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Sibylle Lewitscharoff wird 60 : Ohne Rücksicht auf Verluste

Sibylle Lewitscharoff wird 60, aber von Altersmilde fehlt jede Spur. Bild: dpa

Kürzlich sorgte sie mit kritischen Äußerungen zur künstlichen Befruchtung für Aufsehen. Ihre literarische Klasse sollte man darüber nicht vergessen. Der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zum Sechzigsten.

          So viel Rummel hatte sich Sibylle Lewitscharoff sicher nicht gewünscht. Seit der Dresdner Rede von Anfang März, in der sie ihren Abscheu vor der Reproduktionsmedizin drastisch zum Ausdruck gebracht hat, ist keine Woche vergangen, in der nicht von dem einen oder anderen Protest gegen Auftritte der letztjährigen Büchnerpreisträgerin zu hören war.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zuletzt sagte der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies ein Gespräch in der Berliner Neuen Nationalgalerie ab, und am vergangenen Dienstag veranstalteten die hessischen Grünen bei einem Auftritt Lewitscharoffs in Bad Soden einen stummen Protest gegen ihre Wortprägung der „Halbwesen“ für durch künstliche Befruchtung gezeugte Kinder.

          Avantgardistisch und traditionsverhaftet

          Nun ist Sibylle Lewitscharoff eine streitfreudige Frau, die sich am Widerstand nicht stört, auch wenn das verspätete Abrücken der Dresdner Veranstalter, das überhaupt erst den Trubel um die bis dahin unbeachtete Rede ausgelöst hatte, sie ebenso geärgert haben dürfte wie die Distanzierung des Suhrkamp Verlags von den aktuellen Äußerungen seiner Autorin, die dort vor fünf Jahren ihre publizistische Heimat gefunden und dem Haus Ruhm, Ehre und Geld eingebracht hat. Aber schon den Büchnerpreis erhielt sie dem Vernehmen nach später als möglich, weil ihre dezidierten Ansichten das Auswahlgremium zeitweise verschreckt haben.

          Literarisch jedoch führte für die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung auf Dauer kein Weg an der in Stuttgart als Kind einer deutschen Mutter und eines bulgarischen Arztes geborenen Autorin vorbei, die 1998 mit ihrem Debütroman „Pong“ (ein Auszug aus diesem phantasiereichen Sprachkunstwerk hatte ihr im gleichen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis eingebracht) und 2009 mit „Apostoloff“, ihrem ersten Buch für Suhrkamp, bewiesen hatte, dass die deutsche Literatur komisch und tiefsinnig zugleich sein kann, avantgardistisch und traditionsverhaftet.

          Protestantin mit katholisch-rigider Moralvorstellung

          Die gnadenlose Subjektivität der Ich-Erzählerin in „Apostoloff“, die von der Rückbank eines Autos aus eine Fahrt durch Bulgarien mit ätzenden Bemerkungen begleitet, ist ein Virtuosenstück, das auch die Autoren der Neuen Frankfurter Schule nicht besser hinbekommen hätten. An der bissigen Formulierungsgenauigkeit von Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, Bernd Eilert und den ihnen literarisch wie freundschaftlich verbundenen Martin Mosebach oder Wilhelm Genazino hat die studierte Religionswissenschaftlerin ihre Feder erkennbar geschärft - wie sie überhaupt eine Schriftstellerin ist, die sich auf ihrem Feld unter Männern am wohlsten fühlt.

          Als sie 2009 vom Marbacher Literaturmuseum die Möglichkeit geboten bekam, ihren Lieblingsautoren eine Reverenz zu erweisen, verblüffte sie nicht nur mit einem Essay, der dem „Dichter als Kind“ gewidmet war, sondern sie bastelte passend dazu verspielte Papiertheater, von denen jeweils eines Goethe, Schiller, Gottfried Keller, Karl Philipp Moritz und den Geschwistern Clemens und Bettina Brentano gewidmet war. Die Einbeziehung Bettinas war dabei aber nur ein feministisches Feigenblatt für Sibylle Lewitscharoff, die den Bruder Clemens Brentano als ihren „absoluten Lieblingsdichter“ bezeichnet.

          Über ihn hat Sibylle Lewitscharoff letzte Woche in Bad Soden gesprochen, auch über seinen Katholizismus, der durch die Begegnung mit der Nonne Anna Katharina Emmerick und ihren Visionen noch verstärkt wurde. In Lewitscharoffs eigenem Werk ist der Glaube und auch die Verzweiflung daran eher den Frauen zugeordnet. Die Schriftstellerin ist evangelisch, doch ihre moralischen Überzeugungen folgen der rigideren katholischen Tradition.

          Mehr Leidenschaft fürs Leben

          Es war denn auch ihre in Dresden angesichts der Praktiken der In-vitro-Fertilisation geäußerte Sympathieerklärung fürs alttestamentarische Onanieverbot, das besonderen Spott auf sich zog. Leicht aber darf man die Auseinandersetzung mit Sibylle Lewitscharoff nicht nehmen, ihr selbst ist die Sache bitterernst. Wobei sie sich fragen lassen müsste, wieso unter Juden, deren Ethik der gleichen Wurzel wie die der Christen entstammt, das Leben so wertgeschätzt wird, dass die Reproduktionsmedizin besonders forciert wird.

          In der Dresdner Rede ging es aber mehr noch als ums Leben um den Tod: am Beispiel des eigenen Vaters, der sich früh umbrachte, und der Großmutter, die im Familienkreis friedlich entschlief. Diese ambivalenten Erfahrungen prägen das Werk Sibylle Lewitscharoffs - wenn auch meist untergründig. In „Blumenberg“ aber, dem 2011 erschienenen Romanporträt des großen Philosophen, entfaltet sich ein Todesreigen seiner Schüler, und durch diese Obsession bekommt das Buch etwas Obszönes.

          Das jüngste Buch Sibylle Lewitscharoffs, der gerade erschienene Kriminalroman „Kilmousky“, führt die morbid-frivole Faszination fort. Wieder mehr Leidenschaft fürs Leben - das wünschen wir uns und der Autorin. An diesem Mittwoch wird Sibylle Lewitscharoff sechzig Jahre alt.

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