„Wenn Sie vom Bahnhof kommen und am Königsbau vorbei gehen, sehen Sie nichts vom Kleinen Schlossplatz, bis derselbige ,schlagartig’, wie man heute sagt, als Monument auf Beton-Stelzen vor Ihnen auftaucht.“
Dieses Stelzenungetüm, von dem der Dichter Hermann Lenz in seinen Stuttgart-Porträts der Nachkriegszeit schreibt, entstand 1968 als Betonplatte zur Abdeckung eines Verkehrsknotens im Rahmen des sogenannten Planie-Durchbruchs, für den bereits 1956 das an Stelle des heutigen Kunstmuseums stehende Kronprinzenpalais abgerissen worden war. Städtebauliche Großprojekte sind Stuttgart noch selten gut bekommen; Hauptsache, der Verkehr rollt unten durch. Damals fanden wir den Kleinen Schlossplatz freilich super schick, denn es gab einen nagelneuen „Mövenpick“ und dazu Kunst von Otto Herbert Hajek, der immerhin mit Bundeskanzler Willy Brandt, unserem Helden, befreundet war.
Hermann Lenz achtete weniger auf Brandt und mehr auf die Mädchen im Lumpen-Look („Gammler“ nannten sie unsere Eltern und Lehrer), die sich im Brunnenwasser die Füße kühlten, während andere „mit Plateau-Sohlen und sowohl schenkel- als auch rückenfreiem Fleisch“ nur vorbeischlenderten und sich ein bisschen fürchteten. Lenz beobachtete die Stuttgarter Mädchen genau, aber die Mädchen ließen den altmodischen Flaneur achtlos vorbeiziehen, falls sie ihn hinter ihren Marihuanaschwaden überhaupt wahrgenommen haben: „Wir träumten vom Ausrücken nach Afghanistan, vom großen Auftritt in Andy Warhols Factory, einer Nachtfahrt mit Jim Morrison und sehr allgemein von der Revolution“, erinnert sich Sibylle Lewitscharoff, die damals so ungefähr 17 Jahre alt gewesen sein muss. „Aber“, ergänzt die Stuttgarter Dichterin, „die schwäbischen Töchter bewahrten meistens doch Vernunft und machten erst brav ihr Abitur.“
Ein Flaneur in der Auto-Stadt
Die literarischen Helden dieser Jahre hießen Martin Walser oder Günter Grass (für die Feinschmecker meinetwegen auch Kerouac oder Majakowski), in Stuttgarts Theater, dem „Kleinen Haus“, gab’s Brechts „Kreidekreis“ und Peter Weiss’ „Hölderlin“. Von Hermann Lenz war nicht die Rede. Das habe sich geändert, wird gern erzählt, nachdem der junge Peter Handke mit seiner „Einladung, Hermann Lenz zu lesen“ 1973 die Werbeposaune erschallen ließ. Stimmen kann das nicht. Wer den Beweis braucht, soll bei Amazon oder Libri sich anschauen, welche der mehr als vierzig Bücher von Hermann Lenz lieferbar sind: „Derzeit nicht verfügbar“, lautet häufig die Auskunft.
Für so viel unschuldiges Übersehen eines großen Erzählers muss es Gründe geben, die jenseits der immanenten Gesetze des Literaturbetriebs zu suchen sind. Einer Stadt wie Stuttgart, Symbol der kraftvoll-verdrängenden Nachkriegsrepublik, welcher der unbändige Leistungswille (vor der Revolution muss anständig Abitur gemacht werden) und technische Ehrgeiz aus allen Knopflöchern lugt, musste ein Mann wie Hermann Lenz fremd bleiben. Schon, dass Lenz nicht Auto fuhr, sondern zu Fuß oder mit der Straßenbahn unterwegs war, wirkte in der Stadt der Porsches, Daimlers und Bosch-Zünder befremdlich, wenn nicht gar bedrohlich, wo man selbst heute, wo alles grün geworden ist, mit dem SUV zum nächsten Bioladen fährt.
