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Siegfried Lenz Etwas über das Alter

30.01.2010 ·  „Literatur überredet uns, dem Alter auf angemessene Weise zu begegnen, mit Sympathie und mit Nachsicht“: Der Autor Siegfried Lenz über das Alter und das Altern bei Svevo, Shakespeare und Shaw, Beckett und Hemingway.

Von Siegfried Lenz
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Das ist gewiss: Eine angestammte Funktion von Literatur besteht darin, Erkenntnisse zu vermitteln. Indem sie auf etwas zeigt, es bloßstellt und bewusst macht, hofft sie zugleich auf Veränderung: Sartre nannte es „Handeln durch Enthüllen“, und Georg Lukács sprach vom „Schock des Bewusstwerdens“.

Literatur zielt auf Veränderung, sie umfasst unser Verhältnis zur Welt, die Urteile, die wir über sie fällen, die Erlebnisbereitschaft, die wir für sie aufbringen, uns ihr zu nähern. Immer ist es der Einzelne, an den Literatur sich wendet, den Leser, der sie zum zweiten Mal hervorbringt und dabei die Wahl hat, die Angebote oder Vorschläge des Schriftstellers anzunehmen oder zurückzuweisen. Diese Angebote, die zur Wahl stehen, sind Erfindungen, Ergebnisse der Einbildungskraft des Autors. Indem Literatur die Wirklichkeit mit Hilfe der Erfindung aufdeckt, wirkt sie auf bestimmte Weise gesetzgeberisch. Das erfundene Modell weist über sich hinaus und macht es allgemein verbindlich.

Festgesetzte Erfahrungen werden übertragbar. Fürst Myschkin in Dostojewskis „Der Idiot“ und Julien Sorel, Sohn eines Mühlenbesitzers in der Provinz bei Stendhal, Antigone und Madame Bovary; auch wenn alle in ihrer Einmaligkeit die gesamte Erfahrung der Welt und des menschlichen Herzens preisgeben, wahr werden sie erst in dem Augenblick, in dem sich ihr Schicksal mit meiner Trauer oder Sehnsucht, mit meiner eigenen Erfahrung und meinen Einsichten deckt.

Auf treuen Stümpfen stehend

Wie so vieles hat Literatur uns die Komplexität des Alters verstehen gelehrt. Erstaunt nehmen wir die unterschiedlichen Aspekte zur Kenntnis. Italo Svevo zum Beispiel nennt seinen zweiten Roman „Senilità“, und derart eingestimmt erwartet man eine greisenhafte Hauptfigur. Indes, die Hauptfigur, der Schriftsteller Emilio Brentani, ist ganze 35 Jahre alt. Dennoch, er beweist, dass er durchaus die Symptome der Erscheinungsformen des Alters zeigen kann. Er hat nie ein stärkeres Gefühl erlebt, er empfindet sein Leben als eine Öde, der Grübler hat sich mit seinen Schwächen abgefunden. Der Begriff des Alten umfasst mehr als nur körperlichen Verfall; seine Antwort an die Welt ist Gleichgültigkeit. Er kennt weder Leidenschaft noch Risikobereitschaft. Im Unterschied dazu wird uns das schablonenhafte Bild des ehrgeizigen Greises vermittelt, der mit dem Elan der Jugend noch einmal versucht, der Welt seinen Stempel aufzudrücken.

Auch George Bernard Shaws Warnung ist unvergessen: „Nehmt euch vor alten Männern in Acht, sie haben nichts zu verlieren.“ Zu allen Zeiten hat sich Literatur des alten Menschen angenommen, hat ihn dargestellt mit seinen Heimsuchungen und Illusionen, in seinem Elend und dem nie versiegenden Bedürfnis nach Anerkennung. Shakespeare lässt König Lear sagen: „Hier steh ich, ein alter Mann, arm, elend, siech, verachtet.“ Lear hat die Tribute ans Alter entrichtet, es ist zu spät für ihn, die erträumte neue Ordnung zu schaffen. Alter ist keine Zumutung, es ist vielmehr eine alltägliche Auferlegung, es ist ein Refrain der Zeit.

