http://www.faz.net/-gr0-7n3n8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.03.2014, 17:40 Uhr

Sibylle Lewitscharoff im Gespräch Darf ich nicht sagen, was ich denke?

Die Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat die Reproduktionsmedizin in einer Rede für „abartig“ erklärt und bezeichnet Retortenkinder als „Halbwesen“. Wir haben nachgefragt, wie sie das genau meint.

© Marcus Kaufhold Sibylle Lewitscharoff

Sie haben Kinder, die unter Zuhilfenahme der modernen Reproduktionsmedizin zur Welt gekommen sind, als „Halbwesen“ bezeichnet, als „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“. Sind Sie jemals einem Kind begegnet, dem sein Leben durch künstliche Befruchtung geschenkt worden ist?

Ja, das bin ich. Aber der Satz, den Sie zitieren, ist ja durch seinen Nachsatz sofort aufgehoben worden. Ich sage ja sofort, dass ich weiß, dass das nicht geht. Das Kind kann ja dafür nicht das Geringste, das ist vollkommen klar und das habe ich auch gesagt. Aber mir war es doch darum zu tun, die Assoziationen freizulegen, die aufkommen können.

Soll das heißen, dass Sie Ihre Äußerung von den „Halbwesen“ zurücknehmen wollen?

Nein, ich will es nicht zurücknehmen. Ich will sagen, was Gedanken in prekären Fällen bedeuten können. Das Handeln ist aber ein anderes. Natürlich würde ich niemals einem Kind, das auf solchen Wege entstanden ist und das mir sympathisch ist, meine Zuneigung verweigern.

Aber Sie würden den Eltern dieses Kindes Vorwürfe machen?

Nein, ich würde keine lautstarken Vorwürfe erheben. Nur meine Skepsis bliebe, ob das wirklich ein guter Weg war. Mehr nicht.

Ihr Gastgeber hat sich von Ihrer Rede distanziert und Ihnen ein „beängstigendes Menschenbild“ attestiert. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Das kann ich, offen gestanden, gar nicht nachvollziehen, denn das ist ja ein traditionelles Menschenbild, das ich verfechte, das stark aus dem Christentum kommt und das den Menschen in seiner ganzen Unbehüflichkeit annimmt. Dass ich einen Abscheu predige vor dem Menschen, ist absurd. Allerdings bin ich skeptisch gegenüber bestimmten medizinischen Machinationen und zwar, was den Tod und das Leben betrifft. Ich finde, es geht zu weit, wenn man so stark eingreift in Fragen der Fortpflanzung und auch des Todes.

Sie haben in Dresden gesagt, sie hielten das biblische Onanieverbot für weise. Möchten Sie auch Homosexualität verbieten und unter Strafe stellen?

Auf gar keinen Fall. Das ist absurd. Wenn Sie eine Rede schreiben, dann kommt Ihnen doch auch mal als Würzmittel ein scharfer Satz unter, um die Leute aufzuwecken. Ich habe mich im ganzen Leben noch nie in irgendeiner Weise polemisch gegen Onanie ausgesprochen und würde sie niemandem verbieten wollen. Aber dass manchmal bestimmte Dinge, die in der Bibel vorhergesagt sind, in dem Moment, in dem sie zu einer so katastrophalen Entwicklung führen können, plötzlich eine ganze andere Dimension bekommen, das kann man doch sagen.

Was genau meinen Sie mit dieser „katastrophalen Entwicklung“?

Die Selbstermächtigung der Frauen. Ich finde, zu einem Kind gehört auch der Mann. Es gibt natürlich Fälle, in denen der Mann abhanden kommt, durch Krieg oder zerstörte Beziehungen, das ist dann etwas anderes. Aber die Fortpflanzung von vornherein so anzulegen, dass sie ganz und gar in der Hand von Frauen liegt und der Mann nur noch als Samenspender figuriert – das halte ich in der Tat für eine Katastrophe.

Und was halten Sie davon, wenn ein männliches Paar ein Kind aufzieht?

Nun, es gibt Notfälle, in denen das natürlich eine Lösung sein kann.

Ich denke an gleichgeschlechtliche Paare, die einen Kinderwunsch haben.

Vielleicht muss man sich aber damit bescheiden, dass mit einer Sexualität dieser Art das Kinderkriegen nicht einhergeht. Wenn das nicht akzeptiert wird, dann kann ich das nicht verstehen. Es geht mir wirklich auch darum, den Mann nicht zu beseitigen aus der Erziehung. Das ist mir wichtig. Ich finde, die Männer sind in unserer Gesellschaft stark im Rückzug begriffen, was Erziehungsfragen angeht. Das halte ich für schwierig.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Dauersauber

Von Paul ingendaay

Der spanische Philologe Jordi Cornellà hat sich mit der Zensur des Franco-Regimes beschäftigt und ist empört: Spanische Verlage verkaufen auch heute noch die zensierten und zusammengestrichenen Texte von damals. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“