14.02.2009 · Heute erscheint der letzte Band von Stephenie Meyers Vampirromanze mit dem „Biss“ im Titel auf Deutsch. 42 Millionen Bücher hat die bekennende Mormonin mit ihrer schlichten Prosa schon verkauft. Was ist das Erfolgsgeheimnis der Reihe, die in vielem den Vergleich zu „Harry Potter“ nahelegt?
Von Tilman SpreckelsenWahre Liebe wartet, sicher, aber ob sich das Warten auch lohnt, weiß man nie vorher. Satte 1796 Seiten lang haben sich die Teenager Edward und Bella angeschmachtet, vorsichtig befingert, verlassen und dann mit größerer Glut wiedergefunden, jetzt, nach der keuschen Hochzeit, verbringen sie ihre Flitterwochen auf einer einsamen Insel mit Traumstrand, und was dann endlich im seichten Wasser passiert, liest sich aus Bellas Perspektive so: „Ich machte noch einen Schritt durch die Wellen auf ihn zu und legte den Kopf an seine Brust. ,Hab keine Angst', murmelte ich, ,wir gehören zusammen.' Auf einmal war ich überwältigt von der Wahrheit meiner eigenen Worte. Er schlang die Arme um mich, hielt mich fest. Es fühlte sich an, als stünden all meine Nervenenden unter Strom. ,Für immer', sagte er, dann zog er uns sanft in tieferes Wasser.“ Schnitt.
Das stammt nicht von Rosamunde Pilcher, sondern von der fünfunddreißigjährigen amerikanischen Hausfrau Stephenie Meyer. 42 Millionen Bücher hat die bekennende Mormonin mit dieser schlichten Prosa verkauft, 42 Millionen, die stereotypengesättigt von der Liebe eines Vampirs zu einer Schülerin erzählen.
Der gebeutelte Buchhandel kann es brauchen
Sie fleht ihn an, sie endlich zu beißen und damit zu seiner ewigen Gefährtin zu machen, während er ihr sein eigenes Los als Untoter nicht zumuten will. Am morgigen Valentinstag, erscheint der heftig erwartete vierte und letzte Band der Serie auf Deutsch, er belegt schon jetzt zusammen mit den drei anderen Büchern auf der Bestseller-Liste von Amazon die ersten vier Plätze, und weil die Verfilmung des ersten Bandes „Biss zum Morgengrauen“ gerade so ziemlich alle Zuschauerrekorde ins Wanken gebracht hat, lässt sich absehen, dass der Rummel um Meyers epische Vampirgeschichte noch eine Weile anhalten wird.
Der gebeutelte Buchhandel kann es brauchen. So ermittelte der Börsenverein, dass sich der Umsatz von Kinder- und Jugendbüchern im Januar gegenüber dem Vorjahresmonat um satte siebzehn Prozent erhöhte - „vor allem durch den Erfolg der Autorin Stephenie Meyer“. Solche Zahlen war man seit Harry Potter (der wie die „Biss“-Serie bei Carlsen erscheint) nicht mehr gewohnt, auch wenn sich dazwischen einige Erfolgsjugendbücher wie Cornelia Funkes „Tintenwelt“ oder Christopher Paolinis „Eragon“ ausgezeichnet schlugen.
Begrenzter Reiz für erwachsene Leser
Natürlich liegt der Vergleich zu „Harry Potter“ nahe - zwei junge Autorinnen verkaufen von ihren Debüts ungeheure Mengen, beide Serien erzählen vom Übernatürlichen im Alltag von Jugendlichen, beide bewegen sich in einem selbstgesteckten Rahmen eines Regelwerks, beide werden im Internet diskutiert und fortgeschrieben. Und gleichzeitig offenbart der Vergleich, in welchem Maße Meyers Erfolg den von Rowling geprägten Jugendbuchmarkt neuerlich verändert hat. Denn Rowlings Zauberlehrling öffnete seinerzeit die Tür ganz weit für Erwachsene. Dass Literaturkritiker in der U-Bahn Jugendbücher lesen, ist Rowling geschuldet, und dass sich das Interesse der Eltern an den Büchern ihrer Kinder plötzlich nicht mehr aufs Vorlesen oder auf die pädagogische Kontrolle beschränkte, ist ebenfalls eine neue Erscheinung, die unter anderem zum Erfolg von Cornelia Funke beigetragen hat.
