07.10.2009 · In Kürze veröffentlicht er sein dreißigstes Buch. Und wenn diese Woche der Literaturnobelpreis verkündet wird, gilt Philip Roth als Favorit. Begegnung mit einem Schriftsteller auf der Höhe seiner Kunst.
Von Thomas David, New YorkEs gibt ein Foto von Philip Roth, auf dem er den linken Arm ausstreckt und mit dem Zeigefinger auf den Fotografen zielt. Auf dem Bild hat Roth einen riesigen Daumen, seine rechte Hand scheint in der Manteltasche zu stecken, und wenn der Schriftsteller nicht Linkshänder wäre, könnte man denken, er umklammere mit der anderen heimlich einen Revolver. Roth ist auf dem Foto fünfunddreißig Jahre alt. Die Vereinigten Staaten befanden sich im Krieg in Vietnam, mit dem Marsch auf das Pentagon vom 21. Oktober 1967 war die Antikriegsbewegung zu einem Höhepunkt eskaliert, von dem aus sie sich 1968, als Bob Peterson das Foto schoss, zunehmend radikalisierte. Roth steht in Weequahic, dem ehemals jüdischen Viertel seiner Heimatstadt Newark, vor einem Haus; er ruft etwas. Acht Jahre zuvor hatte er für sein Debüt „Goodbye, Columbus“ den National Book Award erhalten; „Anderer Leute Sorgen“ und „Lucy Nelson oder Die Moral“, Roths 1962 und 1967 erschienene Romane, waren von der schwer wiegenden Ernsthaftigkeit eines literarischen Idealismus zu Papier gedrückt.
„Diese beiden Romane waren in gewisser Weise schickliche, höfliche Bücher“, sagt er heute. „Ich will sie nicht herabsetzen, sie waren mir seinerzeit nützlich, aber ich hatte mir in ihnen doch sehr die Zügel angelegt.“ Bob Petersons Foto erzählt von der aggressiven Ausgelassenheit und der kraftvollen Vitalität eines Schriftstellers, dem seit Veröffentlichung seines fulminanten, das existentielle Drama von Vergänglichkeit und unstillbarer Lebensgier austragenden Spätwerks der Ruf vorauseilt, zum Lachen in den Keller zu gehen. Roth trägt auf dem Foto einen Rollkragenpullover, er hat schwarze Augen, schwarzes, zurückweichendes Haar. Die aggressive und zugleich entwaffnende Geste des Bildes entspringt demselben Gestus wie der obszöne, mit der Direktheit eines Faustschlags ausgeführte Monolog des dreiunddreißigjährigen Alexander Portnoy, mit dem Roth die Leser wenige Monate später unter der Gürtellinie traf.
Alle möglichen Veränderungen
„Ein Teil meiner Haare ist mir schon ziemlich früh ausgefallen, und dann“, sagt Philip Roth, „geschah viele Jahre lang nichts.“ In der 21. Etage eines Hochhauses an der West 57th Street sitzt er im Büro seines Agenten Andrew Wylie auf einem blauen Sofa. Straßenverkehr fädelt sich langsam durch die Stadt, über Midtown Manhattan liegt ein monotones Rauschen. „In diesem Jahr hat der Haarausfall plötzlich wieder eingesetzt. Das ist sonderbar“, sagt er, „aber es ereignen sich jetzt alle möglichen Veränderungen, über die man lieber nicht nachdenken möchte.“
Philip Roth ist inzwischen sechsundsiebzig Jahre alt. Die Veröffentlichung von „Goodbye, Columbus“ liegt fünf Jahrzehnte zurück, vor vierzig Jahren erschien „Portnoys Beschwerden“, vor dreißig „Der Ghost Writer“, das erste von insgesamt neun Büchern, in dem Roth der gern als sein literarisches „Alter Ego“ apostrophierten Figur des jüdisch-amerikanischen Schriftstellers Nathan Zuckerman einen großen Auftritt verschafft.
„The Humbling“, Philip Roths dreißigstes Buch, erscheint in Amerika am 2. November. Ein Glas Wasser steht vor ihm auf dem Tisch, neben einem Aufnahmegerät liegen mehrere seiner Romane: Die Originalausgabe von „Indignation“, seinem letzten Roman, in dem der junge, rechtschaffene Marcus Messner ähnlich wie Alexander Portnoy gegen die erstickende Liebe seines jüdischen Elternhauses rebelliert und in seinem verzweifelten Widerstand gegen eine repressive gesellschaftliche Moral wie Portnoy „Em-pö-rung“ zum schönsten Wort der englischen Sprache erklärt; Roths Autobiographie „The Facts“ und „Das sterbende Tier“, in dem der Autor den dramatischen Monolog des Ich-Erzählers wie in „Portnoys Beschwerden“ erst ganz am Ende des Buchs in die pointierte Erwiderung eines bislang passiven Gegenübers auflöst. Als eine Ikone der amerikanischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts ist „Portnoys Beschwerden“ zugleich der zentrale Roman von Roths umfangreichem, seit „Sabbaths Theater“ 1995 und der Vollendung der Amerikanischen Trilogie zu beispielloser Imposanz und Größe aufgelaufenem Werk. „Ich bin ein großer Bewunderer von Camus' Roman ,Der Fall', und ich wollte herausfinden, ob es mir gelingen würde, eine Geschichte auf ähnliche Weise zu erzählen.“
Einbruch ins Private
Roths Arme ruhen entspannt auf der niedrigen Lehne des Sofas, neben den anderen Büchern liegt vor ihm auf dem Tisch ein Exemplar der amerikanischen Erstausgabe von „Portnoy's Complaint“ von 1969. „Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass Portnoy seine Geschichte nicht wie Camus' Figur an einer Bar erzählt, sondern im Sprechzimmer eines Psychoanalytikers. Dieser Umstand erlaubte mir den Einbruch in das Private.“ Roth lehnt sich vor, greift nach dem Glas Wasser. Er trägt ein blaukariertes Hemd, eine helle Hose; seine dunklen Augen leuchten. Auf einer niedrigen Kommode liegen Bücher einiger der von Wylie vertretenen Autoren, vor einem der Fenster zwei Exemplare der zu einem schmalen Leseexemplar zusammengeklebten Fahne von Roths neuem Buch.
