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Umberto Eco : Welt wird alles, was sich aufzählen lässt

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Umberto Eco im Rausch der Anhäufung: In einem prächtigen Bildband und einer Pariser Veranstaltungsreihe ergründet der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler die Lust an der Liste.

          Es könnte auch sein, dass es tausend und vier waren. Leporellos Buchführung über Don Giovannis Eroberungen im Reich der Galanterie bei Mozart steht auf unsicheren Füßen. Auf diese schiefe Ebene zwischen Rechenfehler, großzügiger Schätzung und Chaos hat Umberto Eco sein jüngstes Beschäftigungsthema gestellt. Es geht um das Phänomen der „Liste“ und das Schwindelgefühl des aufzählenden Immer-mehr, das diese Rudimentärstufe von Weltordnung auslöst.

          Eco hat damit auf die Einladung des Louvre geantwortet, als Ehrengast im Museum einen Veranstaltungsschwerpunkt zu setzen. Da der italienische Gelehrte aber ein Mann der Bibliotheken ist, begann alles mit einem Buch. „Die unendliche Liste“ heißt der Prachtband, der zugleich auf Deutsch, Italienisch und Französisch erschien. Das vierhundertseitige Bilder- und Lesebuch zeigt, wie durch die Jahrhunderte die unüberschaubare Vielzahl von Pflanzen, Tieren, Ländereien, Gestirnen, Engeln, Dämonen, Menschenwerken und sonstigen Kuriositäten überschaubar gemacht werden sollte.

          „Mille e tre“

          Ein Zyklus von Ausstellungen, Film-, Konzert- und Theateraufführungen, Vorträgen und Lesungen sucht in den nächsten Wochen unter Ecos Regie dem Rausch der Anhäufung – „Vertigine della lista“ heißt Ecos Buch im Original – von allen Seiten her beizukommen. Um es vorwegzunehmen: Die im graphischen Kabinett des Louvre gezeigte kleine Ausstellung „Mille e tre“ ist nur eine Fußnote zum Thema. Die Jahre, in denen Persönlichkeiten wie Peter Greenaway oder Jacques Derrida in den Louvre-Beständen aus dem Vollen schöpfen konnten, um ein gewähltes Thema zu illustrieren, sind vorbei.

          Die Zyklen der letzten Jahre ließen die Gäste Robert Badinter, Toni Morrison, Anselm Kiefer, Pierre Boulez vor allem in Nebenveranstaltungen des Museums zu Wort kommen und öffneten ihnen nur noch die Magazinräume der Druckgraphik zum Stöbern. So ist auch bei Eco, dem einstigen Theoretiker des „offenen Kunstwerks“, das Interessanteste in der Vorbereitungsphase zu der Veranstaltungsreihe zusammengekommen und nachzulesen in seinem Buch.

          Aufzählen schafft Ordnung

          Man könnte spontan annehmen, das bloße Aufzählen von Phänomenen zeichne den Versuch primitiver Kulturen aus, die Vielfalt der Welt in eine Ordnung zu bringen, während höher entwickelte Kulturen eine systematische Durchdringung mit durchdachten Kriterien anstrebten. Eco hält das für falsch. Auch die großen theologischen und enzyklopädischen „Summen“ wurden im Mittelalter, in der Renaissance, im Barock und jüngst in der Postmoderne in Frage gestellt, schreibt er, und mussten einem Sammelsurium Platz machen, aus dem manchmal neue Ordnungskriterien hervorgingen.

          Die konzentrische, hierarchisch gegliederte und geschlossene Form der Welt, wie etwa Hephaistos sie laut Homers 18. Gesang der „Ilias“ auf dem für Achill geschmiedeten Schild darstellte, platzt manchmal in eine faktische Unendlichkeit auseinander. Auch das zeigt sich schon in der „Ilias“, wenn im zweiten Gesang die große Zahl der vor Troja an Land gehenden Griechen erst metaphorisch, dann durch lange Aufzählung der Heerführer und Schiffe suggeriert wird.

          Bei Vergils Darstellung des Hades oder in Dantes Beschreibung der Engel im Paradies kommt es zu dem, was Eco den „Topos der Unsagbarkeit“ nennt: das ausdrückliche Sagen, dass man nicht alles sagen kann. Die kirchlichen Heiligenlitaneien oder die Aufzählungs-, Ballungs- und Steigerungsformen der klassischen Rhetorik ließen die Faszination des Hinzufügens bis ins Rauschhafte wachsen. Selbst die Malerei lernte in Boschs ausufernden Allegorien, Brueghels Burlesken, Altdorfers Schlachtszenen, Tintorettos Heiligen-Häufung oder Rubens’ Engelsstürzen „und so weiter“ zu sagen. In Arcimboldos seltsamen Porträts aus Kraut und Rüben sieht Eco die Vielzahl der Liste in die Einheit einer Form übergehen – nur sei es eine trügerische Einheit, denn eine Ansammlung von Früchten ergibt real nie eine Menschengestalt.

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