Lenz, Schöpfer des großartigen Taugenichts Eugen Rapp lässt sein „Alter Ego“ (Näheres dazu in den Frankfurter Poetikvorlesungen von 1986) auf 2800 Seiten in neun mitteldicken Romanen fast das ganze 20. Jahrhundert erleben: eine Kollektivgeschichte der deutschen Gesellschaft, nutzbar als „Spielzeug für die Leser, die ihre Erfahrungen in die Wörter des Autors projizieren, falls ihnen dies möglich ist“. Nichts ist geschönt, nichts harmonisiert. „Da erfährt man, wer man ist.“
Ein Heimkehrer, der sich abfindet
Aber warum liest das keiner? Mag sein, weil Lenz ein großes Herz hat für die Leistungsverweigerer. So etwas war schwer zu ertragen in den Jahren des Wirtschaftswunders, wo Arbeit und Leistung den Wohlstand des Westens begründeten, mithin den Beweis für die Überlegenheit der - gar noch sozialen - Marktwirtschaft sichtbar machte und, by the way, die schmachvolle Niederlage von 1945 vergessen ließ. So etwas ist nicht minder schwer zu ertragen in einer sprichwörtlichen Leistungsgesellschaft des flexiblen Kapitalismus, wo es gilt cool zu sein und ständig auf dem Weg ins Fitnessstudio. Hermann Lenz, obzwar alles andere als ein Nostalgiker, richtet den Blick zurück: „Wenn man mir sagt: Du ziehst Dich ins 19. Jahrhundert zurück, na ja, im 19. Jahrhundert war die Luft besser, der Lärm geringer, die sanitären und sozialen Verhältnisse katastrophal, die Medizin noch halb mittelalterlich - das sehe ich ja ein. Aber es ist so, dass ich mich für die Hintergründe interessiere, ich habe mich auch in den Häusern meiner Großeltern immer für das interessiert, was noch an altem Kram herum gelegen hat, und mir erzählen lassen, wie es früher gewesen ist.“ Hinter die Dinge zu schauen, ohne jede Besserwisserei oder Dünkel, schafft Distanz: „Wenn man sich derart für das Alte interessiert, ist das vielleicht ein Zeichen für eine gebrochene Natur. Ein ungebrochener Mensch kümmert sich wohl kaum um das Vergangene.“
Da zeigt sich das ganze Paradox: Weil sie nicht ertragen wollte, wie tief sie gebrochen war, durfte die Kriegsgeneration, anders als ihre Kinder, die ersten Babyboomer der sechziger und siebziger Jahre, sich keinesfalls um die Vergangenheit kümmern. Anstatt zurückzublicken, schwangen sie die Abrissbirne, demolierten Kronprinzenpalais oder Erich Mendelssohns Kaufhaus Schocken, bauten Plätze auf Betonstelzen und durchfurchten die Stadt mit Autobahnen. In so einer „Stadt ohne Gesicht“ lässt sich das Vergangene besser vergessen.
Dabei ist Hermann Lenz und sein Romanheld Eugen Rapp gerade kein Vergangenheitsbewältiger. Er ist einfach nur ein „Heimkehrer, der sich abfindet“. Geboren wurde er vor hundert Jahren, einen Tag nach Königs Geburtstag (es handelt sich um Württembergs König Wilhelm II.) am 26. Februar 1913. Es schien, heißt es in „Verlassene Zimmer“, dem ersten Band der Rapp-Romane, als ob sich das Kind mit der Geburt Zeit gelassen hatte, um erst „herauszukommen in die Helligkeit eines früh warmen Februars“. Wer bei der Geburt schon zögert (das wissen wir von Tristram Shandy), aus dem kann kein Held werden. Eugen Rapp schlägt sich durch, „immer so tun, als ob nix wär“, lautet sein Leitspruch. Er ist kein Nazi, aber er ist schon gar kein Widerstandskämpfer. Ihm reicht schon (als ob das nix wär!) das Gefühl „Wenn du nicht schießt, kommst du durch diesen Krieg“. Das haben sie beide geschafft, Eugen Rapp und sein Autor, immer darauf achtend, dass ihnen ihren „inneren Bezirk“ keiner streitig macht. „Ich wollte die Menschen und die Lebensumstände von innen her, gespiegelt in den Personen meiner Erzählungen, wiedergeben“, sagt Lenz. Diese Beschränkung macht das Personal der Lenzschen Erzählungen nicht naiv, sondern glaubwürdig.
Dass auch heute Hermann Lenz erst recht stört, verwundert nicht, zumal in Stuttgart, seiner Stadt neben München, wo er die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1998 verbrachte. Denn in der baden-württembergischen Hauptstadt, die strotzt vor Selbstbewusstsein und Wirtschaftskraft und sich berechtigt badet in der Gefälligkeit ihres Erfolgs (eine Fahrt über die Wielandshöhe - Vincent Klink - bietet dazu die passende Aussicht), sind die Gebrochenen auf den Partys lieber stumm (allenfalls lesen sie vor dem Einschlafen die Romane von Anna Katharina Hahn). Dass „die sprichwörtliche schwäbische Sparsamkeit sich aus der Not entwickelt hat“, wie Hermann Lenz noch wusste, braucht in dieser Wohlstandswelt nicht mehr erinnert zu werden, sie überlebt als nette Marotte, neben Kehrwoche und Maultaschen. „Au net schlecht“, würde Hermann Lenz sagen, längst kein Grund für Kulturpessimismus.
Aber, ich weiß wovon ich rede, ein Versuch, Hermann Lenz zu lesen, ist nie zu spät. Es dauert eine Weile, bis der Sound wirkt. Dann aber kann er süchtig machen, mindestens so wie alle neun Staffeln einer guten Fernsehserie.