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Hermann Kant wird neunzig : Der Gegen-Grass

Das Neueste unterm Arm, die Vergangenheit im Blick: Hermann Kant 1977, als „Der Aufenthalt“ erschien. Bild: Brigitte Friedrich

In der DDR war er ein überzeugter Kommunist und SED-Funktionär. Aber auch ein Schriftsteller mit klarer Sprache, den Reich-Ranicki einen „harten und intelligenten Gegner unserer westlichen Welt“ nannte. Zum Geburtstag von Hermann Kant.

          Man wird ihm seine historischen Schadensbilanzen vorhalten, solange er zuhört (und länger). Nachdem seine politische Sache, der Sozialismus in Deutschland, besiegt war, stellte sich Hermann Kant gelegentlich auch denen, die ihn für seine programmatischen, strategischen und taktischen Entscheidungen in der DDR verurteilen mussten, den Kolleginnen und Kollegen. Wenn er danach von Erich Loest oder von Wolf Biermann sprach und schrieb, also von denen, die sich von ihm die Verteidigung der Interessen Literaturschaffender gegen die SED versprochen haben mochten und die er enttäuschte, indem er seiner politischen Sache in Gestalt von deren offiziellen Sachwaltern bis zur Selbstverleugnung diente, dann nahm er die Haltung des Zeitgenossen ein, der getan haben wollte, was er tun konnte und musste, und zog dabei öffentlich ein dickes Fell von der Stange an, das ihm auch im Rückblick nicht steht. Nicht nur seine politische Sache hat er als Schriftstellerfunktionär in der DDR nach 1969 und vor 1989 zeitweise so unsanft an den Haaren durchs Gestrüpp der Ränke gezogen, als wollte er sie zu Tode bringen und seinen menschlichen Ruf gleich mit. War er je hilfreich, hat er geholfen, einer Sache, einem Menschen?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dem Publikum seiner erzählenden Texte zumindest bietet er jede Unterstützung beim Verstehen, die es brauchen kann. Wie nützliche Sonnenuhren, Kilometersteine oder Hinweisschilder stehen in seinen Romanen nämlich Stellen, die gleichsam gegen den manchmal verwirrenden Plan der Handlung, der bei Kant viel mit Intrigen zu tun hat, daran erinnern, wo und wann das eigentlich geschieht, was geschildert wird. In seinem besten Roman, „Der Aufenthalt“ (1977), muss ein junger Deutscher, ehemals Wehrmachtssoldat, der das, was man ihm vorwirft, einerseits nicht getan hat, aber andererseits auch wieder nicht unschuldig ist, nach Hitlers Niederlage in Haft darben und darüber nachdenken, wie ihm geschieht und weshalb.

          Als dieser Nichtheld etwa die Hälfte dessen gelernt hat, was es für ihn zu lernen gibt, erinnert sich seine Erzählerstimme an ihre Heimat und sieht sich dann, damit die Leserschaft orientiert sei, am Ort der Haft um: Zu Hause war’s anders, „auf jenem Stern nahm man sich etwas zu essen. Man besaß selber einen Schlüssel und benutzte ihn selten. Man kannte Wasserhähne. Und Holzpantinen zog man für den Stall an. Einen Garten hatte man. Wenn man sich schlafen legte, zog man sich aus. Und seinen Lebenslauf schrieb man, aufs ganze Leben verteilt, vielleicht ein Dutzend mal. Und man war sich, vor allem, vor allem, seines Lebenslaufes sicher. Und man wäre niemals, niemals, niemals dort für einen Mörder gehalten worden. Niemals. Hier aber banden sie dir einen Zettel an den Zeh, auf dem Mörder stand. Und hier sagten sie Mörder zu dir und blieben müde dabei. Es hatte mir einer die Sterne vertauscht.“

          Bei lebendigem Leib historisch geworden

          Was für ein großer Dreiklang: „man“, „dir“, „mir“, treppab vom sozial Objektiven durchs Zwischenmenschliche ins Allersubjektivste. Das Bild, das der sonst stets sehr sachliche Erzähler Hermann Kant an dieser Stelle für den Verlust des sicher geglaubten Lebenslaufs findet, ist kein sachliches, sondern ein dichterisches: vertauschte Sterne. Als Kant selbst seinen Lebenslauf Ende der achtziger Jahre noch einmal ohne jeden Fiktionsfilter aufschreiben wollte, kam ihm zunächst das Ende seiner politischen Sache wie seiner wichtigsten objektiven Arbeitsbedingung, nämlich seines Staates, dazwischen. Er hat jenen „Abspann“ dann aber doch vollendet, in nüchternen Sätzen überwiegend, aber doch auch wieder mit diesen jäh eine ereigniszerspaltene Erinnerungslandschaft erhellenden poetischen Blitzen. Schon auf der ersten Seite überrascht er etwa mit zwei ungewöhnlichen Konstruktionen, „sie hielt mir den Atem an“ heißt es über eine Nachricht, und von der gesamtdeutschen Wirklichkeit sagt Kant: „Man hat mich in sie heimgekehrt.“

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