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Silser Hesse-Tage : Die totale Therapie

Am Silser See im oberen Engadin verbrachte Hermann Hesse viele Sommer. An Ferien war allerdings aufgrund der Brieflast kaum zu denken, wie er 1951 aus Sils schrieb Bild: Jan Wiele

Mit Hermann Hesse genesen: Eine Tagung in Sils zeigt den Autor als fleißigen Meister der brieflichen Seelsorge, der in seinem Leben vierzigtausend Briefe schrieb.

          Wälder, in denen die eingefangene Wärme des Tages wie Honig hängt; Wolken, die über ihnen schwimmen und tanzen; Wasser schließlich, das in tiefen Seen die blaue Ferne spiegelt - das sind die süßen, die sehnsüchtig machenden Sprachbilder Hermann Hesses, die sein Werk durchziehen, wo man es auch aufschlägt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Sehnsüchtig machen sie wohl universell (nicht auszuschließen, dass demnächst „Siddharta“ auch auf dem Mars gelesen und „Das Glasperlenspiel“ ins Klingonische übersetzt oder von David Lynch verfilmt wird) - aber am besten nachempfinden kann man diese naturreligiösen Eindrücke wohl dort, wo sie zumeist entstanden sind: in der Schweiz. Lag Hesses Lebensmittelpunkt zwar lange im tessinischen Montagnola, empfand er doch als „wohl die schönste, am stärksten auf mich wirkende“ Landschaft, die ihm „schicksalshaft zugedacht“ sei, das obere Engadin.

          Womit man sich auch an ihn wandte - Hermann Hesse beantwortete verantwortungsbewusst fast alle Leserpost.
          Womit man sich auch an ihn wandte - Hermann Hesse beantwortete verantwortungsbewusst fast alle Leserpost. : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Im Hotel „Waldhaus“ in Sils, wo er sich sommers wie winters gern erholte, hält man, um dem Autor besonders nahe zu kommen, seit dreizehn Sommern die „Silser Hesse-Tage“ ab, eine Konferenz mit akademischem Anspruch, die aber auch sehr anschaulich an Leben und Werk heranführen will. Sie ist eingebettet in den Luxus eines Fünfsternehauses, in dem so ziemlich alle Probleme der Welt sich durch einen Anruf beim Concierge lösen lassen - was einen schon etwas schuldbewusst machen kann, wenn man bedenkt, dass Hesses Landstreicherfiguren oft nur einen Kanten Brot im Rucksack hatten. Aber eingebettet ist sie eben auch in die unvergleichliche Natur, die nicht nur seine Wanderergeschichten, sondern sein ganzes Denken und Schreiben so massiv geprägt hat. Den weichen nadelgepolsterten Boden unter den Füßen spüren, in der Mittagssonne auf einer Bank eindösen, ja sogar sich bei der Rast ein kleines Feuer machen, nur um seinem Rauchfähnchen zusehen zu können, wie Hesse es mehrfach beschreibt: All das ist tatsächlich möglich auf den Pfaden um den Silser See, auch heute noch.

          Alphörner aus Mondholz

          Im Hotel bei Tischgesprächen über Yin und Yang, Arvenschnaps oder Alphörner aus Mondholz, also solchem Holz, das bei Vollmond geschlagen wurde und daher einen magischen Ton erzeugt, wird der Geist in höhere Sphären entrückt, zumal wenn alle Stunde vor dem Fenster eine Pferdekutsche mit Glöckchen vorbeiklingelt, die wohl ins süße Jenseits unterwegs sein mag. An einem solchen, 1800 Meter hoch gelegenen Rückzugsort kommen zwangsläufig auch Zauberbergsgedanken, ziemlich belustigende etwa, als es einmal heißt, dass Hermann Hesse in diesem Hotel 370 Nächte verbracht habe und eine Frau darauf fragt: „Am Stück?“ Die Vorstellung von Ferien für immer liegt hier in der Tat nicht fern, es sind diese Hesse-Tage also eine ganzheitliche Erfahrung, totale Therapie.

          Die Veranstaltung als Luxustourismus mit literarischem Alibi abzutun würde ihr aber bei weitem nicht gerecht. Der therapeutische Aspekt erhielt bei der diesjährigen Tagung denn auch eine spezielle Bewandtnis, die selbst solche, die über Hesse schon alles zu wissen meinen, überraschen könnte. Dass Hesse sein Werk immer auch zur Selbsttherapie gedient hat, wie Volker Michels, Mitveranstalter und langjähriger Herausgeber von Hesses Gesamtwerk im Suhrkamp Verlag, sagte, war dazu der erste Denkschritt. Dieser fand auch Anklang im Eröffnungsvortrag des Schriftstellers Michael Kleeberg über das „Glasperlenspiel“, in dessen Figuren sich der Autor mannigfaltig selbst gespiegelt und analysiert habe.

          Vertrauensperson für Tausende

          Wie sehr sich Hesse aber auch als Therapeut seiner Leser verstand, und zwar in einer tiefempfundenen Verantwortlichkeit für jeden Einzelnen von ihnen, das wurde an den drei folgenden Tagen in Fachvorträgen und szenischen Lesungen zum Thema „Hermann Hesse in seinen Briefen“ vielfach deutlich. Sie zeigten den Autor in einer Rolle, die gerade im fortgeschrittenen Leben seine künstlerische Tätigkeit wohl bei weitem dominierte: nämlich als Ratgeber und „Vertrauensperson für Tausende“, wie es im Vortrag von Volker Michels hieß. Dieser beeindruckte zunächst allein durch Zahlen, denn Michels ließ wissen, dass Hesse in seinem Leben schätzungsweise vierzigtausend Briefe geschrieben hat, von denen nur ein Bruchteil publiziert ist. Die Briefausgabe, deren ersten Band Michels im vergangenen Jahr herausgegeben hat, ist auf zehn Bände angelegt, und auch sie wird natürlich nur eine Auswahl versammeln. In Sils nun aber kamen auch einmal solche Briefstellen zu Gehör, wie sie für Hesse eben den Löwenanteil der Korrespondenz ausmachten: Antworten auf Bittschreiben aus materieller Not, auf Bitten um Begutachtung oder Förderung literarischer Arbeiten, auf Bitten um Interpretationshilfe (bereits bekannt war ja etwa auch die Bitte eines Lesers an Hesse, ihm Kafka zu erklären) und schließlich auf Wünsche nach Lebenshilfe jeglicher Art, auch bei sexuellen Themen.

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