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Das Ende der Gruppe 47 : Literatur? Alles läppisch

Einer musste ja unter lauter Männern eine feminine Seite zeigen: Peter Handke, 1966 Bild: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Vor fünfzig Jahren versetzte ein junger Schriftsteller, den viele für ein Mädchen hielten, der Gruppe 47 einen Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholte. Ein Besuch in Princeton, wo Peter Handke Furore machte.

          Am 22.April 1966, vor fünfzig Jahren also, stand ein junger Mann im Publikum auf. Man hatte ihn während der Tagung „das Mädchen“ genannt – vielleicht, weil er wenig sagte und sich immer abseits hielt; vielleicht auch, weil man seine Frisur komisch fand; oder, weil einer das Mädchen sein musste, damit alle anderen sich überaus männlich vorkommen konnten. Peter Handke also stand auf in Princeton, als die literarische Gruppe 47 dort tagte, und nannte ihre Literatur läppisch, ihren Sprachgestus völlig öd, ihre Form völlig konventionell, man könne diese läppische Prosa ebenso gut aus einem Lexikon abschreiben. Genauso läppisch sei die Literaturkritik, die mit dieser läppischen Prosa einverstanden sei, weil sie eine andere gar nicht verstehen würde. Danach drängten sich die Medien um Handke, die Gruppe 47 aber tagte nur noch einmal und war praktisch am Ende.

          Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man in die Geschichte dieses literarischen Vereins gehen. Wie ihr Name sagt, war die Gruppe 47 eine Gründung der unmittelbaren Nachkriegsjahre gewesen. Unter Führung des Schriftstellers Hans Werner Richter trafen sich Autoren von 1947 an in regelmäßigen Abständen, um einander aus ihren gerade entstandenen Werken vorzulesen. „Hans Werner Richter ist ein Manager von großem Geschick, seine ‚Gruppe 47‘ verleiht sich gegenseitig Literaturpreise, und im Schallkreis seines Megaphons verwandelt sich jedes zaghafte Beginnen in ein Lebenswerk, das die Rundfunkprogramme und die kulturellen Pressenotizen füllt.“ So kommentierte der Literaturkritiker Friedrich Sieburg 1952 das Ritual. Richter bestimmte, wer zwanzig Minuten lang vorlesen durfte und wer als Publikum eingeladen wurde. Die Vorlesenden hatten zu schweigen, während die anderen das Gelesene kommentierten. Am Ende wurde mitunter ein Sieger im Vorlesewettbewerb gekürt.

          Sieburg, der auch die Darmstädter Dichterakademie, die Buchmesse und überhaupt den ganzen aufkommenden Literaturbetrieb fatal fand, argwöhnte in all dem einen Konformismus, der einer wirklich radikalen Intellektualität unangemessen sei. Mittels der Gruppe 47 organisierte sich für ihn ein prägender Teil der deutschen Literatur nach 1945 als Zusammenhang des Dabeiseins und Dazugehörens.

          Diskussion als Sozialmodell

          Das war insofern ein merkwürdiger Vorwurf, als deutsche Schriftsteller seit dem achtzehnten Jahrhundert immer wieder in Gruppen und als Gruppe aufgetreten waren. Wer etwas Außergewöhnliches wagt, sucht Unterstützung bei Gleichgesinnten. Die urbanen Avantgarden nach 1900 sind – geteilte Provokation ist doppelte Provokation – voll solcher ästhetischer Programmparteien, vom Expressionismus über den Futurismus und, in England, Vortizismus bis zum Dadaismus und Surrealismus. Andernorts sortierte man sich nach Meister und Schülern; Sieburg selbst war in seiner Jugend ein heißer Anwärter auf die Mitgliedschaft im George-Kreis.

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