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Roman über Flüchtlinge : Durch die Maschen des Netzes schlüpfen

Schriftstellerin Shumona Sinha bedient sich gern drastischer Mittel. Bild: Patrice Normand

Shumona Sinha verlor ihren Job als Dolmetscherin für Flüchtlinge, als ihr Roman „Erschlagt die Armen!“ erschien – dort kommen insbesondere bengalische Zuwanderer wie sie selbst schlecht weg. Eine Begegnung.

          Heute, sagt Shumona Sinha an diesem hellen, frühwinterlichen Tag, an dem wir von unserem Café aus Touristen dabei beobachten, wie sie den fernen Eiffelturm fotografieren, heute würde sie die Geschichte anders schreiben. Nicht, weil sie ihren Job verloren hat, als ihr Buch „Erschlagt die Armen!“ in Frankreich erschien. Darüber kann sie mittlerweile lachen, sogar sich freuen, immerhin hat ihr die ziemlich dämliche Reaktion des französischen „Amtes für Flüchtlinge und Staatenlose“ viel Aufmerksamkeit beschert. Sie würde anders, also „weniger grausam“ schreiben, weil jetzt, da ihr Roman auch ins Deutsche übersetzt wurde, alle Welt über Flüchtlinge redet, und man mit einer Geschichte wie der ihren leicht zur Kronzeugin für Interessen wird, die man eigentlich nicht vertritt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Flüchtlinge kommen nicht gut weg in ihrem Buch. Zwar stammt keiner von ihnen aus Syrien oder dem Nahen Osten. Keiner flieht vor Krieg oder politischer Verfolgung, aber genau das ist der Punkt. Denn die Flüchtlinge im Roman, die alle, wie Shumona Sinha selbst, aus dem Nordosten Indiens stammen, wissen nur zu gut, dass die einfache Sehnsucht nach einem besseren Leben kein Recht ist, auf das Frankreich ihnen erlaubt, einen Anspruch zu erheben. Also lügen sie das Blaue vom Himmel herunter: Sie erzählen von Toten, die plötzlich an Guavenbäumen in ihren Gärten baumelten; sie versichern, von Terroristen verfolgte Christen zu sein, aber wissen nicht, welches wichtige Fest die Christen im Winter feiern; sie wollen studiert haben, doch an den Namen des Fachs können sie sich nicht erinnern. „Sie dachten, sie könnten dank ihres schauspielerischen Talents durch die Maschen des Netzes schlüpfen. Man sah über ihre Ungeschicklichkeit hinweg. Man kritisierte sie nicht wegen mangelnder Neugier für das Aufnahmeland oder dafür, dass die Sprache ihnen für immer fremd blieb bis auf die zwei, drei Worte, die sie stammelten, um ihre Rechte einzufordern.“ Und mit diesem lapidaren Satz ist nicht einmal der schonungsloseste Befund zitiert, der sich in dem schmalen, nur wenig mehr als hundert Seiten zählenden Roman von Shumona Sinha finden lässt.

          Überdruss, Erschöpfung und Wut

          Wenn die 1973 in Kalkutta geborene Sinha, die mit ihrer gepflegten Erscheinung ebenso wie mit der Wahl ihres Wohnorts im feinen sechzehnten Arrondissement eine größtmögliche Distanz zum Sujet ihres Buches demonstriert, wenn sie also sagt, sie würde heute „weniger grausam“ schreiben, ist das zwar leicht nachvollziehbar. Aber als offensichtliches Zugeständnis an politische Korrektheit ist es auch ein seltsames Missverständnis in eigener Sache. Denn Sinhas Buch lebt von seiner stilistischen und inhaltlichen Drastik, ähnlich wie es übrigens auch ihre anderen Romane „Fenêtre sur l’abîme“ (2008) und „Calcutta“ (2014) tun. In „Erschlagt die Armen!“ erfahren die Dinge allerdings eine zusätzliche Brisanz dadurch, dass die Konstellation im Roman den realen Gegebenheiten sehr nahekommt. Sinha leugnet das nicht. So trägt die im Roman vorkommende Behörde zwar keinen Namen. Sie ist aber leicht als jenes „Amt für Flüchtlinge und Staatenlose“ zu identifizieren, für das die Autorin selbst einige Monate lang als Dolmetscherin aus dem Bengalischen tätig war - genauso wie die Ich-Erzählerin des Buches, die eines Tages einem indischen Asylbewerber eine Flasche über den Kopf zieht. Aus heiterem Himmel? Nein, aus Überdruss, Erschöpfung und Wut, denn, so formuliert es diese gefallene Heldin einmal: „Mich ärgert es, für andere zu weinen.“

          Genau dies, einen Mangel an Empathie, hat die Behörde, die sich bei der Veröffentlichung des Buches 2011 in Frankreich natürlich angesprochen fühlte, der Schriftstellerin denn auch vorgeworfen. Sinha, so schrieben die Vorgesetzten in einem Brief, bringe in dem Text ihre Verachtung für Asylbewerber zum Ausdruck, was der Arbeit eines Amtes, das sich um Respekt und Würde bemühe, entgegenstehe. Sie verlor ihren Job. Aber sie bekam eine neue Stelle als Lehrerin, erhielt einen kleineren Literaturpreis und viel Zuspruch für das Buch, das tatsächlich weit raffinierter ist als die Reaktion der Beamten, die vom Unterschied zwischen Autor und Erzähler offenbar noch nicht gehört hatten.