Kein Schriftsteller hat uns so eindringliche Protokolle des Verfalls im Alter hinterlassen wie Samuel Beckett. Diese epischen und dramatischen Protokolle ergreifen uns durch ihre Gelassenheit und erstaunen uns durch ihre Protestlosigkeit. Der Mensch wird nicht als heroisches Opfer des Alters dargestellt, sondern als Erscheinung, die, wenn sich die unaufhaltsamen Schwächen und Verluste einstellen, einfach vergeht: „Ich verstehe mich, alt wie die Welt, überall amputiert, auf meinen treuen Stümpfen stehend.“ Und Becketts Molloy sagt: „Ich vergaß nicht nur, wer ich war, sondern, dass ich war . . . Ich ließ mich von sanften Stengeln und Wurzeln durchdringen, ich füllte mich an mit der Ruhe der Nacht und der Erwartung des Sonnenaufgangs.“ Gleichgültigkeit als mögliche Hoffnung in der Endzeit.

Die Tribute, die wir kennen

Doch Literatur macht uns auch mit einer anderen Haltung bekannt; es ist die Demut nach bitteren Niederlagen. Hemingways alter Fischer Santiago, der von seinem Alter sagt, es sei seine Weckuhr, empfindet Demut nicht als entehrend. Sie ist ein Ergebnis langer Erfolglosigkeit. Triumphe widersprächen der Wahrheit unserer Welterfahrung. Scheitern kann den Glanz des Heroischen haben, manchmal auch die Würde des Tragischen. Im Alter geschlagen zu sein, ist mit Maßen ertragbar.

Die Bekenntnisse alter Menschen, die die Literatur uns nahegebracht hat, lassen keinen Zweifel daran, dass begriffene Endzeit den Charakter verändert. Mit verfinsterter Seele, mit der „Eselslast der Zeit auf dem Rücken“ - wie Ionesco schrieb - verändern sich überkommene Eigenschaften. Härte tritt an die Stelle von Sanftmut, Verbitterung löst Selbstzufriedenheit ab, Fühllosigkeit und Gezagtheit besetzen gegenteilige Eigenschaften. Der gefasste, souveräne Alte findet sein Gegenbild. Tolstois Fürst Andrej mustert die Menschen mit einem kalten, feindseligen Blick, er hat für nichts und keinen etwas übrig, er glaubt, eine Entwertung aller Werte festgestellt zu haben. Da jede Auflehnung gegen das Alter chancenlos ist, wird es zu einer langsamen Enteignung des Lebens.

Ruhestand, für viele Menschen ein erwarteter Zustand, erweist sich oft als problematische Zeit. Von der Arbeitswelt getrennt, von Pflichten entbunden, nur noch beschäftigt, übrig gebliebene Zeit hinter sich zu bringen, stellt sich das Gefühl ein, nutzlos geworden zu sein. Oft ist das Resultat Lebenserschöpfung. Die letzte Zeit erinnert an eine Existenz im Wartesaal. Bevor das Schweigen beginnt - das zeigt uns Literatur - setzt ein Interessenwandel ein. Die Kraft für schöpferische Entwürfe lässt nach, Phantasie versiegt; Projektionen der Wirklichkeit misslingen - es sind die Tribute, die wir kennen. Literatur überredet uns, dem Alter auf angemessene Weise zu begegnen, mit Sympathie und mit Nachsicht.

Bei dem Text handelt es sich um die Dankesrede zum Premio Nonino, der Siegfried Lenz an diesem Samstag in Udine überreicht wird. Der Autor veröffentlichte zuletzt die Bücher „Schweigeminute“ und „Landesbühne“. Am 18. Februar erscheint „Wasserwelten“.

Quelle: F.A.Z.
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