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Science-Fiction-Autor Aldiss : Sprache war seine Wahrheitsdroge

Der Film, an dem sich zwei Regiegrößen verhoben, auch Stephen Spielberg (Mitte): Haley Joel Osment und Jude Law in „A.I.“. Bild: Picture-Alliance

Kubrick und Spielberg waren ihm nicht gewachsen. Als andere LSD nahmen, um besser zu spinnen, überbot er sie als Seher ohne Chemie. Ein Nachruf auf den Science-Fiction-Autor Brian Aldiss.

          Es hätte der traurigste, tiefste und weiseste Film über die gemeinsame Zukunft menschlicher und nichtmenschlicher Denkweisen werden können, den es je gab. Die beiden Genies, die ihn drehen wollten, haben das aber nicht hingekriegt. Dabei gab es kaum je zwei Filmregisseure, die genauer erfasst hätten, was sich für das Kino aus der Kollision von einerseits technisch-naturwissenschaftlicher Notwendigkeit und andererseits spekulativ-poetischer Möglichkeit herausholen lässt, die der seltsame Genrename „Science-fiction“ meint.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die beiden Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) von Stanley Kubrick, nach einer Erzählung von Arthur C. Clarke, und „Minority Report“ (2002) von Steven Spielberg, auf der Grundlage eines Angsttraums von Philip K. Dick, gehören gewiss zu den intelligentesten Lektüren von Texten des Genres, die eine Filmkamera je vollbracht hat.

          Dennoch sind beide Künstler, erst Kubrick, dann Spielberg, an einer anderen Vorlage aus demselben Kanon gescheitert. Zwar gab es eine Schnittmenge der beiden Lesarten, mit denen sie versuchten, sich diese Vorlage anzueignen. Und diese Schnittmenge erlaubte den beiden in vielerlei Hinsicht sehr verschiedenen Filmkünstlern auch, dass der eine, Kubrick, das betreffende Projekt beginnen und der andere, Spielberg, es mit mehr oder weniger achtbarem Kassen- und Kritikerfolg beenden konnte.

          Aber diese beiden Lesarten waren, wenngleich miteinander vereinbar, so doch beide zu eng, um voll zu erfassen, was für ein nie zuvor auf der Leinwand erblicktes grausam hyperklares Sonnenlicht, das selbst ein künstliches Roboterauge blendet, in der Kurzgeschichte „Super-Toys Last All Summer Long“ (1969) von Brian Aldiss dem Unterschied zwischen Mensch und Menschmaschine bis auf den Grund heimleuchtet. „In Mrs. Swinton’s garden,“ beginnt diese Dichtung, „it was always summer“.

          Pendler zwischen Kosmos und Kopf

          Dem Verfasser jenes Textes, Brian W. Aldiss, war das Glück vergönnt, seinen Eintritt in die Science-Fiction-Literaturgeschichte zu einem Zeitpunkt zu erleben, da dieses Genre sich in der akuten Gefahr befand, seine Standards zu toten Klischees erstarren zu lassen. Aldiss und andere konnten es davor bewahren: Die sogenannte „New Wave“-Bewegung, zu deren wichtigsten Figuren Aldiss in den Sechziger und Siebziger Jahren gehörte, entdeckte nämlich neben dem vom Genre bereits geöffneten und weiträumig erschlossenen „Outer Space“, dem mit Raumschiffen befahrbaren Kosmos also, eine Art Kontrapunkt-Reservoir: den „Inner Space“, also die potentiell allseitig unendlichen Hallräume menschlicher Geistes- und Gemütszustände.

          Bild: Picture-Alliance

          Die neuen literarischen Trips dorthin waren teils chemisch ermöglicht, man las unter den „New Wave“-Beteiligten aber auch eifrig die Wortcollagen von William S. Burroughs, die proto- und vollpsychedelischen Beat-Dichtungen und andere Produkte pharmakologisch induzierter Räusche. Indem die Autorinnen und Autoren der „New Wave“ die genannten zwei Räume, den fluchtverheißenden fernsten und den tiefentauchtauglichen nächsten jedes Menschen, zueinander in Beziehung setzten, entdeckten sie aber bald noch eine andere, allgemeinere, nicht immer künstlerisch geprägte Vermittlung zwischen Individuum und Universum, die Gesellschaft nämlich (und ihre guten und schlechten Zustände). Ein markanter sozialkritischer Zug gehörte nach und nach zu den Hauptcharakteristika der Bewegung; nicht nur theoretisch oder ästhetisch, sondern ganz praktisch, was die Zugangsmöglichkeiten zur Science-Fiction für zuvor ausgegrenzte Stimmen anging – solche von Frauen, Schwarzen, anderen ethnischen, aber auch sexuellen oder politische Minderheiten in den reichen westlichen Gemeinwesen, welche die Science-fiction hervorgebracht hatten und in denen sie gerade zu einem Hauptstil diverser Populärkulturen wurde, vom Comic über den Film bis hin zu visuellen und textlichen Aspekten der Rockmusik (und des Jazz, man denke nur, für die hier in Rede stehende Kurzepoche, an Sun Ra oder Alice Coltrane). Als die neuen Stimmen das Wort ergriffen, wurde dieses Wort einerseits oft spröder dadurch, dann aber auch verführerischer, weil neu, kurz und insgesamt: dichterischer.

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