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Vargas Llosas Nobelpreisrede : „Die Literatur schafft Brüderlichkeit“

Bild: dapd

Mario Vargas Llosa feiert die Literatur als unerlässlich für das Fortbestehen der Zivilisation. Die Rede des peruanisch-spanischen Schriftstellers aus Anlass der Verleihung des Nobelpreises für Literatur mischt Autobiographie, politisches Bekenntnis und Lob des Erzählens.

          In einer langen, leidenschaftlichen und glänzend strukturierten Rede hat Mario Vargas Llosa ein Bekenntnis zum Erfinden von Geschichten und Erträumen von Utopien, aber auch zu Demokratie, Gedankenfreiheit und freier Marktwirtschaft abgelegt. Nichts Geringeres war von diesem Autor zu erwarten gewesen, der sich seit Jahrzehnten als lateinamerikanischer Gegenpol zu seinem früheren Freund, dem kolumbianischen Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, profiliert hatte.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der Vierundsiebzigjährige stattete den Schriftstellern Dank ab, die ihn als Kind und Jugendlichen beeinflusst hatten, allen voran Flaubert, erinnerte an die Orte seines Lebens in Peru, Spanien, Frankreich oder England, und fasste noch einmal seine Glaubenssätze für modernes literarisches Engagement zusammen.

          Besonderes Gewicht in der Rede nahm der Kampf gegen Unterdrückung, Staatstyrannei und Zensur ein. „Ohne Fiktionen“, so Vargas Llosa, „wären wir uns nicht so sehr der Bedeutung der Freiheit für ein lebenswertes Leben bewusst, und in welche Hölle es sich verwandelt, wenn ein Tyrann, eine Ideologie oder Religion sie mit Füßen tritt. Wer Zweifel daran hegt, dass die Literatur uns nicht nur von Schönheit und Glückseligkeit träumen lässt, sondern auch auf jede Form der Unterdrückung aufmerksam macht, der soll sich fragen, warum all jene Regime, die das Verhalten ihrer Bürger von der Wiege bis ins Grab unter Kontrolle halten wollen, solche Furcht vor der Literatur haben, dass sie zu ihrer Unterbindung Zensursysteme einführen und die unabhängigen Schriftsteller so argwöhnisch überwachen.“

          Fußball auf dem Weg zur Nobelpreisverleihung: Mario Vargas Llosa mit Real Madrids Torhüter Iker Casillas am vergangenen Samstag vor dem Spiel gegen Valencia
          Fußball auf dem Weg zur Nobelpreisverleihung: Mario Vargas Llosa mit Real Madrids Torhüter Iker Casillas am vergangenen Samstag vor dem Spiel gegen Valencia : Bild: dapd

          Liebeserklärung an Peru

          In einem Rundgang durch die Ideologiegeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erwähnte Vargas Llosa zahlreiche Fallen, in die auch Künstler und Schriftsteller tappten, und hob jene Autoren hervor, die unter persönlichen Opfern oder Lebensgefahr nicht nur für ihre Literatur, sondern auch für die Demokratie eingestanden hätten. Unter heutigen Gefahren nannte er - mit einem Seitenhieb auf innerspanische Debatten - den Nationalismus, den Glaubensfanatismus und den Terrorismus.

          Demgegenüber komme Romanen und Erzählungen als Kraft des Widerstands eine hohe Aufgabe zu: „Die Literatur schafft eine Brüderlichkeit innerhalb der menschlichen Vielfalt und lässt Grenzen verschwinden, die Ignoranz, Ideologien, Religionen, Sprachen und Dummheit zwischen den Menschen errichten.“

          Neben einer Liebeserklärung an Peru, das Land seiner Wurzeln, enthielt die Rede auch kritische Passagen, die an Lateinamerika gerichtet waren. Der Autor, der durch öffentliche Kritik an den Machthabern fast seine Staatsbürgerschaft verloren hätte, nahm den lateinamerikanischen Kontinent in die Pflicht und empfahl, heutige gesellschaftliche Übel nicht mehr auf die spanische Kolonisierung zu schieben, sondern die eigenen Defizite ins Auge zu fassen.

          Barocke Hommage ans Schreiben

          Eine gerechte Kritik, so Vargas Llosa, müsse Selbstkritik sein: „Denn diejenigen, die nach der Unabhängigkeit von Spanien vor zweihundert Jahren in den ehemaligen Kolonien an die Macht kamen, bemühten sich nicht, die Indios zu befreien und sie für das erlittene Übel zu entschädigen, sondern beuteten sie weiter mit der gleichen Habgier und Schonungslosigkeit aus wie die Eroberer, töteten und dezimierten sie in manchen Ländern. Sagen wir es ganz offen: Seit zwei Jahrhunderten tragen allein wir die Verantwortung für die Gleichstellung der Indios, und wir sind ihr nicht nachgekommen. Das ist in ganz Lateinamerika die Aufgabe, die wir noch erfüllen müssen. Es gibt keine einzige Ausnahme für diese Schmach und Schande.“

          Nach langen Passagen zu Geschichte und Gesellschaftspolitik - Themen, die er regelmäßig in seinen alle vierzehn Tagen erscheinenden Kolumnen in der Zeitung „El País“ aufgreift -, lieferte der Nobelpreisträger eine durchaus barocke Hommage ans Schreiben, die Mühen des literarischen Handwerks und die Höhen- und Höllenflüge der Phantasie. Literatur, so der Autor von Romanen wie „Die Stadt und die Hunde“, „Der Krieg am Ende der Welt“ und „Das Fest des Ziegenbocks“, wurde für ihn zu „einer Form, den Widrigkeiten standzuhalten, zu protestieren, zu rebellieren, vor dem Unerträglichen zu fliehen, sie wurde zum Sinn meines Lebens“.

          Nichts deutet darauf hin, Mario Vargas Llosa wolle mit dieser Arbeit jemals aufhören. Seine Stockholmer Rede war neben dem politischen Bekenntnis der Versuch zu beschreiben, was einen Mann mehr als ein halbes Jahrhundert lang daran faszinieren kann, „diesen von Phantomen bevölkerten Nebel in eine Geschichte zu verwandeln“. Schreiben, so zitierte der Nobelpreisträger seinen Säulenheiligen Flaubert, „ist eine Art zu leben“.

          Quelle: FAZ.NET

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