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Vargas Llosa über die Nobelpreisnachricht Vierzehn Minuten der Besinnung

15.10.2010 ·  Gedanken nach einem Anruf in den frühen Morgenstunden: Mario Vargas Llosa über die kurze Zeit, die ihm blieb, sich in seiner New Yorker Wohnung auf den Literaturnobelpreis einzustellen.

Von Mario Vargas Llosa
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An jenem Tag stand ich, wie jeden Morgen, seit wir vor drei Wochen nach New York gekommen sind, um fünf Uhr auf und ging, bemüht, Patricia nicht zu wecken, in den kleinen Wohnraum, um zu lesen. Etwa eine Stunde später würde der Morgen dämmern und die ersten Lichtstrahlen den Hudson und die Ecke des Central Parks mit seinen Bäumen beleuchten, die der Herbst zu vergolden begann: ein wunderschönes Schauspiel, das mir der Ausblick unserer Wohnung im 46. Stock jeden Morgen schenkt.

Der Tag war präzise durchgeplant. Zwei Stunden lang würde ich die Stunde für nächsten Montag in Princeton vorbereiten. Eine halbe Stunde Gymnastik für den Rücken, eine Stunde Laufen im Central Park, Zeitungen, Frühstück, Duschen und auf zur Public Library, wo ich meine Kolumne für „El País“ schreiben wollte – über den Selbstmord des jungen Violinisten und Studenten der Rutgers University, Tylor Clementi. Zwei homophobe Kommilitonen hatten ihn als schwul denunziert und ein Video ins Internet gestellt, in dem zu sehen ist, wie er einen Mann küsst.

Die Magie des Romans „Das Reich von dieser Welt“, den ich in der nächsten Klasse behandeln wollte, und die mythische Verwandlung der ersten Unabhängigkeitsbestrebungen Haitis durch Alejo Carpentiers Prosa schlugen mich sofort in ihren Bann. Der allwissende, nicht in Erscheinung tretende Erzähler berichtet gebildet, gelehrt, barock und wohlgesetzt aus nächster Nähe von den Gefühlen des Sklaven Ti Noel, der an die Geister des Voodoo glaubt und daran, dass Hexenmeister wie Mackandal die Gabe der Lycanthropie besitzen, sich also, wenn sie wollen, in Tiere verwandeln können. Seit mindestens zwanzig Jahren hatte ich diese Geschichte nicht mehr gelesen.

Erinnerung an einen schlechten Scherz

Plötzlich bemerkte ich Patricia. Sie kam zu mir mit dem Telefon in der Hand und einem Gesichtsausdruck, der mich erschreckte. „Etwas Schlimmes ist in der Familie passiert“, dachte ich. Ich nahm das Telefon und machte zwischen Pfeiftönen, Echolauten und elektrischem Zwitschern eine Stimme aus, die Englisch sprach. In dem Moment, als ich die Wörter „Swedish Academy“ verstehen konnte, brach die Verbindung ab. Wir sahen uns schweigend an, bis das Telefon wieder klingelte. Jetzt hörte ich gut. Der Anrufer sagte, er sei der Sekretär der Schwedischen Akademie, diese habe mir den Nobelpreis für Literatur verliehen und die Nachricht würde in vierzehn Minuten veröffentlich werden. Ich könnte sie im Fernsehen, im Radio und im Internet verfolgen.

„Wir müssen Álvaro, Gonzalo und Morgana Bescheid geben“, sagte Patricia. „Warten wir lieber, bis es offiziell ist“, erwiderte ich und erinnerte sie an den schlechten Scherz, den ein paar Freunde, oder wohl eher Feinde, vor vielen Jahren Alberto Moravia spielten. Sie gaben sich als Mitglieder der Schwedischen Akademie aus und gratulierten ihm zum Nobelpreis. Er benachrichtigte die Presse – und die Nachricht stellte sich als geschmackloser Schwindel heraus. „Ja, das stimmt, diese Wohnung wird sich in ein Tollhaus verwandeln“, sagte Patricia, „vielleicht solltest du langsam mal duschen gehen . . .“

Die Gedanken gehen zurück

Anstatt genau das zu tun, blieb ich im Wohnzimmer und sah zu, wie sich die ersten Lichtstrahlen des New Yorker Morgens zwischen den Wolkenkratzern abzuzeichnen begannen. Ich dachte an das Haus in der Ladislao-Cabrera-Straße in Cochabamba, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, und an Pablo Nerudas Buch „Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“, das meine Mutter in ihrem Nachttisch versteckt hielt – das erste verbotene Buch, das ich las. Ich dachte daran, wie sehr sie diese Nachricht, wenn sie denn wahr wäre, gefreut hätte. Ich dachte an die große Nase und die glänzende Glatze von Großvater Pedro, der Verse zu festlichen Anlässen schrieb und, wenn ich nicht essen wollte, der Familie erklärte: „Für den Dichter ist das Essen Prosa.“

Ich dachte an Onkel Lucho, der mich während dieses glücklichen Jahres bei ihm in Piura, meinem letzten Schuljahr, als ich erste Zeitungsartikel, Erzählungen und Gedichte verfasste, unermüdlich anspornte, beharrlich zu sein und Schriftsteller zu werden. Vielleicht sprach er aus eigener Erfahrung, jedenfalls versicherte er mir, dass man einen Verrat begeht und sich zum Unglücklichsein verurteilt, wenn man seiner Berufung nicht folgt. Ich dachte an die Premiere meines Theaterstückchens „Die Flucht des Inka“ damals im Teatro Variedades in Piura. Mein Freund Javier Silva verkündete das Ereignis mit einem Schalltrichter lauthals vom Verdeck eines Lastwagens aus in alle Straßen. Und ich dachte an die hübsche Ruth Rojas, die Vestalin des Werkes, in die ich heimlich verliebt war.

