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Schriftstellerin auf Lesereise : Plötzlich bin ich deutsche Kulturvermittlerin

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„Ich wollte nicht das Stereotyp des Orients über den Westen bedienen; die westliche Frau als sittenlos und promisk. Und ich wollte nicht mit meiner Figur verwechselt werden“: die deutsche Schriftstellerin Ulla Lenze Bild: Ulla Lenze

Mein Roman über Weltstädte hat mich um die ganze Welt geführt: zum Beispiel nach Indien, in den Irak, nach Ägypten. Seitdem weiß ich auch, was man dort über unser Land denkt. Ein Gastbeitrag.

          Mit einem Roman, der „Die endlose Stadt“ heißt, auf Lesereise zu gehen in Städte, die ebenso endlose Städte sein könnten - wuchernde Megacitys zwischen Kairo, Delhi oder Jakarta -, das ist, als würde das Netz meines Istanbul-Bombay-Berlin-Romans noch einmal neu ausgeworfen, nur diesmal in der Realität. Und zuweilen geht er, gehe ich ihr ins Netz. Dem Doppelberuf des Schriftstellers - zwischen der Einsamkeit des Schreibens und dem Exponiertsein des öffentlichen Auftritts - fügt sich im Ausland ein dritter hinzu: Hier bin ich auch Kulturvermittlerin, ja Verkörperung deutscher kultureller Identität: „Sind Ihre weiblichen Figuren typisch deutsch?“, fragt man mich in Yogjakarta. „Was denkt man in Deutschland nach dem Kölner Silvestermob über den nordafrikanischen Mann?“, spricht man mich in Rabat an. „Welche Lösungen haben Sie in Deutschland für die Umweltprobleme?“ (Basra) „Finden Sie nicht, dass der linke Diskurs in Deutschland, der den arabischen Mann verteidigt, unserer feministischen Bewegung in den Rücken fällt?“ (Kairo)

          Auf den Roman „Die endlose Stadt“ folgt für Ulla Lenze eine Lesereise durch die ganze Welt. Hier eine Aufnahme aus der Teheraner Afsanah Stiftung.
          Auf den Roman „Die endlose Stadt“ folgt für Ulla Lenze eine Lesereise durch die ganze Welt. Hier eine Aufnahme aus der Teheraner Afsanah Stiftung. : Bild: Ulla Lenze

          Im Ausland sind die Fragen zusätzlich also mit der Erwartung aufgeladen, anhand meiner Person stichprobenhaft etwas über Deutschland herausfinden zu können. Und genau hier beginnen die interessanten Ambivalenzen: Meinem Deutschsein, sofern ich darauf verpflichtet werde, verwahre ich mich (meist für eine universalere Perspektive werbend), wobei sich paradoxerweise gerade diese Distanznahme jedes Mal sehr deutsch anfühlt. Obendrein wird Deutschsein oft mit schlichtweg westlich assoziiert - womit wir dann mitten in meinem Roman „Die endlose Stadt“ wären, der über die alten Dichotomien Orient und Okzident hinauszudenken versucht, insofern sie lebendige Echtwahrnehmungen blockieren. Bei dieser Kritik geht übrigens oft ein zustimmendes Seufzen durch die Sitzreihen, ob in Casablanca, Alexandria oder Bangkok. Dann ist es, als verlängere sich der Roman in die Realität hinein.

          Stolzer neuer Star der Weltwirtschaft

          „Endlos“ - eine Frage, die in jedem Land gestellt wird - bezieht sich übrigens auf die einerseits faktischen Exzesse heutiger Megacitys (Verkehrschaos, Armenviertel, gated communities und Shoppingmalls im Stil einer globalisierten Kultur) und andererseits auf die im utopischen Sinn bestehenden Möglichkeiten hinter der durchökonomisierten Realität: die Freiheit des Einzelnen, den Verstrickungen zu widerstehen. Das versuchen meine Figuren.

          In Delhi wurde mir vom Publikum jedoch vorgeworfen, mit meinen Beschreibungen der vermüllten Straßen Bombays in die Fußstapfen von Günter Grass zu treten, der 1988 mit seiner Polemik über Kalkutta („den Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte“) die indische Bildungselite aus der Fassung gebracht hatte. Da ich 1990 als Sechzehnjährige sechs Monate in Indien lebte, war ich Augenzeuge dieses Zorns, und bei jeder Gelegenheit wurde mir die neokoloniale Arroganz meines Landsmanns vorgehalten.

          Damals war Indien noch Dritte Welt. Heute ist es stolzer neuer Star der Weltwirtschaft. Der Müll aber vermehrte sich nach der Liberalisierung des Marktes 1991 ebenso unaufhaltsam wie die neuen Autos der finanzstarken indischen Mittelklasse, die heute die Straßen verstopfen. „Die Kritik ist ja berechtigt. Aber es tut weh, wenn Besucher aus dem Westen sie vorbringen“, räumt man schließlich ein.

          Die westliche Frau als sittenlos und promisk

          Mir hängt die Empörung allerdings nach. Vielleicht, weil sich plötzlich die tatsächliche Differenz und Ferne zwischen uns offenbart: Selbst dass es sich vorübergehend schlecht anfühlte, dort zu sitzen, schien mir in jenem Moment irgendwie in Ordnung. Aber noch das Befürworten der Kontroverse schien als westliche Dominanzrhetorik empfunden zu werden, und vielleicht war es das auch. Es sind keine angenehmen Situationen, aber es passiert in ihnen für beide Seiten manchmal mehr als im scheuen Respekt des Abnickens und Applaudierens.

          Die gleiche Stelle fand einen Abend später am Goethe-Institut von Pune großen Beifall. „Es ist wichtig, dass wir uns von außen gespiegelt bekommen“, sagt eine Germanistikprofessorin. Eine Woche vorher in Chennai hatte sich ein junger Deutschschüler zu Wort gemeldet: Die Deutung des allgegenwärtigen Mülls als ein Zeichen des Fortschritts, das habe er so noch nie gesehen, aber es leuchte ihm ein.

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