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Spektakuläre Enthüllung „Und er war doch ein Spion!“

 ·  Die erste internationale Kempowski-Tagung in Rostock begann mit einer Bombe: Der Schriftsteller Walter Kempowski hat, wie neue Forschungen belegen, viel enger mit dem Geheimdienst kooperiert als bislang bekannt.

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Aus Anlass von Kempowskis achtzigstem Geburtstag richtet Rostock die erste internationale Kempowski-Tagung aus. Edo Reents berichtet von der Ostsee - über Vorträge und Spuren des Schriftstellers in seinem Geburtsort, alles unter der Leitfrage: Was hätte Kempowski dazu gesagt?

* * *

Wo anfangen? Ich sitze mit dem amerikanischen Germanisten Alan Keele am Rostocker Marktplatz im „Alex“, und wir sprechen nochmal alles durch, was er in seinem Kempowski-Vortrag gesagt hat. Es ist, in gewisser Weise, eine Bombe und jedenfalls sehr erstaunlich. Ich klappe meinen Laptop auf und schreibe mit, was Professor Keele, der Kempowski seit Anfang der achtziger Jahre kannte und Geheimdienst-Akten einsehen konnte, sagt. Er sagt: „Ja, Walter Kempowski war ein Spion! Deswegen wurde er ja auch von den Sowjets verhaftet und saß dann acht Jahre in Bautzen ein, allerdings war auch Verrat im Spiel.“

Es war schon vorher bekannt, und Kempowski hat auch das auch nie bestritten, dass Kempowski „gegen die Kommunisten gearbeitet“ hat. Aber es war doch ganz anders, als er es in seinen Romanen „Uns geht´s ja noch gold“ und „Ein Kapitel für sich“ beschrieben hat. Er hat sich 1947/48 viel öfter mit dem CIC, der Vorgängerorganisation des CIA, getroffen und ihm freiwillig seine Dienste angeboten. Und warum? „Die Gründe waren ganz handfest. Er versprach sich davon Vorteile: materielle, die Amerikaner boten ihm dafür ein angenehmes Leben in Wiesbaden, und er hoffte auch, dass seine Familie leichter würde aus Rostock in den Westen ausreisen können.“ Kempowski bat Keele nur darum, damit erst nach seinem Tod an die Öffentlichkeit zu gehen.

Insgesamt drei Stunden reden wir über den Fall, ich bestelle mir einen Cheeseburger und, um meine Nerven zu beruhigen, viel Bier; Professor Keele, der ein wenig aussieht wie Horst Seehofer, hat schon gegessen und trinkt nur Wasser - er ist Mormone und kommt aus Utah, wo er an einem College Germanistik lehrt. Am Ende schwirrt mir der Kopf und dem Germanistikprofessor auch: Das „angeblich“, von dem bisher immer die Rede war, wenn es um Walter Kempowskis Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst ging („wurde im März 1948 wegen angeblicher Spionage verhaftet“) - dieses „angeblich“ können wir jetzt streichen. Auch Hildegard Kempowski, mit der ich nach Keeles Vortrag darüber spreche, wusste von der Sache nichts. Wir bringen das Interview mit Alan Keele, dem Kempowski sein „Echolot“ widmete und den er als Professor Flower in seinem späten Roman „Letzte Grüße“ veröffentlichte, in der Samstagsausgabe der F.A.Z..

Ein Ufer für Kempowski

Wo sonst anfangen? Warum bin ich nicht einen Tag früher angereist?! Dann hätte ich miterleben können, wie das „Kempowski-Ufer“ eingeweiht wurde, ein Teil des „Warnow-Ufers“ im Stadthafen, am Mittwochvormittag, im Beisein der Witwe und des Sohnes Karl-Friedrich. Die beiden Rostocker Zeitungen bringen den Vorgang, der ja keine leichte Geburt war, am Donnerstag groß mit Foto auf der Titelseite, und Hildegard Kempowski erzählt es mir zu Beginn der Tagung und wirkt ganz glücklich dabei. Sie hat ihren Hund mitgebracht, der ohne einen Mucks zwischen den Bänken sitzt. Dass die Tagung so gut besucht ist - nicht nur von Referenten, sondern auch von Zuhörern -, sollte man nicht als selbstverständlich betrachten. Helmut Arntzen, der einst in Münster lehrte, berichtet von einer Bonner Tagung vor zehn Jahren, „dort waren vielleicht sieben ältere Zuhörer“.