„Es ist unsinnig zu glauben, das sei ein Scherz“, sagte Patricia. „Lass uns endlich Álvaro, Gonzalo und Morgana anrufen.“

Wir riefen unsere Kinder Álvaro in Washington, Gonzalo in Santo Domingo und Morgana in Lima an – und noch immer blieben sieben oder acht Minuten bis zum angegebenen Zeitpunkt. Ich dachte an meine Jugendfreunde Lucho Loayza und Abelardo Oquendo und an die Zeitschrift „Literatura“, von der wir gerade einmal drei Nummern herausgebracht hatten, an unser Manifest gegen die Todesstrafe, an die Hommage für César Moro und an die heftigen Diskussionen, die wir manchmal darüber führten, ob Borges wichtiger als Sartre wäre oder umgekehrt. Ich plädierte für Letzteres und sie für Ersteres, und sie hatten natürlich recht.

Entscheidung zur Literatur

Ich dachte an den Wettbewerb in „La Revue Française“, den ich 1957 mit meiner Erzählung „Die Herausforderung“ gewann, was mir eine Reise nach Paris bescherte, wo ich einen Monat kompletter Glückseligkeit verbrachte. Ich dachte an die paar Worte, die ich mit Albert Camus und María Casares am Eingang eines Theaters der Grands Boulevards wechselte, und an meine eifrigen, aber fruchtlosen Versuche, von Sartre empfangen zu werden, und sei es nur für eine Minute, um ihm ins Gesicht zu blicken und ihm die Hand zu schütteln. Ich erinnerte mich an mein erstes Jahr in Madrid und an mein Zaudern, bis ich mich entschloss, die Erzählsammlung „Die Anführer“ für den Leopoldo-Alas-Preis einzureichen. Der Preis wurde ausgelobt von einer Gruppe von Ärzten in Barcelona, angeführt von Doktor Rocas und beraten durch den Lyriker Enrique Badosa. Ihnen habe ich die enorme Freude zu verdanken, mein erstes Buch gedruckt zu sehen.

Ich dachte, wenn die Nachricht wahr wäre, müsste ich mich öffentlich bei Spanien, dem Land, dem ich viel schulde, bedanken, denn ohne die außerordentliche Hilfe von Personen wie Carlos Barral, Carmen Balcells und so vielen anderen, Verlegern, Kritikern, Lesern, hätten meine Bücher niemals diese Verbreitung gefunden.

Und ich dachte, wie ungeheuer glücklich mein Leben war, weil ich den Rat Onkel Luchos befolgt hatte und mit zweiundzwanzig, irgendwann im August 1958 in einer Madrider Pension, beschlossen hatte, dass ich nicht Anwalt, sondern Schriftsteller werden würde. Fortan wollte ich, kargen Zeiten zum Trotz, mein Leben so organisieren, dass ich den größten Teil meiner Zeit und Energie der Literatur widmen konnte, und solche Arbeit suchen, die mir Zeit zum Schreiben ließe. Es war ein recht phantastischer Entschluss, aber er half mir zumindest psychologisch sehr, und ich glaube, im Großen und Ganzen bin ich ihm in meinen Pariser Jahren gefolgt.

Durchbruch in eine intensivere Welt

Und ich dachte an den merkwürdigen inneren Widerspruch, Auszeichnungen wie diese – wenn die Nachricht kein fauler Scherz war – dafür zu erhalten, dass ich mein Leben einer Beschäftigung widme, die mir unendlichen Spaß macht, weil jedes Buch ein Abenteuer voller Überraschungen, Entdeckungen, Hoffnungen und Überschwänglichkeiten war, die alle Schwierigkeiten, Kopfschmerzen und Depressionen stets weit überragten. Und daran, wie wunderbar dieses Leben doch ist, das die Männer und Frauen sich bereits erfanden, als wir noch im Lendenschurz herumliefen und uns gegenseitig auffraßen: schon sie durchbrachen die dünnen Grenzen des wirklichen Lebens, um uns in die andere, reichere, intensivere, freiere Welt der Fiktionen zu versetzen.

Um Punkt sechs Uhr morgens New Yorker Zeit bestätigten die Radiosender, das Fernsehen und das Internet, dass die Nachricht stimmte. Wie Patricia vorausgesagt hatte, verwandelte sich unsere Wohnung in ein Tollhaus, und seitdem habe ich aufgehört zu denken und fast, aber nur fast, auch zu atmen.

Aus dem Spanischen von Clementine Kügler.

Quelle: F.A.Z.
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