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Tony Blairs Memoiren Ich bin ein ganz normaler Mann

06.09.2010 ·  Sie sind der absolute Renner im britischen Bücherherbst: Die Memoiren Tony Blairs erregen England, machen das Land aber nicht klüger. Am Montag erscheinen sie in der deutschen Übersetzung.

Von Gina Thomas, London
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Nicht zufällig heißt der Anwalt in William Hogarths satirischer Bilderserie „Marriage à la Mode“ Silvertongue (Silberzunge), gehört doch die Rhetorik zu den Voraussetzungen des versierten Juristen. Tony Blair ist von Haus aus Anwalt. Sein Erinnerungsband „A Journey“, der in den letzten Tagen in Britannien Wirbel machte und heute unter dem Titel „Mein Weg“ in deutscher Übersetzung erscheint, liest sich denn auch streckenweise wie das Plädoyer eines Strafverteidigers, der das Gericht von der Unschuld seines Mandanten überzeugen will, weniger durch Eloquenz als durch leidenschaftliche Argumentation und Selbstvertrauen.

Der ehemalige Premierminister vertritt sich in eigener Sache. Er umgarnt den als Schöffen dienenden Leser mit seinem Freimut und greift dabei auf die altbewährte Taktik zurück, Fehler einzugestehen, um seine grundlegende Integrität umso plausibler erscheinen zu lassen. Mitunter aber versetzt Blair den Leser auch in die Rolle des Psychoanalytikers.

Der Autor legt sich auf die Couch und offenbart mehr als seine Seele. An einer Stelle verrät er sogar seine Toilettenvorlieben. Dann wechselt er wieder die Rolle und erteilt Lehren, als schreibe er eine Anleitung zum politischen Vorgehen, wie etwa in der Passage über das sogenannte Karfreitagsabkommen vom April 1998, wo er, aus der eigenen Erfahrung in Nordirland und dem Nahen Osten schöpfend, allgemeine Ratschläge für Friedensunterhändler verabreicht. Und das letzte Kapitel wirkt wie das Bewerbungsschreiben für ein hohes Amt. Tony Blair macht keinen Hehl daraus, dass er noch viel vorhat.

Streng zensiert und in Verruf gebracht

Die Aufzeichnung von Erinnerungen gehört mehr oder weniger zur Berufslaufbahn eines Premierministers – wenn die schwarze Tür von Downing Street ein letztes Mal hinter ihm zugefallen ist. Den meisten aber fehlt nicht nur das literarische Talent, sondern auch der Mut zur Indiskretion, und so erstarren diese von Ghostwritern aus Akten und Tonbandaufnahmen zusammengeschusterten Selbstrechtfertigungen in der Regel im staatsmännischen Gehabe. Auch das Gros der Bücher von Ministern und Staatsdienern, die sich in wachsenden Zahlen schriftlich zu verwirklichen suchen, ohne tiefere Einblicke zu liefern, landet nach kurzer Zeit im modernen Antiquariat. Einige wenige, wie die dreibändigen Tagebücher des Labour-Ministers Richard Crossman, die den Autoren der Fernsehsatire „Yes, Minister“ als Quelle dienten, oder die unverfrorenen Aufzeichnungen des konservativen Abgeordneten Alan Clark, haben Bestand.

In den letzten Jahren aber hat der Zwist im Herzen von New Labour Anlass zu einer Fülle von Insider-Büchern gegeben, die Kapital schlagen aus dem Bedürfnis der mit Nachrichten übersättigten Informationsgesellschaft nach immer neuen Einzelheiten, möglichst brisanter Natur. Im Lichte dieser Indiskretionen wirkt es geradezu lächerlich, dass der Diplomat Nicholas Henderson Jahre warten musste, bis seine Tagebücher genehmigt wurden, und dass Jeremy Greenstock, britischer Botschafter bei den Vereinten Nationen und Sonderbeauftragter im Irak unmittelbar nach dem Sturz von Saddam Hussein, seine für den Herbst 2005 angekündigten Beobachtungen über den Irak-Krieg bis heute nicht publizieren durfte.

Das Außenministerium verhielt sich in diesem Fall ähnlich wie Königin Viktoria, als sie von der geplanten Veröffentlichung der Tagebücher des hohen Beamten Charles Greville erfuhr. Sie warf ihm „Indiskretion, Taktlosigkeit, Undankbarkeit, Vertrauensbruch und schmähliche Illoyalität vor“ und verlangte, dass das Buch „streng zensiert und in Verruf gebracht“ werde, setzte sich allerdings nicht durch. Ein Sonderausschuss des Parlamentes, der sich bei der Inflation von politischen Memoiren vor wenigen Jahren mit der Erstellung von neuen Richtlinien befasste, konstatierte, dass die Autoren neben dem Drang zur Selbstrechtfertigung und der persönlichen Eitelkeit ein starkes finanzielles Motiv hätten, ihr Wissen möglichst schnell zu Papier zu bringen.

Die großen Rätsel von Tony Blairs Führungsstil

Der Kolumnist Simon Jenkins verriet dem Gremium, wie „ein bestimmter Schatzkanzler, der ungenannt bleiben soll“, sich erkundigt habe, was seine Erinnerungen wert sein könnten, und die Antwort erhalten habe: „Morgen eine Viertelmillion, nächste Woche hunderttausend Pfund und in zwei Monaten zehntausend Pfund“.