In der Pause komme ich mit einem Göttinger Doktoranden ins Gespräch, der schreibt jetzt gewissermaßen die erste Kempowski-Dissertation auf deutschem Boden. Das hätte Kempowski gefreut, dem es doch solchen Kummer bereitete, dass zu seinen Lebzeiten nur zwei Dissertationen über ihn erschienen sind, eine davon in Australien, wozu im Roman „Hundstage“ vermerkt ist, dass Kempowskis Alter ego Alexander Sowtschick zufrieden zur Kenntnis nimmt, was der australische Doktorand da schrieb: „Eingeleuchtet hatte ihm das, wenn es auch irgendwie nicht stimmte.“

Eine neunstellige Ablösesumme

Ja, irgendwie: Irgendwie stimmt es ja nie so ganz, was wir über Kempowski denken und sagen. Ein anderer amerikanischer Germanist gestikuliert in der Pause mit den Armen und sagt, Kempowskis Werk könne ja nur wachsen und werde das garantiert auch. In einer Fragerunde wirft der Göttinger Doktorand, als es um den angeblichen Bestsellerautor Kempowski ging, etwas Merkwürdiges in die Runde: Bertelsmann habe, in Gestalt des Knaus-Verlags, eine „neunstellige Summe“ gezahlt, quasi als Ablösesumme - das ist zwar noch kein Milliardenloch, aber immerhin: eine dreistellige Millionensumme. Und das für einen Autor, der, nicht nur nach eigener Auskunft, vom Literaturbetrieb doch ziemlich geschnitten wurde. Aber stimmt das denn auch? Da mal nachhaken.

Auch darum ging es: um den Außenseiter, wobei der Ton, in dem dieses Thema abgehandelt wurde, der Wehleidigkeit, der bitteren Gekränktheit entbehrte. Man hatte den Eindruck, dass Kempowski hier, in Rostock, zwar eine Heimholung erfährt; dass die Art und Weise, wie über ihn gesprochen wurde, aber etwas erfrischend Unverkrampftes hat. Und was das (wissenschaftliche) Niveau angeht: Merkwürdig, wie die Kempowski-Forschung, die doch noch gar nicht ganz trocken hinter den Ohren ist, hier so selbstbewusst-unbetulich, mit einem spürbaren Willen zur Objektivität und wirklichen Erkenntnisstiftung und nicht bloß zur Meisterfeier auftritt. „Das Sachliche ist das Sittliche“, hatte Kempowski mir mal in die Feder diktiert - es stimmt, und man kann gar nicht genug darüber nachdenken. Apropos Thomas Mann: Kempowski soll mal gesagt haben, im Gegensatz zu den Lübeckern hätten die Rostocker einen netten Schriftsteller.

Und der Achtzigste? Auch diesbezüglich ging es angenehm unfeierlich zu. Klaus Jäger, Germanist aus Alexandria, Amerika, legte ein bewegendes „Bekenntnis zu Walter Kempowski“ ab und zitierte aus dem Dorfroman „Letzte Grüße“, wo der dreißigjährige, verkrachte Held, der Grundschullehrer Matthias Jänicke sich seinen eigenen Lebensabend ausmalt - im Schaukelstuhl mit Pfeife, das Leben rundet sich: „Es hatte alles seinen Sinn gehabt.“ Das kann man wohl sagen. Der Oldenburger Germanist Manfred Dierks berichtete, wie ihm Kempowski auf die Frage, wo er sich selber ansiedele, geantwortet habe: auf der Ebene von Musil - und das, ohne noch eine Zeile veröffentlicht zu haben. An Selbstbewusstsein hat es ihm, wie Marius Müller-Westernhagen einst in „Mit 18“ sang, allerdings in anderem Zusammenhang, „nie gemangelt“.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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