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Tom Koenigs' Afghanistan-Buch Wetter und Tee, Krieg und Frieden

19.09.2011 ·  Tom Koenigs war von Februar 2006 bis Weihnachten 2007 als UN-Sondergesandter in Afghanistan. Jetzt hat er über diese Zeit ein so unheroisches wie großartiges Buch geschrieben.

Von Nils Minkmar
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Man sollte bei der Lektüre dieses herrlichen Buches einen Fehler nicht machen, aber wenn man ihn beschreibt, ist er beinahe unvermeidbar, denn wer schafft es schon, an etwas, das man ihm genannt hat, nicht zu denken? Jedenfalls sollte man in der Nähe dieses Buchs unter keinen Umständen an Guido Westerwelle denken. Diese Briefe von Tom Koenigs aus seiner Zeit als Missionsleiter der Vereinten Nationen in Afghanistan, kurz Unama, sind so fein gedacht und formuliert, von so viel Fleiß und Selbstironie durchdrungen, dass man ganz traurig wird, wenn man daran denkt, wie einfältig und schrill zugleich deutsche Diplomatie heute betrieben wird.

Genug Guido, denken wir lieber an ein Erdferkel. Wenn Tom Koenigs von seiner öffentlichen Rolle schreibt, vergleicht er sich gern mit einem „possierlichen“ Erdferkel, welches zur Freude der Besucher ausgestellt wird. So ein merkwürdiges Viech gibt es ja im Nachttierhaus des Frankfurter Zoos, und das bestätigt einen rührenden Zug des Buches: Bei aller globalen Umtriebigkeit, den Pendelflügen zwischen Kabul und New York, ist es auch eine Frankfurter Heimatkunde, Joschka, Dany und die Karl-Marx-Buchhandlung bilden das Dreigestirn, das auch in der Ferne und der Dunkelheit Orientierung bietet.

Die globale Diplomatie besteht aus Besuchsritualen

Koenigs war von Februar 2006 bis Weihnachten 2007 in Afghanistan. Und so ein Sondergesandter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen empfängt professionell teetrinkenden Besuch. Fast jeder ausländische Minister, Diplomat und Würdenträger, der nach Kabul kommt, sucht auch den Repräsentanten der Vereinten Nationen auf, allein schon, um zu Hause im Abrechnungsbericht darauf hinweisen zu können. Doch zu reden gibt es nicht so viel, die ausländischen Besucher wollen kommen und staunen und ihn sehen und möglichst etwas zu erzählen haben. Da heißt es Rüssel zeigen, sich bestaunen lassen, der Mann im besten Alter stellt sich aus und schwärmt von Afghanistan.

Die globale Diplomatie besteht zum großen Teil aus Besuchsritualen. Koenigs hat als ehemaliger Sponti ein feines Gespür für die absurde Poesie solcher Szenen, gestattet sich aber auch eine aufrichtige Faszination, nie schreibt er hochmütig über seine Gesprächspartner. Völlig hingerissen ist er von seinem Besuch beim afghanischen König, einem alten Mann, der keine Rolle mehr spielt, aber ein Antrittsbesuch muss schon sein. Es ist nicht ganz klar, welche Sprache Majestät nun eigentlich spricht, Dari oder Französisch? Vorsichtshalber nimmt Koenigs zwei Mitarbeiter mit, für jede Sprache einen. Doch der König, der von einem uralten General gestützt wird, murmelt mehr, als das er redet, auch die Sprache wird nicht ganz deutlich. Also gibt es ein wechselseitiges Nicken und wohlwollendes Murren zum Thema Wetter, Krieg und Frieden, Atom und Afghanistan als solches. Die Politik, die Gegenwart ist woanders, direkt nebenan eigentlich, wo der afghanische Präsident Karzai residiert. Nach einer zähen halben Stunde kommt noch ein Hoffotograf herein. Der will, schreibt Koenigs, „ein Bild für die Ewigkeit schießen, auch wenn ich den Eindruck hatte, sie sei hier ohnehin schon angebrochen“.