Geld, Geltungsbedürfnis und ein hohes Maß an Eitelkeit dürften Peter Mandelson, den verschlagenen Strategen von New Labour, veranlasst haben, seine Version der Neu-Labour-Jahre mit fast unziemlicher Hast auf den Markt zu bringen, um Tony Blair zuvorzukommen. „The Third Mann“ erklomm schnell den ersten Platz auf der Bestsellerliste, aber das Rampenlicht fällt jetzt wieder auf seinen ehemaligen Chef, für den er so listig hinter den Kulissen wirkte, dass man ihn den Fürsten der Finsternis hieß. Während Mandelson ein konventionelles Memoirenwerk vorlegte, das von der endlosen Faszination für das Blair-Brown-Psychodrama zehrt, wollte der innovationsverliebte Blair etwas anderes. Im Vorwort erklärt er, er schreibe nicht als Historiker, sondern als die einzige Person, die wirklich wisse, wie der Figur im Zentrum seiner zehn Jahre als Premierminister zumute gewesen sei. Tony Blair hält Wort, wobei der fesselnde Einblick in das innerste Innere seiner Premierministerschaft nicht ohne starke selbstbetrügerische Züge ausfällt. Zwar hob er in einem Fernsehinterview nachdrücklich hervor, dass Schatzkanzler Gordon Brown die Wirtschaft nicht eigenhändig lenkte, doch gelingt es dem ehemaligen Premierminister, über die Mitverantwortung seiner Regierung an der Finanzkrise elegant hinwegzusehen.

Zu den großen Rätseln von Tony Blairs Führungsstil gehört der Widerspruch zwischen dem anbiedernden Populismus einerseits und der geradezu übermütigen Bereitschaft, sich der öffentlichen Meinung zu widersetzen, wie das beim Irak-Krieg der Fall war. „Mein Weg“ gibt darüber Ausschluss. Das Buch schildert nicht nur die Reise von der Hinterbank in die Downing Street, sondern auch die innere Entwicklung des Politikers, vom Premierminister, der es jedem recht machen will, zum Staatsmann, der aus Überzeugung handelt. Die Kluft zwischen der großen Vision von einer progressiven, sich über die alte Trennung von links und rechts hinwegsetzenden Politik und der Realität des Alltags vermag er nicht zu überbrücken, nicht zuletzt, weil er, wie er selbst bekennt, lieber den Kurs angab, als sich um das Detail zu kümmern.

Der Wettkampf, der die Zwietracht säte

Immer wieder offenbart er den eigenen Verdruss über den Mangel an Reformen, aber der Drang nach neuen Errungenschaften lässt ihn weiter voranpreschen, ohne die Fundamente zu sichern. Diese Schwäche hat John Birt, der ehemalige Generaldirektor der BBC, genau erkannt. Peter Mandelson zitiert ihn mit dem Einwand, dass Blair zwar wisse, was er wolle, und den Fokus eines Hauptgeschäftsführers besitze, aber keine klaren, direkten Anweisungen gebe. Er hake nicht nach und stelle die Menschen nicht zur Rede, kurz, er „mache keine Thatcher“.

Es wird oft gefragt, worin der Wert der vielen Bücher über die Ära Blair liege, wo doch die Geschichte zumal des bitteren Konfliktes zwischen Blair und Brown zur Genüge bekannt sei. Aber der durchdringende Blick Mandelsons wirft ein eigenes Schlaglicht auf die Ranküne und die Intrigen, die Blairs Selbstdarstellung relativiert und immer wieder Diskrepanzen aufweist, die zeigen, wie trügerisch das Gedächtnis sein kann. So erinnert sich Blair, dass er am Tag, an dem der Labourparteiführer John Smith starb, Peter Mandelson, der die Rolle des Königsmachers spielen sollte, zufällig im Parlament über den Weg gelaufen sei. Mandelson hingegen schildert, wie Blair um ein dringendes Gespräch gebeten habe, das diskret anberaumt wurde. Damit steigert sich der Verschwörungscharakter des Wettkampfes um die Parteiführung, der die Zwietracht säte.

Passagen von geradezu atemraubender Peinlichkeit

In einer besonders entlarvenden Passage schreibt Blair, der im übrigen sein Werk ohne Ghostwriter höchstselbst verfasst haben soll, in seiner größten Stärke habe auch seine größte Schwäche gelegen: „Ich bin normal.“ Bei der Wahl zwischen einem Thriller und einem psychologischen Drama über eine sterbende Frau, deren einziges Kind sich umbringt und die entdeckt, dass ihr Mann sie betrügt, würde er allemal den Thriller vorziehen. Die Wahl zwischen einem Abend im Restaurant und einer Vorstellung von Wagners „Götterdämmerung“ fällt ihm auch nicht schwer. Wie die meisten Menschen lache er lieber, als zu weinen, amüsiere er sich lieber, als zu trauern. Er scheut sich nicht vor Banalitäten und versteigt sich oft in schauderhafte Klischees. Scharfe Analysen, Charakterstudien, die sich der vernichtenden Methode von Shakespeares Marc Anton in der Grabrede für Julius Cäsar bedienen, ein Sinn für die witzige wie pointierte Anekdote und viel Selbstironie mischen sich mit Passagen von geradezu atemraubender Peinlichkeit.

Tony Blairs Erinnerungen tragen dieselben widersprüchlichen Merkmale wie seine Politik. „Publish and be damned“ (veröffentliche und sei verdammt) soll der Herzog von Wellington gerufen haben, als eine Kurtisane mit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen drohte. Diesen Spruch hat sich Tony Blair zu eigen gemacht. Daran werden sich künftige memoirenschreibende Ex-Premierminister messen lassen müssen.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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