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Sibylle Lewitscharoff im Gespräch : Darf ich nicht sagen, was ich denke?

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Ihre Aussagen sind religiös motiviert. Wer will, kann sich ja an die Gebote des Alten Testaments halten. Warum reicht Ihnen das nicht?

Darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke? Ich verlange doch keine sofortige Gesetzesänderungen oder derartiges. Aber ich werde doch in einer Debatte meine Skepsis gegenüber Methoden der Reproduktionsmedizin formulieren dürfen.

In Ihrer Rede sprechen Sie auch von den persönlichen Erfahrungen mit dem Feminismus, die Sie in den siebziger Jahren in Berlin gemacht haben. Es klingt, als glaubten Sie, dass die Frauenbewegung schon damals daran dachte, die Reproduktionsmedizin zu instrumentalisieren.

Das ist wohl doch eher ein unbewusster Prozess gewesen. Es ging ja auch etwas anders los, nämlich mit der Parole „Mein Bauch gehört mir“, die mir schon damals unangenehm war, weil sich dahinter eine Form von Eigensucht verbirgt, die ich nicht verstehen kann. Denn in diesem Bauch entsteht ja erstens ein neues Leben, an dem zweitens ja doch auch ein Mann beteiligt war. Damals dürfte begonnen haben, was ich als Selbstermächtigung der Frau verstehe.

Als Schriftstellerin wissen Sie: Wenn Sie von Halbwesen und abartigen wissenschaftlichen Methoden sprechen, nähern sie sich dem Jargon des Nationalsozialismus an. Warum tun Sie das?

Als „abartig“ habe ich ja nur bestimmte Dinge gegeißelt, etwa das Verfahren, wenn man sich im Katalogverfahren einen Samenspender aussuchen kann. Das habe ich nicht mit Bezug auf ein Paar gesagt, dass mit Hilfe der Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen möchte.

Aber die dafür gängigen Verfahren haben Sie als „widerwärtig“ bezeichnet und vom „gegenwärtigen Fortpflanzungsgemurkse“ gesprochen.

Ich beginne meine Rede damit, dass ich sage, dass mein Vater Gynäkologe war. Ein Gynäkologe, der sich umgebracht hat. Das will ich betonen. Ich gebe doch den Menschen im Publikum damit zu verstehen, dass ich anders auf diese Themen reagiere, schärfer und auch persönlicher. Damit ist doch auch ein wenig der Dampf herausgelassen. Und im Übrigen habe ich es gern, wenn man mir widerspricht. Ich will doch nicht unbedingt Recht haben.

Sie vergleichen Teile der Reproduktionsmedizin mit den „Kopulationsheimen“ der Nationalsozialisten. Warum ziehen Sie eine solche Parallele zur Eugenik und zum Rassenwahn der Nazis?

Das ist zwar eine polemische Übertreibung, aber die war durchaus an der richtigen Stelle. Die Nazis haben ja genau solche Forschungen betrieben, und dies auch in Dresden. Das wird heute unter anderen Auspizien gesehen als damals, das ist mir schon klar.

Aber die Nazis wollten nicht nur den Übermenschen züchten, sondern sie haben millionenfach vernichtet, was sie zuvor als „unwertes Leben“ definiert hatten. Und jetzt bezeichnen Sie Kinder, die nicht auf traditionellem Wege gezeugt wurden, als „Halbwesen“.

Ja, der Gedanke durchfährt mich, fast wie ein Blitz, das wird man doch sagen dürfen. Aber natürlich hat das für den Umgang mit einem solchen Kind keinerlei Folgen. Das Kind kann nichts dafür, das habe ich in meiner Rede gesagt. Man wird doch einmal einen schwarzen Gedanken äußern dürfen, oder nicht? Wie oft sagt einer „Ich bringe meinen Nachbarn um“ und tut es nicht.

Ja, aber es gibt einen Unterschied. Sie sind Schriftstellerin, und Sie haben diese Rede öffentlich gehalten.

Das stimmt. Aber ich bin nicht dafür, dass man Gedanken, die überall aufkeimen, ständig unterdrückt. Es gibt ein konkretes Beispiel in meinem entfernten Bekanntenkreis. Die Nachbarn, die Freunde, alle reden darüber, wie komisch das Kind auf die Welt kam. Machen Sie sich bitte nichts vor: Irgendwann wird es natürlich auch das Kind erfahren.

Die Fragen stellte Hubert Spiegel.

Quelle: F.A.Z.

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