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Veröffentlicht: 13.10.2015, 12:28 Uhr

Peter Handke über die Wut Schimpfen ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit

Peter Handkes Protest gegen die Selbstgefälligkeit der Gruppe 47 ging in die Literaturgeschichte ein. Was regt den Schriftsteller heute noch auf? Woher kommt die Wut und was wird aus ihr? Ein Gespräch.

von
© Wolf Heider-Sawall/laif Grundwut und Sanftmut: der österreichische Schriftsteller Peter Handke

Das Gartentor ist nur angelehnt vor Peter Handkes Haus am Ende der kleinen Allee in Paris Chaville. Niemand ist am Haus zu sehen oder reagiert auf die Klingel. Dann kommt er von der Straße durchs Tor, mit einer Einkaufstüte in der Hand, um welche er einen Verband trägt. „Was ist passiert?“ - „Ich habe den Nachbarn erschlagen“, sagt er und führt mich in die Küche, wo Waldpilze liegen. Er ist fürs Pilzesammeln berühmt. „Aber bitte schreiben Sie nicht über meine Scheißpilze“, sagt er. Vor fast 50 Jahren, im April 1966, wurde Handke berühmt, als er bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton aufstand und der deutschen Prosa „eine Art Beschreibungsimpotenz“ attestierte. Eine „ganz unschöpferische Periode in der deutschen Literatur“ sei angebrochen, die Prosa sei läppisch, die Kritik sei auch läppisch und idiotisch.

Julia  Encke Folgen:

Werden Sie heute noch wütend, wenn Sie an die Tagung denken?

Ich mag schon das Wort nicht: „Gruppe 47“. Mannschaft vielleicht, wie beim Fußball, Handball oder Basketball. Und alles, was mit der Zahl 47 zusammenhängt, ist ja auch nicht so anheimelnd.

Wenn man über Ihren Auftritt damals liest ...

... das war ja kein Auftritt, ich bin einfach aufgestanden. Zwei Tage lang hatte ich mir diese soziale Abbildungsbeschreibungsliteratur angehört, die damals auf der Tagung zu hören war, und ich stehe immer noch dazu, dass es gut war, dagegen etwas zu äußern. Aber es war nicht Wut, es war Gereiztheit.

Hatten Sie sich vorher vorgenommen, zu protestieren?

Im Nachhinein habe ich so oft gelesen, dass ich es vorhatte, dass ich inzwischen selbst im Zweifel bin, ob ich es nicht wirklich vorgehabt habe. Mein so genanntes Wissen sagt mir: Nein, das hat sich sicher aufgestaut über diese ein, zwei Tage des Zuhörens.

Es gibt ein berühmtes Foto, das Sie im Publikum zeigt. Es ist Pause, alle sind im Gespräch oder aufgestanden, nur Sie sitzen alleine da. Hatten Sie auf der Tagung Komplizen?

Sogar Goethe hat, als er älter wurde, überall Komplizen gesucht, oder Bundesgenossen, auch ein schönes Wort im Grunde. Meine Haupteigenschaft ist eigentlich die Scheu. Ich habe mich deshalb eher von Ferne verbunden gefühlt, weniger meinen Altersgenossen als mit Peter Weiss, und mit Günter Grass, dessen erste zwei Bücher, „Blechtrommel“ und „Katz und Maus“ für mich Erlebnisse waren. Als junger Student habe ich gedacht: „Mensch, ist so etwas in der deutschen Sprache möglich?“

Die Kritiker haben einige Schriftsteller ziemlich zerlegt.

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Ich mag es nicht, wenn Schriftsteller bewundert werden, aber ich habe Weiss und Grass und auch Johnson für das verehrt, was sie geschrieben haben. Und wie die erste Reihe, wo die Kritiker saßen, mit diesen Autoren umgegangen ist, das hat mich empört. Das ging doch nicht, dass man sie heruntermachte und mit ihnen redete als wären sie Schulbuben. Ich habe es verachtet, wie Reich-Ranicki und Walter Jens da ihre Schnöseleien brüllten.

Ein amerikanischer Kritiker hat damals geschrieben, dass es so schwierig war, in die Tagung hineinzukommen wie in den Himmel. Und Dieter E. Zimmer von der „Zeit“ ...

... das war ein stiller Mann, den habe ich im Guten gespürt.