„The Humbling“ ist keine 150 Seiten lang. „Nemesis“, Roths übernächstes Buch, eine Art Koda von „Verschwörung gegen Amerika“, in der Roth von einer fiktiven Polioepidemie im Newark des Jahres 1944 erzählt, erscheint voraussichtlich Anfang 2010. Er habe die Arbeit daran noch nicht abgeschlossen, sagt Roth. „Ich habe die Arbeit unterbrochen, um Sie zu treffen. Ich habe auf einen halben Arbeitstag verzichtet, vergessen Sie das nicht.“
Für Simon Axler, die Hauptfigur von Roths neuem Buch, ist zu Beginn der Erzählung bereits alles vorbei. Denn „The Humbling“ erzählt von einem Schauspieler, „dem letzten der besten klassischen Theaterschauspieler Amerikas“, der sein Talent verliert, seine Aura, sein Selbstvertrauen. Der Roman, erzählt Roth, handle von einem Schauspieler, der nicht mehr spielen kann, von einem Mann, der die Bühne betritt und nicht mehr weiß, wie es geht. „Das ist doch der klassische Albtraum, oder?“ Axler scheitert in der Rolle des Prospero, er scheitert als Macbeth. Nach einem Zusammenbruch zieht er sich in die Einsamkeit seines von weitem Land umgebenen Farmhauses zurück und lässt sich nach der Trennung von seiner an Axlers Leid zerbrochenen Ehefrau aus der plötzlichen Angst, sich auf dem Dachboden seines Hauses erschießen zu können, in eine psychiatrische Klinik einweisen. „Der Albtraum“, sagt Roth, „seine Kräfte zu verlieren.“ Beim Schreiben habe er versucht herauszufinden, wie es einem solchen Menschen ergehe. Das neue Buch stimmt in das mit dem Meisterwerk „Sabbaths Theater“ begonnene und mit „Das sterbende Tier“, „Jedermann“ und „Exit Ghost“ fortgeführte Requiem ein, in dem Philip Roth auf eindringliche, nicht selten erschütternde Weise von dem inneren Drama des gegen seine Sterblichkeit aufbegehrenden Menschen erzählt. „Wie“, fragt Roth, „wird er damit fertig?“
Verheerender letzter Akt
Als Simon Axler ein Jahr nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie eine Affäre mit der 25 Jahre jüngeren Tochter eines befreundeten Schauspielerehepaares beginnt, betritt er ein letztes Mal die Bühne seines Lebens und klammert sich an seine Illusionen bis zum Ende des verheerenden letzten Akts. „The Humbling“ ist ein dunkles, ein ernüchterndes und gerade aufgrund der scheinbar teilnahmslosen Zurückhaltung, mit der Roth die unbarmherzige Zerstörung seiner Figur schildert, erschreckendes Buch, dessen skizzenhafte, von keinem überflüssigen Detail verstellte Inszenierung auf jeder Seite Roths souveräne Meisterschaft zu erkennen gibt.
„Die Geschichte eines Schauspielers, der nicht mehr spielen kann, hat mich schon lange interessiert“, sagt Roth, der als Student der Literaturwissenschaften in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ selbst auf der Bühne stand und zehn Jahre später mit „The Nice Jewish Boy“ ein Theaterstück schrieb, in dem der dann zu „Portnoys Beschwerden“ verarbeitete Stoff bereits schemenhaft Form annahm. Roth sitzt auf dem Sofa, die Arme auf der Lehne, der Blick aus seinen scharfen Zügen zeugt von Nachsicht und freundlicher Ironie. „Sie wissen offenbar alles über meine Vergangenheit“, sagt er. „Aber was ist mit meiner Zukunft?“
Der Duft neuer Bücher liegt in der Luft, die Nachmittagssonne findet in Wylies Büro kein Wölkchen Staub. Die einzige Rolle, die Simon Axler in „The Humbling“ bleibt, ist die, keine Rolle zu spielen. „Ich schaue nicht auf mein Leben zurück“, sagt Roth, „nicht einmal auf meine letzten Bücher. Keines meiner Bücher existiert mehr als Buch, das ich geschrieben habe, sondern nur noch als eines, das ich lesen kann. Ich lebe ausschließlich in der Gegenwart, meine geschriebenen Bücher haben nichts mehr mit mir zu tun.“
Philip Roth nimmt die Arme von der Sofalehne und lehnt sich ein wenig vor. „Schreiben“, sagt er, „ist wie Theater, als hätte man sein eigenes Theater. Da haben Sie die Überschrift für Ihren Artikel: Roths Theater.“