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Theodor Storm : Es schaut dich fremd und furchtbar an

In einer Familie: Theodor Storm (links) und die Seinen, ganz rechts Sohn Hans Bild: Theodor-Storm-Gesellschaft

Wie modern er ist, mag man kaum glauben: Theodor Storm schrieb als politischer Autor und romantischer Lyriker zu Themen, die auch heute noch brandaktuell sind. Zum zweihundertsten Geburtstag des deutschen Schriftstellers.

          Der kleine Simon Woldsen war ein niedliches Kind und zugleich der Schrecken Husums: Noch viele Jahre später erzählte man sich, wie der Junge auf einem kleinen Wagen, gezogen von zwei schneeweißen Ziegenböcken, durch die Straßen sauste und den Töpfern die Ware zerbrach, so dass sein Vater für den Schaden aufkommen musste. Simon starb früh, ebenso wie seine vier Brüder, und wurde in die Familiengruft gelegt.

          „Nach einem Begräbnisse in der Familie“, erinnerte sich Simons Neffe Theodor Storm, „war ich allein mit meiner fast achtzigjährigen Großmutter hier hinabgestiegen; ich suchte zwischen all den Särgen den kleinen einer früh verstorbenen, geliebten Schwester, da hörte ich hinter mir ein auffallendes Geräusch, und als ich mich wandte, sah ich, wie die Großmutter einen kleinen Schädel aus einem zertrümmerten Sarge hob und ihn weinend an die Lippen drückte. ,Das war mein kleiner Simon‘, sagte sie zitternd, während sie sacht den Schädel wieder in die halbvergangene Kiste legte.“

          Die Frage nach Tod und Endlichkeit

          Als sich dann wiederum der alte Theodor Storm an dieses Erlebnis aus seiner Kinderzeit erinnerte, war fast ein Jahrhundert seit Simons Tod vergangen. Die Gruft war seitdem immer wieder geöffnet und verschlossen worden, um neue Leichen aus dem Familienkreis aufzunehmen, darunter eine Reihe von Geschwistern des Dichters und seine erste Frau Constanze, und wer wie Storm in die enge Kammer hinunterstieg, in deren Wände Eisenstangen eingelassen sind, um die Särge zu tragen, der lief ständig Gefahr, auf kleine weiße Knochen zu treten, die durch die Löcher in den verfaulten Brettern auf den Boden der Gruft gefallen waren.

          Theodor Storm, geboren an diesem Donnerstag vor zweihundert Jahren, wich der Frage nach Tod und Endlichkeit nicht aus, er stellte sie in vielen seiner Gedichte und in den Novellen, die seinen Ruhm bis heute bewahrt haben. Der Tod eines Sechzehnjährigen etwa ist ihm Anlass für das Gedicht „Geh nicht hinein“, das die Leiche so beschreibt: „Dort, wo er gelegen, / Dort hinterm Wandschirm, stumm und einsam liegt / Jetzt etwas – bleib! Geh nicht hinein! Es schaut / Dich fremd und furchtbar an; für viele Tage / Kannst du nicht leben, wenn du es erblickst.“

          Erzählen und Zusammenrücken

          Was von uns bleibt, ist jedenfalls nicht das tote „etwas“, das an die Stelle des lebendigen „er“ getreten ist. Aber es hat genügend Kraft, allein durch seine Gegenwart hinter dem gnädig dort aufgestellten Wandschirm Angst und Schrecken unter den Lebendigen zu verbreiten, was Storm, den man im schönsten Paradox einen „realistischen Geisterseher“ genannt hat, zeitlebens faszinierte. An ein Jenseits glaubte er nicht, zugleich aber sammelte er Spukgeschichten und notierte eifrig Berichte über Geistererscheinungen. Einer seiner wirkungsvollsten Texte, „Am Kamin“, bündelt solche Geschichten in einer Rahmenhandlung, die einen älteren Herrn zeigt, der allein durch seine Erzählkunst aufgeklärt-skeptische Zuhörer das Gruseln lehrt, während der Teekessel singt und man behaglich zusammenrückt.

          Es fällt nicht schwer, darin – im Erzählen und Zusammenrücken – eine Strategie gegen den namenlosen Schrecken zu sehen, gegen das Etwas hinter dem Wandschirm. Und Storm, der sich in Husum und Umgebung in einer weitverzweigten Familie aufgehoben wusste, der seine eigene Cousine heiratete und mit ihr sieben Kinder bekam, der einen ausgedehnten Briefwechsel pflegte und sich regelmäßig nach dem Wohlergehen noch der entfernteren Zweige der Sippe erkundigte, wusste genau, welchen Halt eine Familie geben kann. Er wusste aber auch, wie man sie gefährden kann, bis an die Grenze zum Zerstören.

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