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Von Twitter zum Buch : Schreiben. Schreiben!

Kelly Oxford und ihr erstes Buch „Everything Is Perfect When You're A Liar“ Bild: ddp images/Anthony Behar/Sipa US

Kelly Oxford hat jahrelang gebloggt und getwittert. Jetzt ist ihr erstes Buch erschienen. Es zeigt, wie das Schreiben heute gehen kann - und wo man seinen Stoff dafür herbekommt

          Ein typischer Tweet der Autorin Kelly Oxford, 35, aufgewachsen im kanadischen Edmonton, inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Los Angeles und schreibt Bücher und fürs Fernsehen und für Hollywood:

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „1. Zähle, wie viele Selbstporträts du hast. 2. Rechne das in Minuten um. 3. Verdopple es. 4. So viel Zeit solltest du im Monat ehrenamtlich arbeiten.“

          Kelly Oxford wechselt ständig die Porträts ihres Twitter-Kontos. Im Augenblick hat sie dort allerdings den Umschlag ihres ersten Buchs plaziert, das in dieser Woche erschienen ist und „Everything Is Perfect When You’re a Liar“ heißt, eine Sammlung autobiographischer Essays. Kelly Oxford sagt, sie schreibt, seit sie das kann. Und seit es das Internet gibt, wie wir es kennen, seit Mitte der neunziger Jahre also, veröffentlicht sie ihre Texte dort: am Anfang auf ihrer Seite bei GeoCities, dann in einem Blog, heute twittert sie vor allem.

          Zu ihren Lesern zählen Prominente höchsten Ranges

          Ungefähr 470 000 Leser folgen ihr im Augenblick. Sie twittert über die Oscar-Verleihung, über das, was ihre Kinder von Barbra Streisand denken und was sie überhaupt so denken, über Körperdinge und Kopfprobleme. Und weil bald auch einige Prominente auf ihre lustigen, bösen, genauen Tweets über die Gegenwart im Allgemeinen, die celebrity culture im Besonderen und über ihre Kinder aufmerksam geworden waren, bekam Kelly Oxford Zugang zur Studiowelt von Los Angeles.

          Das heißt: Die richtigen Leute (wie der Moderator Jimmy Kimmel oder die Drehbuchautorinnen Jhoni Marchinko und Diablo Cody) lasen ihre Tweets und wollten Kelly Oxford kennenlernen. Der am Donnerstag verstorbene Filmkritiker Roger Ebert half ihr, eine amerikanische Arbeitserlaubnis zu bekommen. Kelly Oxford schrieb dann einen Pilotfilm fürs Fernsehen, aus dem aber nichts wurde, und begann, an einem zweiten zu arbeiten. Und auch an einem Drehbuch für einen Kinofilm, den Drew Barrymore angeblich drehen wird, Arbeitstitel „Son of a Bitch“, die Geschichte einer Bloggerin, die schwanger wird und das mit der Figur vereinbaren muss, die sie im Internet ist.

          Das Internet als Ort zur Selbstwerdung

          In dieser Woche ist Kelly Oxford aber erst mal mit ihrem Buch durch das amerikanische Fernsehen getourt. Auf Lesereise geht sie auch. Sie ist, könnte man sagen, in dieser Woche also angekommen.

          Aber das ist nur die eine Seite der Geschichte von Kelly Oxford, sie handelt vom Internet als Ort zur Selbstwerdung und Selbstvermarktung. „Ich habe mein komplettes Image und meine ganze Arbeit in den letzten zwölf Jahren selbst online kontrolliert“, hat Kelly Oxford im Juni 2012 der „Los Angeles Times“ erzählt. Und da der Anfang ihrer Karriere mit dem Anfang des Internets als populärer Plattform zusammenfiel, ist Oxfords Geschichte typisch für eine Generation von Autoren, die das noch erwähnenswert fanden. Für die Generation danach ist der Wechsel aus dem Internet in die Welt des Gedruckten längst normal geworden, und auch, dass man gar nicht mehr wechseln muss, um Bestätigung zu finden.

          Die andere, interessantere Seite der Geschichte von Kelly Oxford hat aber mehr mit dem zu tun, worüber sie schreibt. Nämlich über sich selbst. Und die Welt vor und hinter ihrer Haustür. Es hat mit den Selbstporträts zu tun, die sie in ihrem Tweet zum Gradmesser der Eitelkeit erklärt hat. Vielleicht hat sie da aber auch nur Ratgeberliteratur parodiert, in 140 Zeichen. Sie ist nämlich perfekt in 140 Zeichen. Daran hat Kelly Oxford seit Jahren gearbeitet, online.

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