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Thomas-Mann-Archiv in Zürich : Das Archiv der dreitausend vergessenen Briefe

  • -Aktualisiert am

Thomas und Katia Mann mit Tochter Erika (MItte) bei ihrer Ankunft in New York. Bild: dapd

Unordnung und späte Funde: Im Thomas-Mann-Archiv in Zürich wurden dreizehn Kisten mit Briefen aus dem Familienbesitz schlichtweg verlegt. Das erzürnt die Erben und wirft gravierende Fragen auf.

          Frido Mann ist wütend. Der Enkel von Thomas Mann und Sprecher der Mann-Erben ist wütend auf das Thomas-Mann-Archiv und auf die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich, der das Archiv angegliedert ist. Im vergangenen Dezember hat man ihn in Zürich informiert, es gebe Ungereimtheiten im Thomas-Mann-Archiv (TMA). Im Juni dieses Jahres dann bekam er dort einen seltsamen Fund zu sehen: dreizehn Kisten an Korrespondenz aus dem Nachlass von Katia Mann, seit Jahren in den Beständen des Archivs, aber nicht erfasst, nicht erschlossen und den Benutzern nicht zugänglich. Familienkorrespondenz in der Hauptsache, dazu Briefe an Katia zum hundertsten Geburtstag Thomas Manns, zum Tod ihres Sohnes Michael, welche die Familie der hochbetagten, dementen Mutter nicht zeigte, damit sie von noch einem toten Kind nicht mehr erfahren musste. Aber auch Briefe bedeutender Autoren an „Frau Thomas Mann“ fanden sich in den Kisten, von Lion Feuchtwanger zum Beispiel, Hermann Hesse und Bruno Walter.

          Mancher Archivbesucher hätte diesen Bestand, der rund dreitausend Briefe umfassen soll, gern eingesehen. Inge Jens zum Beispiel, häufiger Gast im Zürcher Haus, die für ihre Katia-Mann-Biographie von diesem Bestand hätte profitieren können, etwa von den Briefen, die Katia Manns engste Freundin Molly Shenston ihr schrieb und von denen sich einige in diesem Bestand befinden; oder Dirk Heißerer, der vor kurzem seine gewaltige Edition der Briefe von Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia Mann herausgebracht hat und der jahrelang nach den verlorenen Gegenbriefen suchte. Zwei Briefe immerhin von Katia Mann an ihre Mutter fanden sich in den ominösen Zürcher Kisten.

          Um Rekonstruktion bemüht

          Das schlechte Gewissen im TMA war so groß, dass man Frido Mann die ihn persönlich betreffende Korrespondenz sogar aushändigte: etwa fünfzig Briefe seines Vaters Michael an Katia Mann - wer einmal mit Archivaren zu tun hatte, weiß, dass die meisten sich lieber von ihrem Lebenspartner als von einem Stück Archivgut trennen.

          Die Frage, wie das alles geschehen konnte, ist schwer zu beantworten. Die Verantwortlichen des TMA möchten am liebsten gar nicht über die peinliche Sache sprechen, zumal es juristisch offene Fragen und auch persönliche Verwerfungen zu geben scheint. Aus der Handvoll langjähriger Mitarbeiter des Archivs, in das man gern kam und wo man den Benutzern stets freundlich gegenübertrat, ist einer, der ehemalige Leiter, seit anderthalb Jahren fort, eine andere ist die neue Leiterin, der Arbeitsvertrag einer dritten wird gerade aufgelöst. Derzeit bemüht man sich im TMA, die Herkunft der aufgetauchten Briefbestände zu rekonstruieren - auch das führt auf dunkle Pfade. Ein Teil der Briefe sei wohl bereits 1981 ins Archiv gelangt, gebracht von Anita Naef, der Sekretärin erst von Erika, später von Golo Mann; der größere Teil sei 1994 geschenkt worden, ebenfalls aus der Hand von Anita Naef.

          Eine kostspielige Bedingung

          Nach Thomas Manns Tod 1955 hatte sich die Familie entschlossen, seinen gesamten schriftstellerischen Nachlass, Manuskripte, Briefe, die Tagebücher, dazu sein gesamtes Arbeitszimmer samt Bibliothek, der Eidgenössischen Hochschule Zürich zu schenken, jener Hochschule, die Thomas Mann den letzten Ehrendoktor seines Lebens verliehen hatte - ein Geschenk von Millionenwert. Verknüpft war die Schenkung aber an die kostspielige Bedingung, ein Thomas-Mann-Archiv zu errichten und es zum Zwecke vor allem der wissenschaftlichen Arbeit „auf alle Zeiten hinaus gesondert und mit aller Sorgfalt aufzustellen und aufzubewahren“, wie es im Schenkungsvertrag heißt.

          Der Schreibtisch des Nobelpreisträgers im Bodmerhaus
          Der Schreibtisch des Nobelpreisträgers im Bodmerhaus : Bild: Picture-Alliance/KEYSTONE

          Hierfür wurde das Bodmerhaus in Zürich, in dem einst Goethe verkehrte, angemietet, in dem bis heute das TMA untergebracht ist und wo man nicht nur zu Leben und Werk des „Zauberers“ forschen, sondern auch die Aura seines Arbeitszimmers, seiner Bücher, Bilder und Möbel auf sich wirken lassen kann.

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