          Denn indem Sinha die Übersetzerin ins Zentrum des Geschehens rückt, macht sie nicht nur deutlich, welches Dilemma das Asylrecht für beide Seiten birgt, weil Flüchtlinge glauben, lügen zu müssen, während die Beamten die Wahrheit nur selten honorieren können. Ihre Vermittlerrolle zeigt auch der Übersetzerin selbst die Grenzen ihrer eigenen Integrationsmöglichkeiten auf, da sie sich ja gleich zwei Parteien gegenübersieht, die mit guten Gründen ihre Loyalität einfordern. Schließlich birgt selbst ihr Amoklauf im Roman einen (nicht allzu subtilen) Hinweis auf die Fragilität des gesamten Systems, weil er zeigt, wie wenig es braucht, um von einer Seite auf die andere zu fallen: Eine einzige Unbeherrschtheit - schon sieht sich die Protagonistin ihrerseits in der Verlegenheit, eine gute Erklärung, eine glaubwürdige Geschichte zu präsentieren. Aber was heißt glaubwürdig? Und wer mag auf welcher Grundlage darüber befinden? Das sind die Fragen, um die es geht.

          „Ein Schwarzmarkt voller Lügen“

          Dass Shumona Sinha sich ihnen gestellt hat, darf man dabei auf ihren eigenen Überdruss zurückführen, denn sie hat, wie sie der Zeitung „Le Monde“ einmal sagte, das Buch geschrieben, „wie man ausspuckt“. Nach der Arbeit, in einem Zustand erregter Erschöpfung, in den sie auch das Wissen um all jene Ungeheuerlichkeiten versetzt hat, über die kaum je gesprochen wird. „Die bengalische Nachfrage nach politischem Asyl ist ein Schwarzmarkt voller Lügen und voller Ausbeutung“, sagt Sinha heute, was heißen soll: Es gibt einen Schwarzmarkt für gefälschte Pässe, Urkunden und Diplome. Aber eben auch einen für dramatische Lebensgeschichten voll politischer und religiöser Verfolgung. Und wo diese Geschichten nicht weiterhelfen, bieten dieselben Dealer ihren ausgelieferten Kunden eben billige Jobs an: Vor allem dort, wo sich in Paris die Touristen drängeln, als Verkäufer von heißen Maronen oder von Miniaturversionen all jener Sehenswürdigkeiten, die Besucher gern ins Visier nehmen, kleinen Eiffeltürmen aus buntem Plastik beispielsweise. Die Behörde, sagt Sinha, aber tue so, als wüsste sie von alldem nichts.

          Shumona Sinha: „Erschlagt die Armen!“
          Shumona Sinha: „Erschlagt die Armen!“ : Bild: Edition Nautilus

          Was schlägt sie also vor? Den Menschen aus Indien, von denen ohnehin die meisten irgendwann zurückwollten, eine legale Arbeitserlaubnis erteilen, befristet auf ein paar Jahre. Aber Sinha fühlt sich sichtlich unwohl in der Rolle der politischen Beraterin. So etwas wie „ethnische Solidarität“, sagt sie freimütig, habe sie gegenüber ihren Landsleuten sowieso nie empfunden. Deswegen pocht sie auch so sehr darauf, dass ihr Roman als Roman und nicht als Gesinnungsaufsatz gelesen wird. Diese Unterscheidung scheint ihr aber auch deswegen wichtig, weil die Motive ihrer eigenen Emigration vor fünfzehn Jahren so gänzlich andere waren als jene der Männer in ihrem Buch. Sinha stammt aus einer Akademikerfamilie, ihr Vater war Ökonom und stand den Kommunisten seines Landes nahe. Er hatte Bücher vieler russischer und französischer Autoren zu Hause, und Letztere waren es, die das Frankreich-Bild der jungen Shumona Sinha prägten. Heute muss sie selbst lächeln, wenn sie von dieser postkartenhaften Vorstellung erzählt: Godard, Truffaut, die sechziger Jahre in Saint-Germain. Das ist lange her.

          Die Gegenwart ist ganz anders. Sie hält Tage bereit, an denen Sinha am Morgen in Radio France ein Interview gibt, dann im Supermarkt ihres Viertels einkauft, in dem ihr auffällt, dass Menschen mit ihrer Hautfarbe höchstens an der Kasse sitzen, und an denen sie nachmittags am Collège in der Banlieue ihren Schülern begegnet, die sie fragen, warum sie eigentlich so gut Französisch spreche. Die Gegenwart kennt viele Formen von alltäglichem Rassismus und wenig Möglichkeiten, ihn zur Sprache zu bringen. Eine von ihnen hat Shumona Sinha genutzt.

          Quelle: F.A.Z.

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