... meinte, sie habe in einer solchen Abgeschlossenheit stattgefunden, dass man genauso gut nach Travemünde hätte fahren können. Hat Sie diese Selbstgenügsamkeit geärgert?

Selbstgenügsamkeit wäre ja gut gewesen, aber es war eine Selbstgefälligkeit. Die ging natürlich von dem Manager Hans Werner Richter aus, der sich als illusionärer Mittelpunkt der Welt gefühlt hat. Ich bin trotzdem ewig dankbar, denn ich habe anschließend eine Art Rundflugticket bekommen für Amerika, und das waren für mich die lehrreichsten Wochen, die zu den schönsten meines Lebens gehören. Ich bin bis Memphis, Tennessee, gefahren und nach Oxford, Mississippi, zu dem Fotografen, der das letzte Foto von William Faulkner gemacht hat. Ich bin damals auch zu Fuß von El Paso nach Ciudad Juarez gegangen, das war noch das Mexiko des ersten Sozialismus. Sie müssen auch wissen, dass ich 23 war und bis dahin mit niemandem über Literatur gesprochen hatte.

Nur mit sich selbst?

Ja, es ist eine Art Schatz, nur mit sich selbst zu sprechen. Aber irgendwann wird der Schatz ranzig. Deswegen war es gut, dass ich mich da selbst hineingestoßen habe und auch hineingestoßen wurde. Die „Publikumsbeschimpfung“ war damals ja mein erstes Stück, es sollte zwei Monate später gespielt werden. Und ich war einfach felsenfest oder wasserfest davon überzeugt, dass es ein Erfolg würde. Ja ich war sogar so eingebildet, zu denken, das wird ein Welterfolg.

Ging es bei der „Publikumsbeschimpfung“ denn um Wut?

Ah, nein. Es war einfach nur Spielfreude und Analyse meiner Skepsis dem Theater gegenüber. Meine erste Frau war Schauspielerin in Graz, und ich sah immer wieder Brecht, Horvath und Beckett, manchmal auch Dürrenmatt und Shakespeare. Und das war meine Reaktion. Dadurch, dass ich endlich aus meiner Abgeschlossenheit herauskam, war das Stück so eine Art Speerwerfen für mich: rhythmisch gegliedert, mit viel Verneinungen und unter dem Eindruck der Beatles und all der anderen Deppen, die ich in der Jukebox gehört hatte. Es war für mich eine gewaltige Befreiung. Es sind nur Zitate, montiert und rhythmisiert. Es sind alles Schimpfwörter, die gebräuchlich waren, bis auf eines, ein österreichisches Wort, „Pülcher“, das ist ein schwerfälliger, grober Mensch, der überall ins Fettnäpfchen tritt.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Sie haben in den Jahren darauf ziemlich gut besuchte Lesungen gehabt.

Da ist wahr, ja.

Bei einer, 1971 in Graz, hat ein Polizist Sie nicht hereingelassen, weil es schon so voll war. Es soll zu „Handgreiflichkeiten“ gekommen sei. Haben Sie dem eine geknallt?

Nein, er hat mir den Arm auf den Rücken gebogen, und ich habe ihm einen Tritt gegen das Schienbein gegeben. Ich wurde dann verhaftet.

Haben Sie ihn auch beschimpft?

Sicher, ich hoffe. Ich weiß nicht, wie, wahrscheinlich: „Du Nazischwein!“ oder so etwas, eher hilflos. Schimpfen ist ja oft ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Hier in Chaville gibt es in der Nachbarschaft ein paar Hunde, die manchmal tagelang brüllen. Und ich habe oben auf den Balkon einen CD-Spieler gestellt. Immer, wenn sie brüllen, mache ich ganz laut armenische Musik an.

Nachts?

Nein, tagsüber.

Und dann hören die Hunde auf?

Nein, aber mich beruhigt es. Das ist meine Rache, diese herrliche weittragende und traurige Musik von Komitas. Ich kann es Ihnen nachher vorspielen.

Gerne. Ändert sich das Verhältnis zur Wut mit dem Alter oder ändern sich die Anlässe, die Wut auslösen?

Im Laufe der Jahre ändert sich die Form der Wut, aber los wird man sie nie, glaube ich.

Braucht man Wut zum Schreiben?

