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Karl Ove Knausgård: „Träumen“ : Ein Erdrutsch von Erinnerungen

  • -Aktualisiert am

Überwältigung durch Nähe: Über mehr als dreitausend Seiten hinweg betreibt Karl Ove Knausgård seinen Marathon der Entblößung. Bild: Michael Nagle/Redux/laif

Karl Ove Knausgård schreibt Romane über sein Leben. Sie haben ihn zu einem der erfolgreichsten, aber auch geheimnisvollsten Autoren der Gegenwart gemacht. Jetzt erscheint Band V: „Träumen“

          Er wolle einen Gegenwartsroman schreiben, der „gleichzeitig unterhaltsam und tiefgründig“ sei, erklärt der neunzehnjährige Student, der 1988 einen der begehrten Plätze an der Akademie für Schreibkunst in Bergen ergattert hat. Und er fährt fort: „Ich interessiere mich fürs Paradoxe. Für Dinge, die hässlich und schön, edel und gemein sind.“ Was ihn umtreibt, ist eine Mischung aus Größenwahn und Selbsthass, die Sehnsucht danach, gesehen, gemocht und bewundert zu werden, gepaart mit dem ebenso starken Bedürfnis, sich zu verbergen, zu verschwinden, sein Selbst abzustreifen. Aber das weiß er da noch nicht.

          Heute, mit sechsundvierzig Jahren, ist der ehrgeizige Student von damals im Begriff, einer der berühmtesten Schriftsteller unserer Zeit zu werden. Karl Ove Knausgård wird von Autorenkollegen wie Zadie Smith oder Jeffrey Eugenides mit ähnlich ekstatischem Lob bedacht wie von weiten Teilen der Literaturkritik und von einer exponentiell wachsenden Leserschaft geradezu vergöttert.

          Näher an einer menschlichen Seele

          Der Grund dafür ist sein monumentales autobiographisches Romanprojekt. „Min Kamp“, wie es im norwegischen Original heißt, besteht aus sechs schweren Bänden; auf Deutsch heißen die vier bisher von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg übersetzten „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“. Am heutigen Montag kommt Band V hinzu: „Träumen“ (Luchterhand Verlag, 794 Seiten, 24,99 Euro). Dabei hinken die weltweiten Übersetzungen dem Original notgedrungen hinterher, denn niedergeschrieben hat Knausgård alle sechs Bände binnen drei Jahren in manischer Geschwindigkeit. Bereits 2009 erschienen in Norwegen die ersten drei Teile, während er noch an Band vier bis sechs saß, die 2010 und 2011 folgten. Seither hat Knausgård außer einzelnen Aufsätzen, etwa dem Psychogramm des Terroristen Anders Breivik oder dem Bericht einer Amerika-Reise auf den Spuren der Wikinger, nichts mehr veröffentlicht. Wie er in Interviews immer wieder sagt, hat der Erfolg seine Selbstzweifel nicht kleiner gemacht, im Gegenteil: Er habe nichts Neues geschaffen, sein Schreiben sei selbstbezogen und narzisstisch. Und auch, wenn er immer vom Ruhm geträumt hat: Als plötzlich ganz Norwegen, vom Rest der Welt zu schweigen, seine Bücher gelesen habe, sei das „die Hölle“ gewesen. Die Frage, ob seine Kunst des radikalen Alles-Sagens und Alles-Zeigens die Verletzungen rechtfertigt, die sie seiner Familie zufügt, scheint für Karl Ove Knausgård noch nicht letztgültig beantwortet zu sein.

          Die Idee zur rückhaltlosen Schilderung seines „Lebenskampfs“, der gerade nicht in einem großen, sondern in unzähligen kleinen Alltagskämpfen ausgetragen wird, entstand aus einem Überdruss an all den seriellen Fiktionen, die der Wirklichkeit nahekommen wollen, indem sie diese nachstellen. Handlung und Charaktere erfinden zu müssen habe regelrecht Übelkeit in ihm ausgelöst, schreibt Knausgård in „Lieben“. Er entschloss sich, „das Wahre zu sagen“, sich so zu zeigen, wie er war. Damit wolle er sich selbst ein für alle Mal von seiner Angepasstheit befreien, seiner Sucht, anderen zu gefallen - die er nicht ablegen könne, obwohl ihm die meisten Menschen vollständig gleichgültig seien. Was Knausgård anstrebt, ist ein literarisches Selbstporträt wie jenes, das Rembrandt im Jahr seines Todes von sich gemalt hat: Es zeige „das Dasein dieses Menschen, zu dem er jeden Morgen erwacht, und das sofort Besitz ergreift von den Gedanken, ohne selbst Gedanke zu sein, das sofort Besitz ergreift von den Gefühlen, selbst jedoch kein Gefühl ist, und aus dem man Abend für Abend entschlummert, am Ende für immer“. Näher an eine andere menschliche Seele heranzukommen dürfte kaum möglich sein.

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