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Siri Hustvedts neues Buch : Krämpfe und Kämpfe

Siri Hustvedt mit ruhiger Hand bei einer Buchvorstellung Bild: ASSOCIATED PRESS

Die 1955 geborene Schriftstellerin Siri Hustvedt lebt in New York und ist die kaum weniger berühmte Ehefrau des amerikanischen Literaturstars Paul Auster. Ihr neues Buch „Die zitternde Frau“ ist eine schonungslose Selbstdiagnose.

          Im Jahr 2003 starb Siri Hustvedts Vater Lloyd. Er war Universitätsprofessor in Minnesota gewesen, wo auch Siri aufwuchs, bevor sie zum Literaturstudium nach New York aufbrach; er hatte seinen norwegischen Akzent im Englischen bis zuletzt nicht abgelegt und lange Jahre in der Norwegischen Abteilung des St. Olaf College unterrichtet. Lloyd Hustvedt starb an einem Lungenemphysem in einem Pflegeheim in Northfield. Und als seine Kollegen, knapp zwei Jahre später, auf dem Campusgelände eine Nordische Fichte pflanzten, unter der sie eine Tafel mit seinem Namen anbrachten, lud der Fachbereich zur Gedenkfeier an den ehemaligen Professor die Tochter ein, eine Rede über ihren Vater zu halten.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während dieser Rede passierte mit Siri Hustvedt etwas völlig Unerwartetes: Mit Karteikarten versehen, blickte sie über die etwa fünfzig Freunde und Kollegen, die sich rund um die Fichte versammelt hatten, öffnete ihren Mund - und begann vom Hals abwärts zu zittern. Ihre Arme zuckten, die Knie knickten ein. Sie zitterte so stark, als hätte sie einen Krampfanfall. Allerdings war ihre Stimme von den Krämpfen nicht betroffen. So versuchte sie, das Gleichgewicht zu halten, und sprach einfach weiter. Als die Rede zu Ende war, hörte das Zittern auf.

          Seitdem ist Siri Hustvedt, wie sie selbst es nennt, „die zitternde Frau“. Wann immer sie eine Bühne betritt, muss sie damit rechnen, von Krämpfen geschüttelt zu werden. Das Zittern kommt nicht immer, manchmal bleibt es auch aus. Wenn es aber da ist, oft vor Hunderten von Leuten, ist es mehr als nur gesteigertes Lampenfieber. Es ist ein vom Kopf losgelöstes Körperspektakel, so stark, dass Hustvedts Mutter beim Zusehen den Eindruck hatte, einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl beizuwohnen. Was war das? Wo kam es her?

          Kopf und Körper

          Die New Yorker Schriftstellerin ist dieser Frage nachgegangen und hat unter dem Titel „Die zitternde Frau - Eine Geschichte meiner Nerven“ ein Erkundungsbuch geschrieben, in dem sie ihre Pathologie aufspürt und zum Abenteuer der Selbstwahrnehmung macht. Noch vor dem amerikanischen Original ist es jetzt in der deutschen Übersetzung erschienen und eine wirkliche Überraschung. Denn selbst wem in Siri Hustvedts Romanen die Theorielektüre der Autorin immer etwas zu aufgesetzt daherkam, wenn, wie in „Was ich liebte“, eine der Romanfiguren abends im Bett die Schriften des Psychoanalytikers Jacques Lacan las, um gewichtig und schlicht festzustellen, in Wahrheit hätten „wir doch alle einen Mann und eine Frau in uns“; wem es zu aufdringlich war, wie in diesen Romanen die ganze Philosophiegeschichte herhalten musste für bonmothafte Akademikerdialoge: „Descartes hatte unrecht. Es muss nicht heißen: Ich denke, also bin ich. Es muss heißen, ich bin, weil du bist. Das ist Hegel, na ja, die Kurzfassung“ - der wirft hier schnell die Skepsis über Bord.

          Siri Hustvedt erprobt in „Die zitternde Frau“ ihr theoretisches, psychoanalytisches und medizinhistorisches Wissen nicht an fiktiven Charakteren, sondern an sich selbst. Die Hemmungslosigkeit, mit der sie dabei alles auf sich bezieht und nach immer mehr Verbindungen sucht, ist nicht nur einnehmend, sie ist auch konsequent: Das plötzlich auftretende Zittern wird zum Anlass, eine Frage zu stellen, die jeden, der viel Theorie liest oder gelesen hat, irgendwann umtreibt: Was nützt mir die ganze Theorie? Was bedeutet sie für mein Leben? So unternimmt die Autorin den Versuch, über Lektüre eine Selbstdiagnose zu stellen. Erst im zweiten Schritt geht sie zu Ärzten, um zu hören, was diese sagen.

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