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Thomas Meineckes Poetikvorlesung Ausdenken ist verboten

09.02.2012 ·  Thomas Meinecke dekonstruiert die Poetikvorlesung auf dem Frankfurter Campus. Er spielt Platten ab, zitiert Kritiker, liest Rezensionen vor. Aber er redet nicht selbst über sich - und sagt damit erstaunlich viel.

Von Thorsten Gräbe
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© Lisowski, Philip Der Text wird zum Soundtrack: Thomas Meinecke als Diskurs-DJ

Am Anfang war kein Wort. Der Autor trat an den Plattenspieler und ließ das Album „Reject All American“ von Bikini Kill laufen, eine jener „Mädchenpunkrockplatten“, wie sie die Figuren in seinem Buch „Tomboy“ hörten. Als er tatsächlich zu reden begann, über das Buch und seine Figuren, da lieh er seine Stimme den Kritikern und Literaturwissenschaftlern, die sich mit dem Roman befasst haben.

Thomas Meinecke, der Autor, der hätte sprechen sollen, bestritt seine erste Frankfurter Poetikvorlesung - und schien zum eigenen Werk nichts zu sagen zu haben. Meineckes Material bestand aus Sekundärtexten, von Lob und Verrissen der Rezensenten bis zu Analysen in Aufsätzen und Magisterarbeiten. Das konnte man für narzisstisch halten - da will einer beweisen, wie wichtig er ist - oder für naiv -, da meint einer, es sei schon alles gesagt. Jedenfalls wurden Woche für Woche die Reihen lichter im Hörsaal 2 der Universität Frankfurt.

Autorenidentität des authentischen Autors

Andererseits musste einen die Montage auch nicht überraschen. Meineckes Romane tragen zwar trotzig den Genrenamen, haben aber kaum Handlung, und Figuren dienen als Texthaken, an denen hängt, was sie lesen, schreiben, denken; statt Luft atmen sie Worte. Die Lektüre ist nicht immer einfach, doch meistens lohnend. Meinecke, Jahrgang 1955, arbeitet auch als Plattenaufleger und Musiker, sein Schreiben gilt als Übernahme musikalischer Techniken in die Literatur: Der Text wird zum Soundtrack, den der Autor als Diskurs-DJ aus Zitat-Samples mixt.

Dass der Vortrag zu „Tomboy“ auf vorgefundenem Material basierte, entspricht durchaus dem erzählerischen Prinzip. In „Tomboy“ schreibt die Heidelberger Studentin Vivian Atkinson eine feministisch geprägte, in Frageform angelegte Magisterarbeit über „Haben, Sein und Scheinen“ der Geschlechter. Wie sie vermeintlich stabile Geschlechtsidentitäten befragt, so geraten im Zitatreigen des Romans die Annahmen über Autorenidentität in Bewegung. Wenn Meinecke, als dessen Verfasser, wiederum nur Texte über sein Buch vortrug, dann ist das ein hübscher Seitenhieb auf die Idee vom authentischen Autor.

Eine Montage, die fasziniert und irritiert

Das Muster wiederholte sich an den anderen Abenden: Meinecke las ein bis zwei Dutzend Zitate, davor und danach lief ein Lied. Chronologisch ging es dabei um die Romane nach „Tomboy“, also um „Hellblau“, „Musik“, „Jungfrau“ und schließlich „Lookalikes“. Nahm man die Rede vom musikalischen Ansatz der Textproduktion ernst, ließ sich heraushören, welche Leitmotive einmal angespielt und später anderswo aufgegriffen wurden.

Durch die zitierten Interviews etwa zog sich ein Thema, das wesentlich für das Entstehen der Romane Meineckes ist. Denn anders als die Kritik sind für ihn die realen Schauplätze von Bedeutung. Er will sie besucht haben, bevor er darüber schreibt: So durfte „Hellblau“ nicht am Grab des Schriftstellers Hubert Fichte enden, weil Meinecke noch nicht dort gewesen war. Und, so Meinecke, „ausgedacht ist verboten“. Beim ersten Vortrag irritierte das Montageverfahren ebenso, wie es in seiner Konsequenz faszinierte. Spätestens beim dritten keimte der Verdacht, dass Plattenauflegen und Auseinanderhauen von Autorenauthentizität etwas wenig sind, um der Tradition der Frankfurter Poetikvorlesung gerecht zu werden. Wer deshalb nicht durchhielt, versäumte den späten Schlüsselmoment der fünf Dienstagabende. Denn als mit „Jungfrau“ ausgerechnet ein stark religiös bestimmter Roman über Verlangen und Verzicht anstand, baute Meinecke einen Gesprächsausschnitt ein, der sein Vorgehen erklärte. Darin äußerte sich Meinecke dazu, warum er die ihm angebotenen Poetikdozenturen in München und Frankfurt bislang abgelehnt habe.

Sich selbst zur Romanfigur machen

Er habe noch nicht den Tonfall gefunden, sagte er damals - und nun, sich selbst zitierend, abermals - und verwies zugleich auf Besuche bei den Frankfurter Vorlesungen von Rainald Goetz und Einar Schleef. Beider Auftritte hätten sich nicht so sehr von ihren künstlerischen Texten unterschieden, bei Schleef anhand der Tagebücher, bei Goetz mit später in „Abfall für alle“ aufgenommenem Material. Indem Meinecke sich nicht nur auf andere Texte bezog, sondern auch auf frühere Auftritte, sponn er die Frankfurter Dozentur in sein Zitatnetz ein.

„Ich als Text“ hat Meinecke die Frankfurter Vorlesungen genannt. Das ist - natürlich - ein Zitat, denn den Titel teilen sie sich zum einen mit einem Song seiner Band F.S.K., zum anderen mit einem von ihm später als problematisch im Ton bewerteten Versuch, seine Poetik zu formulieren. Darin stand: „Ich will weiterhin, auf absehbare Zeit, womöglich für immer, nicht über mich schreiben, sondern von mir weg. Um mich herum. Distanz markieren.“ Zur Romanfigur hat Meinecke sich schon gemacht, ohne die Distanz ganz aufzugeben. Auch als Poetikdozent behielt er sie noch bei - und sagte auf seine Art doch so viel zum eigenen Werk.

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