Erkunden und berichten, was war

Es ist ein unheroisches Afghanistanbuch. Hier gibt es keine Berichte vom Endkampf Gut gegen Böse, kein Leser soll aufgerüttelt oder agitiert werden, es sei denn, sich für die Mühen des diplomatischen Alltags zu begeistern. Deutlich wird das im Fall des christlichen Konvertiten, dem im Kabuler Gefängnis ein ungutes Schicksal droht. Blitzschnell mischen sich die Mächte ein, von Condoleezza Rice bis zum Papst fordern alle die Freilassung des Christen, der Mann wird zum Symbolfall für die Einhaltung der Glaubensfreiheit in Afghanistan.

Koenigs besinnt sich auf die schon in früheren Missionen entwickelte Methode, die er Verifikation nennt, und die ganz schlicht auf einer Untersuchung des Sachverhalts basiert. So hat er schon in Guatemala erfolgreich zu einer Aufarbeitung der Bürgerkriegsverbrechen beitragen können: Erkunden und berichten, was war. Dabei stellt er fest, dass der Mann nicht wegen seiner Religion in Haft kam, sondern weil er seine Töchter geschlagen hatte. Dem ganzen Fall lag ein komplizierter Sorgerechtsstreit zugrunde, der zwischen dem Inhaftierten und dem Großvater der Mädchen ausgefochten wurde. Koenigs besucht den obersten Richter des Landes, einen Mullah, über den man eigentlich alles weiß, wenn man liest, wie Koenigs eine riesige Peitsche erwähnt, die hinter dem Mann an der Wand befestigt ist und die der Autor gleich die „Damoklespeitsche“ tauft.

Diffizile Fälle

Irgendwie klappt es aber doch, den Christen aus dem Gefängnis abzuholen, ein Formfehler kommt wie gesucht und gefunden, auch wenn der Autor die genauen afghanischen Abläufe bis zum Schluss nicht kapiert. Dann ist es auch ein Leichtes, alle den Fall betreffenden Dokumente zu sammeln und zu lagern, aber wohin mit dem Mann, dessen Freilassung eben noch die halbe Welt verlangt hatte? Alle Militärs lehnen seine Aufnahme ab, kann er doch zum Ziel von islamistischen Anschlägen werden.

Koenigs Krisenstab tagt permanent, schließlich nimmt ihn die Unama selbst auf. Damit die afghanischen Mitarbeiter nichts merken, wird eine Sicherheitsübung veranstaltet, bei der er in die Turnhalle bugsiert wird. Mit tausendundeinem diplomatischen Winkelzug gelingt es, ihn schließlich nach Rom auszufliegen, was ihm das Leben rettet. Die Töchter, bemerkt Koenigs aufmerksam, können von ihrem gewalttätigen Vater unbehelligt weiter beim Großvater bleiben, der jahrelang für sie gesorgt hatte, sie auch zur Schule schickte.

Es ist ein Buch, in dem diffizile Fälle geschildert werden, das aber auch einen zentralen politisch-konzeptionellen Strang verfolgt: Koenigs muss in seiner Funktion immer wieder auch über seinen eigenen politischen Werdegang reflektieren. So sitzt er einmal mit einem amerikanischen General zusammen und bespricht die militärischen Maßnahmen gegen den Aufstand, also die „Counterinsurgency“, genau jenen Begriff also, der den Autor als jungen Mann zum Widerstand gegen den Vietnamkrieg bewegte.

