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Schriftsteller-Geheimnis B. Traven - wer ist dieser Mann?

 ·  Musterschüler, Maschinenschlosser, Mime: Neu aufgefundene Dokumente zeigen, wie sich der Gewerkschaftssekretär Otto Feige in den Schauspieler und Schriftsteller Ret Marut verwandeln konnte. Unter dem Pseudonym B. Traven erlangte er dann Weltruhm - und wurde endgültig zum Mystery Man.

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Die Literaturgeschichte kennt zahlreiche Großdichter, neben deren Werk wenig oder gar nichts überliefert ist, wodurch ihre Existenz beglaubigt werden kann. Ehe man aber auf einen Fall stößt, der dem des Schriftstellers B. Traven gleichkäme, muss man weit zurückgreifen. Und dessen schattenhaftes Dasein erklärt sich nicht - wie etwa bei den Minnesängern des vierzehnten Jahrhunderts - durch zeitliche Distanz und damit einhergehenden Quellenverlust. Vielmehr hat sich hier ein Autor absichtsvoll dem Interesse seines Lesepublikums an lebensgeschichtlichen Informationen widersetzt und statt dessen die Namenlosigkeit kultiviert. 1926 ließ Traven durch seinen Hausverlag, die Büchergilde Gutenberg, erklären: „Mein Lebenslauf ist meine Privatangelegenheit, die ich für mich behalten möchte.“ Noch 1980 sprach die Londoner „Times“ vom „größten literarischen Geheimnis“ des Jahrhunderts.

Neben einem ethnographischen Reisebericht und zwei Erzählbänden ließ Traven zwischen 1926 und 1960 von Mexiko aus zwölf sozialkritische Abenteuerromane und -erzählungen erscheinen, darunter „Das Totenschiff“, „Die Brücke im Dschungel“ und „Der Schatz der Sierra Madre“. Übersetzt in mehr als vierundzwanzig Sprachen, erreichten sie eine geschätzte Gesamtauflage von dreißig Millionen Exemplaren. Neugierige Besucher hielt „der Mann, den keiner kennt“, durch ein umfassendes Sicherheitssystem von Deckadressen und Postschließfächern auf Distanz; für geschäftliche Kontakte schlüpfte er in die Rolle seines angeblichen Bevollmächtigten Hal Croves. Unter diesem Namen hat er sich 1947 von John Huston als Berater für die Romanverfilmung des „Schatzes der Sierra Madre“ (mit Humphrey Bogart) engagieren lassen und 1959 die Premiere des „Totenschiff“-Films (mit Horst Buchholz) in Berlin besucht - eine obskure Mehrfaltigkeit, die jahrzehntelang Journalisten, Gelehrte und ein unübersehbares Publikum in aller Welt beschäftigte.

Proletarischer Schriftsteller ersten Ranges

Diese Aufmerksamkeit hat seither merklich nachgelassen; zwei Drittel seines Werks sind nur noch antiquarisch erhältlich. Was genau an Traven sich als unbrauchbar für das einundzwanzigste Jahrhundert erweist, ist nicht einfach auszumachen. Die von ihm 1928 aufgeworfenen Fragen („Wodurch werden die Mühen und Leiden der Menschheit am wirkungsvollsten verringert? Was muss getan werden, um die beschränkte Lebenszeit des einzelnen Menschen so reich und so nützlich zu gestalten, wie immer es die verfügbaren Mittel nur irgendwie zulassen?“) sind nach wie vor unbeantwortet. Auch seine Themen, im „Totenschiff“ das Schicksal staatenloser Billiglohnarbeiter, im „Caoba“-Zyklus die Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Eher schon liefern die von ihm angewandten Kunstmittel einen Grund.

Sein gutgemeinter Anspruch, für Männer und Frauen zu schreiben, „die wissen wollen, wie es im Ernst draußen in der Welt aussieht“, scheint sich gegen ihn zu wenden, jene charakteristische Mischung aus ethnographischer Fiktion, realistischer Darstellung und didaktischem Impetus. Denn in der deutschsprachigen Literatur, die keine koloniale Tradition kennt, gilt das Exotische seit jeher als Urgrund des Trivialen. Genau dort, in den Dschungeln und an den Peripherien der industriellen Zivilisation in den mexikanischen Bundesstaaten Chiapas, Tamaulipas und Vera Cruz, spielen fast alle Traven-Romane. Sein einstiger Vorzug, aus einer fernen Fremde zu erzählen, hat sich in ein Handikap verkehrt. Und der Rückgriff auf Elemente der Unterhaltungsliteratur ist einer dauerhaften Etablierung im Kanon der deutschen Literatur auch nicht gerade förderlich gewesen. In Verbindung mit seiner scharfen Kritik am kapitalistischen System, dem modernen Verwaltungsstaat und den Staatsreligionen verschaffte es ihm weltweit Geltung als proletarischer Schriftsteller ersten Ranges; die gesellschaftliche Mitte musste er damit verfehlen. Nicht der antibürgerliche Reflex als solcher, wohl aber der Dozententon, mit dem er seiner materialistischen Weltsicht Ausdruck verleiht, steht dem entgegen.

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Die Nachforschungen des Verfassers wurden von der Kunststiftung NRW mit einem sechsmonatigen Arbeitsstipendium unterstützt.

Quelle: F.A.Z.
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17.07.2009, 22:21 Uhr

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