autoren. Was auffällt, sind nicht nur Doppelungen ungewöhnlicher Formulierungen wie „überhitztes Blut“, „Scheiß Kapitalismus!“, „grobporig“ oder „hinübermoderieren“, sondern tatsächlich die Ähnlichkeit ganzer Passagen.

Nun folgt einem ungewöhnlichen Bucherfolg fast nichts so zuverlässig wie der Plagiatsvorwurf – wobei das heute nicht mehr Plagiat oder Abschreiben, sondern vorgangsgetreu „Copy-Paste-Verfahren“ oder auch Remix genannt wird. Sich mehr oder weniger ungeniert bei anderen zu bedienen und das dann Inspiration zu nennen, ist die moderne Form der webbasierten Intertextualität. Doch während diese Form des Spurenlesens früher vor allem Philologen oder Insidern vorbehalten war, kann sich die Netz-Gemeinschaft dank Textsuchmaschinen heute binnen kürzester Zeit einen ersten Überblick über Recherchequellen und mögliche unausgewiesene Zitate verschaffen. Dennoch: Die Fragen, die seit dem Wochenende an das Buch und die Autorin gestellt werden, sollten immer auch mit Blick auf die Jugend dieses aufstrebenden Talents diskutiert werden.

„Airen ist ein großartiger Schriftsteller“

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