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Schriftsteller Hermann Lenz Ein Mann, der stört, immer noch

Er lehrte nicht nur die Schwaben die Achtung vor Leistungsverweigerern. In diesen Tagen wäre Hermann Lenz hundert Jahre alt geworden. Eine Nachlese.

© Isolde Ohlbaum/laif Vergrößern „Die Menschen von innen her wiedergeben“: Hermann Lenz, 1988, in Duino / Italien.

„Wenn Sie vom Bahnhof kommen und am Königsbau vorbei gehen, sehen Sie nichts vom Kleinen Schlossplatz, bis derselbige ,schlagartig’, wie man heute sagt, als Monument auf Beton-Stelzen vor Ihnen auftaucht.“

Dieses Stelzenungetüm, von dem der Dichter Hermann Lenz in seinen Stuttgart-Porträts der Nachkriegszeit schreibt, entstand 1968 als Betonplatte zur Abdeckung eines Verkehrsknotens im Rahmen des sogenannten Planie-Durchbruchs, für den bereits 1956 das an Stelle des heutigen Kunstmuseums stehende Kronprinzenpalais abgerissen worden war. Städtebauliche Großprojekte sind Stuttgart noch selten gut bekommen; Hauptsache, der Verkehr rollt unten durch. Damals fanden wir den Kleinen Schlossplatz freilich super schick, denn es gab einen nagelneuen „Mövenpick“ und dazu Kunst von Otto Herbert Hajek, der immerhin mit Bundeskanzler Willy Brandt, unserem Helden, befreundet war.

Hermann Lenz achtete weniger auf Brandt und mehr auf die Mädchen im Lumpen-Look („Gammler“ nannten sie unsere Eltern und Lehrer), die sich im Brunnenwasser die Füße kühlten, während andere „mit Plateau-Sohlen und sowohl schenkel- als auch rückenfreiem Fleisch“ nur vorbeischlenderten und sich ein bisschen fürchteten. Lenz beobachtete die Stuttgarter Mädchen genau, aber die Mädchen ließen den altmodischen Flaneur achtlos vorbeiziehen, falls sie ihn hinter ihren Marihuanaschwaden überhaupt wahrgenommen haben: „Wir träumten vom Ausrücken nach Afghanistan, vom großen Auftritt in Andy Warhols Factory, einer Nachtfahrt mit Jim Morrison und sehr allgemein von der Revolution“, erinnert sich Sibylle Lewitscharoff, die damals so ungefähr 17 Jahre alt gewesen sein muss. „Aber“, ergänzt die Stuttgarter Dichterin, „die schwäbischen Töchter bewahrten meistens doch Vernunft und machten erst brav ihr Abitur.“

Ein Flaneur in der Auto-Stadt

Die literarischen Helden dieser Jahre hießen Martin Walser oder Günter Grass (für die Feinschmecker meinetwegen auch Kerouac oder Majakowski), in Stuttgarts Theater, dem „Kleinen Haus“, gab’s Brechts „Kreidekreis“ und Peter Weiss’ „Hölderlin“. Von Hermann Lenz war nicht die Rede. Das habe sich geändert, wird gern erzählt, nachdem der junge Peter Handke mit seiner „Einladung, Hermann Lenz zu lesen“ 1973 die Werbeposaune erschallen ließ. Stimmen kann das nicht. Wer den Beweis braucht, soll bei Amazon oder Libri sich anschauen, welche der mehr als vierzig Bücher von Hermann Lenz lieferbar sind: „Derzeit nicht verfügbar“, lautet häufig die Auskunft.

Für so viel unschuldiges Übersehen eines großen Erzählers muss es Gründe geben, die jenseits der immanenten Gesetze des Literaturbetriebs zu suchen sind. Einer Stadt wie Stuttgart, Symbol der kraftvoll-verdrängenden Nachkriegsrepublik, welcher der unbändige Leistungswille (vor der Revolution muss anständig Abitur gemacht werden) und technische Ehrgeiz aus allen Knopflöchern lugt, musste ein Mann wie Hermann Lenz fremd bleiben. Schon, dass Lenz nicht Auto fuhr, sondern zu Fuß oder mit der Straßenbahn unterwegs war, wirkte in der Stadt der Porsches, Daimlers und Bosch-Zünder befremdlich, wenn nicht gar bedrohlich, wo man selbst heute, wo alles grün geworden ist, mit dem SUV zum nächsten Bioladen fährt.

Lenz, Schöpfer des großartigen Taugenichts Eugen Rapp lässt sein „Alter Ego“ (Näheres dazu in den Frankfurter Poetikvorlesungen von 1986) auf 2800 Seiten in neun mitteldicken Romanen fast das ganze 20. Jahrhundert erleben: eine Kollektivgeschichte der deutschen Gesellschaft, nutzbar als „Spielzeug für die Leser, die ihre Erfahrungen in die Wörter des Autors projizieren, falls ihnen dies möglich ist“. Nichts ist geschönt, nichts harmonisiert. „Da erfährt man, wer man ist.“

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