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Walter Kempowskis „Plankton“ : Der kann Fragen stellen!

Walter Kempowski auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2004. Bild: ddp

Sein Leben lang hat Kempowski Plankton gefischt: wildfremde Leute ausgefragt. Was sie ihm erzählten, ist nun als Buch erschienen. Es ist imponierend. Aber ist es auch Literatur?

          So ging es los: „1961 fing ich mit den Ausfragungen an. Bauer Drew[e]s in Breddorf. Ich bückte mich über die Erdbeeren, und er stand daneben und guckte mir zu. Das war mir lästig, und da fragte ich ihn eben nach Hitler.“ Diese Tagebucheintragung vom 6. Juli 1989 ist typisch Kempowski: unprätentiös, direkt; aber auch banal, so banal, wie das Leben oft eben ist. Und daraus soll richtige Literatur entstehen?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das Projekt „Plankton“, das nun im Druck vorliegt, markiert eine weitere, aber, angesichts des gewaltigen Materials, das im Berliner Archiv liegt, bestimmt nicht letzte Epoche dieser Werkgeschichte: auf achthundert Seiten Antworten von Privatpersonen, denen Kempowski meistens ganz zufällig begegnete und dabei ausfragte - ob sie schon mal einen Prominenten gesehen hätten; ihr Lieblingsgericht; Eltern; Kindheit, Mauerfall und natürlich Hitler, immer wieder Hitler, mit allem, was dazugehört. So „wichtig“ das auch sein mag - irgendwann kann man es dann doch nicht mehr hören, dass der und der Hitler da und da gesehen oder gehört hat und dabei wahnsinnig oder eben überhaupt nicht beeindruckend fand und dass praktisch jeder die Nachricht vom Mauerfall erst gar nicht glauben konnte. Was soll man auch groß sagen?

          Kempowski als Avantgardist?

          Das ist eben der Witz bei der Sache: „Groß“ sagen soll ja niemand etwas, sondern so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Was Bauer Drewes Kempowski seinerzeit zu berichten hatte, ging sehr wahrscheinlich ein in den genau in jener Zeit spielenden, bis heute sträflich vernachlässigten Dorfschullehrer-Roman „Heile Welt“ (1998), zweifellos große Literatur. Aber jetzt diese Sammlung von Privatmeinungen? Kempowski war davon überzeugt, dass damit „die Literatur an eine Grenze gerät, von wo aus oder an der sie umkehrt zum Geraune der Menschen am Feuer“. Das kann dann mit Literatur nicht mehr viel zu tun haben, sofern man darunter auch einen (privilegierten) Autor-Standpunkt und eine (spezifische) Geformtheit versteht.

          Aber der Begriff wurde auf „Plankton“ in ersten Rezensionen schon angewendet, sogar in einem eminenten, avantgardistischen Sinne. In der Tat lassen sich, zumal im digitalen Zeitalter mit seinem noch fragmentierteren Bewusstsein und den ganz anderen Mitmach-Möglichkeiten des Schreibens, Argumente nennen, wenn man Kempowski als Visionär ins Spiel bringt: „Plankton“ wäre dann ein durchaus beeindruckendes Zeugnis von Schwarmintelligenz. Aber von „Literatur“ sollte man nur in dem Sinne sprechen, dass damit (auch) die Gesamtheit von Schrifttum gemeint sein kann.

          „Kleine autonome Texte“

          Kempowski, der bei den Befragten oft auf einen ganz natürlichen Mitteilungsdrang setzen konnte, frohlockte am 2. Januar 1989, dass er schon eine „hübsche kleine Sammlung“ beisammenhabe, „kleine autonome Texte“, „die im günstigsten Fall von hoher literarischer Qualität sind“. Im günstigsten Fall sind sie es tatsächlich, aber eben nur im günstigsten. Bisweilen stolpert man über Miniaturen, die so abgründig sind, dass sie die anonym bleibenden, nur mit Beruf und Jahrgang verzeichneten Erzähler ein Leben lang beschäftigen müssten: „Tischlermeister, *1940 Zweiter Weltkrieg | 1943. Alarm, alles geht in den Keller, und ich bleibe im Rhabarberstrauch sitzen. Ich hatte einen Panzer aus Holz geschenkt bekommen. Die Flieger kamen, und ich schoß die ab, bis die Tanten und die Mutter aus dem Kellerfenster herausriefen: ,Komm! Komm! Komm!‘ Aber geholt hat mich keine. Ich hatte das als nicht gefährlich empfunden.“ Geholt hat mich keine: Damit muss ein Mensch erst einmal fertig werden, was ein Dreijähriger (im ersten Moment) vielleicht noch am ehesten schafft.

          Unbedingt literaturfähig auch der Eintrag einer Klinikreferentin, die sich die Ohren zustopft, weil sie ihre Mutter nicht erträgt. Bis es eines Tages heißt: „Sage mal, du hast gar keine Ohrenschmerzen. Du machst das wegen mir, das hat was mit mir zu tun.“ Was könnte man aus solchen Keimzellen des Tragikomischen machen? Kempowski hat das Beste daraus gemacht, und je mehr Plankton man aufnimmt, desto begreiflicher wird es einem dann doch, wie Kempowski sich dieses Projekt vorstellte und was er damit vorhatte.

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