http://www.faz.net/-gr0-12yn6

Uwe Tellkamps Romandebüt : Als der Turm noch ein Türmchen war

  • -Aktualisiert am

Uwe Tellkamp bei der Verleihung des Nationalpreises 2009 Bild: AP

Der Nationalpreisträger Uwe Tellkamp, der mit seinem Roman „Der Turm“ im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis gewann, hat die Welt jetzt vor seinem Erstling aus dem Jahr 2000 gewarnt, der gegen seinen Willen neu erscheint. Er weiß, warum. Eine Polemik von Volker Weidermann.

          E-Mail-Adressen von Literaturredaktionen gibt es ja eigentlich nur zu dem Zweck, damit die Presseabteilungen der Verlage täglich unzählige Empfehlungen, Super-Empfehlungen und Mails mit der Betreffzeile „Das Buchereignis aus Schweden“ und „Unser Chinese des Jahres“ verschicken können. Stört nicht weiter. Ein Klick und weg ist der Schwede. Manchmal schreibt auch der zuständige Lektor, der der Presseabteilung misstraut, manchmal ein Verleger, der allen misstraut, und manchmal auch der Autor selbst. Die Mails sind alle gleich: „Irres Buch, muss man lesen und wenn nicht lesen, dann doch wenigstens den Lesern empfehlen. Mit besten Grüßen.“

          Da war es natürlich überraschend, als die Literaturredaktionen des Landes kürzlich die Mail eines Autors erreichte, der vor seinem Buch warnen wollte. „Sehr geehrte Damen und Herren“, schrieb er, „der Verlag Faber und Faber Leipzig beabsichtigt im Juni 2009, eine Neuauflage meines Romans ,Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café' herauszubringen. Diese (Wieder-)Veröffentlichung geschieht gegen meinen mehrfach und schriftlich erklärten Willen.“ Auch mit der Taschenbuchausgabe im Oktober bei dtv sei er nicht einverstanden, aber leider halte der Verlag nun einmal die Rechte an diesem Buch, man habe ihm schriftlich erklärt, dass man sich über seine Bedenken hinwegsetzen werde. „Und so bleibt mir nur, Ihnen auf diesem Weg mitzuteilen, daß die neuerliche Publikation des ,Hecht' ohne meine Zustimmung erfolgt. Mit freundlichen Grüßen Ihr Uwe Tellkamp.“

          „Ein Geruch nach Schweiß“

          Der Roman war zum ersten Mal im Jahr 2000 erschienen, damals von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Man lernte Tellkamp erst vier Jahre später kennen, als die Juryvorsitzende des Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt nach seinem Vortrag jauchzte: „Ich glaube, wir haben einen großen Autor entdeckt.“

          Ein Jahr später veröffentlichte Tellkamp seinen in rechtskonservativer Demokratieverachtung schwelgenden Kitschroman „Der Eisvogel“ und 2008 dann den „Turm“, von dem sein Verlag so lange behauptete, er habe „buddenbrooksches Format“, bis es die meisten Kritiker schließlich auch geschrieben hatten. Dass tatsächlich so gut wie kein Verriss des Buches erschien, deutet darauf hin, dass „Der Turm“ wirklich ein atemberaubendes Werk ist. Es könnte aber natürlich auch daran liegen, dass Kritiker, die die kunsthandwerkliche Zierratdrechselei und Villenbestaunung des 950 Seiten starken Buches trotz größter Mühen einfach nicht länger als hundert Seiten ertragen haben, als seriöse Rezensenten ausschieden. Der einzige Held der Arbeit, der trotz Unempfänglichkeit für den tellkampschen Auftrumpfstil das ganze Buch durcharbeitete, war Denis Scheck, der nach Lektüre bekannte, es entstehe beim Lesen „ein Geruch nach Schweiß wie in der Umkleidekabine eines Fußballoberligisten nach der Halbzeitpause“. Doch „Der Turm“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis geehrt, hat seit 37 Wochen die Bestsellerlisten nicht mehr verlassen und gilt inzwischen als das Epos der untergehenden DDR.

          „Aus dieser Erde genommen“

          Um Autor und Buch schnell noch die Krone aufzusetzen, wurde Uwe Tellkamp in diesem Monat (zusammen mit Monika Maron und Erich Loest) mit dem Deutschen Nationalpreis geehrt. Man könnte sich unter den jüngeren Autoren des Landes auch eigentlich gar keinen vorstellen, dem ein „Deutscher Nationalpreis“ so gut passen würde wie ihm. Gern betont Tellkamp, der sich auch als „Librettisten Wagners“ bezeichnet, dass er in der Tradition „deutscher Kunst und deutscher Kultur“ stehe. Was anderen Schriftstellern qua Herkunft und Bildung selbstverständlich ist, trompetet Tellkamp stolz heraus. In seinen jüngst als Buch erschienenen Leipziger Poetikvorlesungen preist er den verstorbenen Lyriker Thomas Kling: „Da scheute sich ein deutscher Dichter nicht, ein deutscher Dichter zu sein. Das machte ihn mir lieb, denn auch ich bin hier geboren und nicht in Amerika, bin aus dieser Erde genommen.“

          Weitere Themen

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Topmeldungen

          Bundeswehr : Zehn Millionen Deutsche sind nun Veteranen

          Verteidigungsministerium und militärische Verbände legen einen jahrelangen Streit bei. Die Grünen sprechen von Herummogelei – und die Linken von einem Verklärungsversuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.