Mut zum geäußerten Selbstzweifel

Damals wurde Tom Koenigs bekannt, weil er sein beträchtliches Erbe an den Vietcong spendete. Steht er also heute auf der anderen Seite? Ganz so locker wie ein Gerhard Schröder zuckt er nicht die Schultern über den Gang des Lebens, der einen Linken sozial und gesinnungsmäßig ganz woanders hin befördert. Koenigs ergeht sich erfreulicherweise auch nicht in großen geopolitischen Vorlesungen wie sein Freund Fischer, ihm fehlt auch dessen apokalyptischer Ton. Er schlägt aber dennoch einen großen Bogen, der die internationale Solidarität der siebziger Jahre mit seiner Afghanistan-Mission verbindet, und das schafft er mit einer ganz knappen Formel: R2P - das steht für „Responsibility to Protect“, den Auftrag der Staatengemeinschaft, Menschenrechte überall zu schützen.

Doch es ist keine Zauberformel, der Einmarsch im Irak liegt anders als der Einsatz in Serbien und im Kosovo. Es gibt genaue Bedingungen, die vor und vor allem für die Zeit nach einem solchen Einsatz erfüllt sein müssen, ein Votum des Sicherheitsrats ist beispielsweise zwingend erforderlich. Erarbeitet hat dieses Konzept der ehemalige australische Premier Gareth Evans. Der aber, das referiert Koenigs, stand unter dem Einfluss von Paul Berman, einem Autor, der darüber geschrieben hatte, wie sich die Frankfurter Spontis um Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit unter dem Einfluss der Ideen von Bernard-Henri Lévy und André Glucksmann zu humanitären Interventionisten entwickelten.

Besonders anrührend sind die Passagen, in denen Koenigs über sich selbst reflektiert. Sie vor allem machen deutlich, was in der politischen Kommunikation so fehlt, nämlich der Mut zum geäußerten Selbstzweifel. Hier begegnet uns ein Amtsträger, der vor Podiumsdiskussionen und Interviews Lampenfieber hat. Während einer Diskussion erlebt er sich als zaudernd, nur Allerweltsweisheiten von sich gebend, dann als für den Fortgang der Debatte irrelevant. Welcher andere Politiker schreibt so über sich?

„Schuhe anlassen und Waffen ausziehen“

Vor einem Auftritt in der berühmten BBC-Sendung „Hardtalk“ fühlt sich Koenigs gar wie vor einer Mathearbeit. Und er fällt mit Pauken und Trompeten durch, so jedenfalls sein erster Eindruck. Das Echo nach der Ausstrahlung klingt dann etwas freundlicher, aber ihn treibt doch um, ob der Auftritt wirklich der Sache gedient hat.

Im Gedächtnis bleibt vor allem die gute Laune, die in Berichten über Afghanistan ganz unerwartet ist. Beim Besuch einer denkmalgeschützten blauen Moschee in Mazar-i-Sharif ziehen alle Delegationsmitglieder die Schuhe aus, die schweren Waffen der Leibwächter bleiben hingegen umgeschnallt. Da öffnet Koenigs eine spöttische Parenthese: „(Vielleicht ein Verbesserungsvorschlag: Schuhe anlassen und Waffen ausziehen - aber das erlaubt wohl der Prophet nicht.)“

Tom Koenigs ist noch aktiver Politiker, ganz im Gegensatz zu Joschka Fischer, der einen bemerkenswerten Cameoauftritt im Buch hat. Die beiden Weggefährten treffen sich in einem Hotel in Wien, doch Koenigs ist bereits auf dem Sprung, und Fischer muss rasch duschen. Er sagt etwas, aber Koenigs kann sich nicht konzentrieren, ganz „beeindruckt ist er von der Leibesfülle“ des Freundes. Zu- und Abnehmen, auch eines der großen Themen unter Diplomaten in Ländern, in denen die Bankette Ehrensache sind und Hammel fett sein müssen.

Dieses Buch, ein augenblicklicher Klassiker, verlangt nach einer Fortsetzung. Briefe aus Berlin möchte man lesen, liebevoll verfasst von Tom Koenigs, Außenminister der Bundesrepublik Deutschland.

Tom Koenigs: „Machen wir Frieden oder haben wir Krieg? Auf UN-Mission in Afghanistan“. Wagenbach, 272 Seiten, 19,90 Euro.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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