Ich weiß es nicht. Wissen Sie noch, wer Georg Stefan Troller ist, der Fernsehjournalist? Der hat vor 30, 40 Jahren zugleich zarte und freche Porträts über Stars und Pseudostars gemacht. Und er hat damals schon von mir gesagt, ich hätte eine Grundwut. Das muss so sein. Ich habe keine Erklärung dafür. Ich glaube, es kommt von meiner mütterlichen Familie her, obwohl da auch ungeheure Sanftmut mit drin ist. Es gibt das Wort „Sanftwut“, ich weiß nicht, von wem das ist. Irgendjemand hat das auch auf mein Tun und Wirken angewendet. Ich finde es gar nicht so schlecht.

Es gab ein legendäres Treffen zwischen Ihnen, Hubert Burda und Thomas Bernhard. Bernhard hat darüber einen Brief an Siegfried Unseld geschrieben, den er nie abgeschickt hat. Ich habe ihn mal im Archiv in Gmunden gelesen. Bernhard schreibt da, Sie hätten ihn als „Großgrundbesitzer“ und als „Giftzwerg“ beschimpft.

„Großgrundbesitzer“ habe ich sicher nicht gesagt, „Giftzwerg“ habe ich gesagt. Das war am Attersee. Als junger Schreiber hat mir Thomas Bernhard ja gut getan, wie er da als Österreicher mit einem Spieß das fette Land durchstieß. Die ersten zwei, drei Bücher waren wie eine Erlösung für mich. Aber allmählich hat es angefangen, mich abzustoßen und zu erzürnen. Ich habe dann gedacht, dass es eine Mache ist, eine sehr schlaue und rhythmisch gut durchgezogene Mache, diese negative Kraft ist ja unvergleichlich, da kommt niemand an ihn heran. Am Attersee war auch sein sogenannter „Lebensmensch“ dabei, wenn ich das Wort schon höre, da krieg ich wirklich einen Wutanfall. Ein scheußliches Wort! Man sagt: meine Frau oder meine Lebensgefährtin oder Geliebte oder meine Komplizin oder meine Expeditionsbegleiterin. Aber doch nicht „Lebensmensch“! Ich weiß nicht, wie es kam, durch das Trinken vielleicht. Jedenfalls habe ich dann plötzlich losgelegt.

Was haben Sie gesagt?

„Lieber Thomas Bernhard, wie Sie schreiben, das ziemt sich nicht.“ Da ist er aufgestanden, hat bezahlt und ist gegangen. Danach hat es mir weh getan, dass ich so heftig war. Es bringt ja nichts. Man kann jemanden nicht überzeugen, dass er eine Kehrtwendung macht und plötzlich weiße Segel aufzieht über seine Bücher. Er ist ein Meister. Aber ich mag keine Meister. Auch Goethe war kein Meister, er war ein ordentlicher Stümper. Ich habe von Goethe gerade „Die natürliche Tochter“ gelesen. Da gibt es herrliche Momente, aber das Stück ist total bescheuert. Er war eigentlich nie Meister. Die können mir alle gestohlen bleiben, die Meister. Grass hatte ein Problem mit der Zeit, er war drei Jahre seines Lebens ein Genie, dann blieb nur noch der Gestus von Genie, die Seele, die brummende, feurige, weinende Seele ist flöten gegangen. Das hat mich auch empört, diese Selbstgerechtigkeit bei Grass, weil einmal etwas da war, das ich verehrt habe, etwas Kostbares.

Lesen Sie Kritiken?

Ja, immer. Aber es werden mir nicht mehr alle geschickt inzwischen.

Kriegen Sie da auch Wutanfälle?

Nein, inzwischen werde ich sehr freundlich behandelt. Manchmal habe ich früher gedacht: Der macht das extra falsch. Das ist schon lange her, aber es kommt vielleicht wieder. Sicher kommt es wieder. Ich sag immer: „Man ist als Schreiber nicht legal.“ Man muss einfach akzeptieren, dass man verfolgt wird.

Als Illegaler?

Ja. Ich bin Illegaler. Klingt ein bisschen sinnspruchhaft. Aber ich sage es zu mir selber, und dann ist es kein Sinnspruch.

Wir gehen nach oben auf den Balkon, und er dreht die armenische Musik im CD-Spieler voll auf. Es bellt kein Hund, aber man hört die sehnsuchtsvolle Melodie sicher bis in den Wald hinein.

Glosse

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