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Skandal mit Ansage : Niemand hat Siegfried Unseld verteidigt

Will nicht seinen eigenen Klappentext schreiben: der österreichische Autor Norbert Gstrein Bild: Julia Zimmermann

Eine Abrechnung? Eine Fortsetzung des Suhrkamp-Dramas mit literarischen Mitteln? Norbert Gstreins neuer Roman „Die ganze Wahrheit“ erinnert stark an die Konstellation im Hause Unseld. Der Autor sagt, er antworte auf ein Buch der Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz.

          Wir waren alle da. Alle, das sind, wie so oft im Literaturbetrieb, nur ein paar Leute, Literaturkritiker, Autoren und ein paar Besucher, als der Schriftsteller Norbert Gstrein diese Woche im Literarischen Colloquium Berlin seinen neuen Roman präsentierte. „Die ganze Wahrheit“ heißt dieser Roman, er erscheint Mitte August im Hanser Verlag, ist also noch gar nicht für alle da. Herumgesprochen hatte sich aber schon, dass eine der Hauptfiguren die zu Okkultismus neigende Witwe eines bekannten Verlegers sein soll. Als bei Diskussion endlich der Name Ulla Berkéwicz fiel, machte Gstrein gar keinen Hehl daraus, dass die Konstellation im Roman „in vielerlei Hinsicht und gewollt an eine Konstellation im Suhrkamp Verlag erinnert“. Da könne er sich nicht verstecken. Gstrein hat Suhrkamp vor einiger Zeit verlassen. Eine Abrechnung also? Eine Fortsetzung des Suhrkamp-Dramas mit literarischen Mitteln? Wir haben den Autor nach der Lesung gefragt.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie nahe standen Sie in Ihrer Zeit bei Suhrkamp der Verlegerin Ulla Berkéwicz, dass Sie in Ihrem neuen Buch ein fiktionales Porträt von ihr anfertigen, ihr also einen ganzen Roman widmen?

          Norbert Gstrein: Ulla Berkéwicz war die Frau meines Verlegers, dem ich in seinen letzten Jahren nahe stand, und daraus ergibt sich eine natürliche Nähe. Zudem war ich nach Siegfried Unselds Tod Mitglied in einer der Stiftungen, die den Suhrkamp Verlag neu organisiert haben – auch von daher also Nähe. Aber ein fiktionales Porträt? Ich weiß nicht, wie weit Sie den Begriff fassen wollen. Ich bin kein Anhänger der Schule, nach der ein Romanschriftsteller Abbildungen der Realität herstellt. Ein Bild wäre immer nur ein Bild, so sehr Sie es auch auf den Kopf stellen mögen, vergrößern oder verkleinern oder was weiß ich. Also versuche ich mich erst gar nicht daran und vertraue lieber auf eine Neuschöpfung in einem vorgegebenen Rahmen.

          Die Witwe des Verlegers Siegfried Unseld und Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz vor einem Porträt ihres verstorbenen Ehemannes
          Die Witwe des Verlegers Siegfried Unseld und Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz vor einem Porträt ihres verstorbenen Ehemannes : Bild: ddp

          Nun kommt die Verlegerin im Roman gar nicht gut weg. Haben Sie sich juristisch abgesichert? Befürchten Sie keine Klagen?

          Abgesichert habe ich mich vor allem dadurch, dass ich meinen Roman tatsächlich auch für einen Roman halte, und, nein, ich befürchte keine Klagen. Denn ich muss als Autor auf die Kraft der Fiktion vertrauen und komme gleichzeitig nicht umhin, mich der Realität als Material zu bedienen. Die Realität ist unter anderem Ulla Berkéwiczs Buch „Überlebnis“. Das ist vom Feuilleton weitgehend als ein Buch über das Sterben ihres Mannes Siegfried Unseld aufgenommen worden; sie selbst aber hat es in wenigstens einem Interview – ich glaube sogar mit Ihrer Zeitung – und ohne Zweifel mit guten Gründen als Fiktion deklariert. Wir haben jetzt geradezu eine Parallelsituation: Ein Autor – ich –, der eine Fiktion von einer schreibenden Verlegerin entwirft, wie Ulla Berkéwicz – eine Autorin – zuvor eine Fiktion von einem sterbenden Verleger entworfen hat, und wieder ist es das Feuilleton, das die Verbindung zu realen Personen unterstreicht. Nur dass sich bei Berkéwiczs Buch meines Wissens niemand oder jedenfalls fast niemand zur Verteidigung von Siegfried Unseld aufgerufen gefühlt hat. Vielleicht können Sie darin eines der starken Motive für mein Schreiben finden: Eine Fiktion als Antwort auf eine Fiktion.

          Der Literaturbetrieb ist eine kleine Welt. Ist das Buch überhaupt für Leser interessant, die diesen Betrieb gar nicht kennen?

          Sie wollen mich jetzt doch nicht auffordern, mein eigener Klappentexter zu werden, aber wenn ja ... Natürlich. Es ist ein Roman über Obsessionen, ein Roman über eine dunkle esoterische Welt, ein Roman über Liebe (ein bisschen), Sex (rudimentär) und Sterben (viel), ein Buch, bei dem Sie lachen und weinen können und das alle angeht – so sagt man doch.

          Quelle: F.A.S.

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