Das ist bei Meyers Büchern anders. Kein Michael Maar würde erklären, warum Nabokov Edward und Bella gemocht hätte, sie bieten keinen großen Spielraum für literarische Fährtensucher - vor allem aber ist ihre Deutung des Vampirdaseins als eine bedrohliche Verlockung für junge Mädchen spätestens nach eintausend Seiten von begrenztem Reiz für alle, die ihre Teenagerzeit schon eine Weile hinter sich gelassen haben (und gewinnt umgekehrt an Reiz für diejenigen, die mittendrin stecken). So wird, was einmal innovativ war - die Umdeutung des traditionell erotisch aufgelandenen Vampirthemas zur Chiffre für sexuelle Abstinenz aus Vernunftgründen -, irgendwann langweilig, und höchstens die spannende Frage, wie Meyer das Dilemma lösen wollte, dass zwei Menschen einander lieben, dies aber nicht unbeschadet körperlich ausleben können, machte auf den Abschluss der Saga neugierig.
„Der kleine Vampir“ wirkt reifer
Die Lösung, die Meyer dafür anbietet, ist aber so kümmerlich und konstruiert, dass sich unter enttäuschten Lesern des Originals schon massiver Protest regt und gar eine Online-Petition kursiert, in der die Autorin aufgefordert wird, das Buch umzuschreiben. Bella, so entwirft es die Mutter von drei Söhnen, die ihren Mann als Teenager in der Gemeinde kennengelernt hat, Bella also darf mit Edward ins Bett (beziehungsweise in den Sand), aber erst nach der Hochzeit; sie wird schwanger (was angesichts ihres toten Mannes erstaunt), das Baby wächst in Rekordtempo heran, so dass es sie gefährdet, aber einer Abtreibung widersetzt sie sich natürlich - und erst dann, als sie während der Geburt im Sterben liegt, findet sich Edward bereit, sie zu beißen und in eine Vampirin zu verwandeln. Übrigens löst er so auch gleich das Problem mit seinem ewigen Nebenbuhler, dem Werwolf Jacob, der sich nun an Bellas Tochter halten kann.
Nichts davon wird sie mit konservativen Moralwächtern in Konflikt bringen, und umgekehrt macht selbst Bellas Hippie-Mutter ihren Frieden mit ihrem klugen Kind, als das ans Heiraten geht: „Du hattest nie ein Problem damit, dich auf etwas einzulassen, Schatz. Du hast bessere Chancen, dass die Geschichte gut ausgeht, als die meisten Vierzigjährigen.“
Dass es nicht so kommen muss, zeigt eine andere Vampirsaga, die sich weltweit immerhin mehr als vier Millionen Mal verkaufte und gleichzeitig mit „Biss“ an ihr Ende gekommen ist. Im letzten Band von „Der kleine Vampir“, geschrieben von der sechzigjährigen Angela Sommer-Bodenburg, wird der Junge Anton vor dieselbe Wahl gestellt wie Bella. Er entscheidet sich gegen den Biss, der ihn verwandeln soll, und damit auch gegen das reizende Vampirmädchen Anna, „seine erste Liebe“. Warum? „Ich möchte gern erwachsen werden“, sagt er, und, man könnte ergänzen: alt werden. Sterben. Und obwohl sich „Der kleine Vampir“ an Sechsjährige richtet, „Biss“ dagegen an Teenager, wirkt dieses Buch eindeutig reifer.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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