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Von Prag nach Berlin : Die auffällige Bescheidenheit des tschechischen Volkes

  • -Aktualisiert am

Bild: Wonge Bergmann

Was mein Weg von Prag nach Berlin und meine vielen Jahrzehnte in Deutschland mich gelehrt haben – die Dankesrede zur Verleihung des Italo-Svevo-Preises.

          Wie schön war mir in der DDR-Fremde . . . Diesen Satz lasse ich statt eines einleitenden Absatzes erst mal so stehen. Die Deutschen, mit denen ich hier im Lande seit den Siebzigern zu tun hatte, neigten schon damals und neigen bis heute grundsätzlich zum wohlwollenden Verstehen, sie versuchen, einen um jeden Preis – und möglichst gleich alles an einem – zu akzeptieren, sie suchen das Gute und Schöne auch im Bösen und am Hässlichen, in allem, was man ihnen erzählt. Ich bin in genau das Land gekommen, das für mich – obwohl meine Mutter an drei düsteren Orten der Nazis nur dank einiger Zufälle nicht umgebracht worden war – wie geschaffen schien. Und man mochte hier sogar meinen Akzent! Wie nett sind alle diese Tschechen, wie liebenswürdig, nicht wahr? Diesen Satz lass ich auch einfach so stehen. Im Bestreben, mich so schnell wie möglich zu Italo Svevo vorzuarbeiten.

          Prag – eine so schöne Stadt! Wie oft habe ich diesen von Wissenslöchrigkeit zeugenden Satz gehört – und muss, trotz meines eigentlichen Themas, dieses Thema erst mal vorziehen. In den Jahrzehnten meiner Kindheit und Jugend war Prag eine dreckige, dem feuchten Zerbröseln überlassene Stadt, in der man lieber nah an den Bordsteinkanten lief, um nicht von herabfallenden Simsen erschlagen zu werden. Einfach nur hässlich konnte man die Stadt aber trotzdem nicht nennen.

          Das Leiden während des Lutherjahrs

          Aber warum fragen sich die liebenswürdigen, auch deutschen Prag-Besucher nicht, wieso die Stadt so besonders und so prächtig geworden ist? Prag war, als Karl IV. die Stadt zum Zentrum seines Reichs machte, noch winzig – mittelalterlich beengt, vernachlässigt, wenigstens wurde sie im Frühling, wenn das Hochwasser kam, regelmäßig saubergespült. Dass sie dann viel später so prächtig, reich und maßlos wurde – ich spreche von ihrer jetzigen Gestalt –, ist eher das Ergebnis einer regelrechten Okkupation, einer brutalen Vergewaltigung des Landes durch die katholischen Habsburger, unter denen dann die Vormachtstellung der deutschen Sprache und Kultur für lange Zeit zementiert werden sollte. Die Okkupation von 1968 war, ehrlich gesagt, nichts dagegen.

          Und so bin ich, scheinbar frei von jeder Stringenz, bei einem singvögelfressenden Antisemiten gelandet – bei Martin Luther nämlich. Dank meines großen Lehrers Yoram Kaniuk weiß ich zum Glück: Eine Geschichte lässt sich auch in zwei Sätzen erzählen, und es spricht nichts dagegen, mit einer neuen mitten in einem Absatz zu beginnen, in dem es um etwas ganz anderes geht. Dass Italo Svevo, alias Ettore Schmitz, Jude war, soll hier keine größere Rolle spielen.

          Um jetzt aber etwas Ordnung reinzubringen, emotional wenigstens: Ich klage niemanden an, Martin Luther auch nicht – mit mir ist einfach kurz meine hussitische Eifersucht durchgegangen. Deutschland ist schon lange ein Land, das ich nicht missen möchte. Ich bin hier ein anderer geworden. Aber wenn ich hier schon stehen darf, kann ich nicht anders: Was habe ich in dem verdammten Lutherjahr gelitten! Geburtsstunde der Reformation? Habe ich richtig gehört? Die reformatorischen Gedanken kamen doch von John Wclif, also aus England! Und der Name Jan Hus kam im Lutherjahr kaum vor, und auch nicht der Umstand, dass die Reformation in Böhmen fast hundert Jahre früher begann und sich landesweit durchgesetzt hatte. Und ebenso wenig, dass es sogar zweihundert Jahre vor dem Westfälischen Frieden in Böhmen zur De-facto-Aussöhnung zwischen Katholiken und Protestanten gekommen war, die dann bis zum Dreißigjährigen Krieg auch hielt. Zu Luthers Zeiten war etwa nur ein Zehntel der Bevölkerung Böhmens noch katholisch. Womit wir mit Siebenmeilenschritten wieder fast bei Italo Svevo gelandet sind – also wenigstens vorläufig wieder bei den Habsburgern.

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