Ich schreibe wie ... Franz Kafka? Oder eher wie Ildiko von Kürthy, Ingeborg Bachmann, Maxim Biller? Oder schreibe ich wie Goethe? Wenn Sie wissen wollen, ob Sie Stil haben und wenn ja: welchen - dann gibt es jetzt endlich eine absolut sichere und unbestechliche Messmethode. Was auch immer Sie schreiben, ob Briefe, E-Mails, Blogeinträge oder Tagebuch: geben Sie den Text ins Feld unten ein. Je länger Ihr Text, desto zuverlässiger das Ergebnis. Klicken Sie nun den Button ,Analysieren‘ an. Innerhalb weniger Sekunden wird Ihnen unsere Maschine die Diagnose stellen. Ich schreibe wie ...“
So steht es auf der Homepage dieser Zeitung. Ich bin elektrisiert. Seit 1998 habe ich acht Romane veröffentlicht, welche im Laufe der Zeit auch hier und da besprochen wurden, doch wie ich schreibe, hat mir in all den Jahren niemand sagen können. Schriftsteller bekommen ja viel über sich selbst zu lesen, durchaus Unterschiedliches. Was der eine Rezensent als einen flachen, sprunghaften Text ansieht, gefällt dem anderen wegen seines Tiefgangs und der stilistischen Ausgewogenheit, was der eine als eine Ansammlung von Plattitüden und sprachlichen Gemeinplätzen bezeichnet, wird in den Augen des nächsten zu einem Juwel. Da soll sich einer auskennen.
Ich gestehe, ein wenig nervös bin ich schon
Auch Schriftsteller haben ein Recht auf objektive Reaktionen zu ihrer Arbeit. Offenbar denken menschliche Gehirne zu subjektiv, um zuverlässig über schriftstellerisches Können Auskunft zu erteilen, da muss eine nüchterne Maschine ran. Zumal die Maschine mich ja nicht kennt, zu mir keine Meinung hat, weder von mir beleidigt oder bei irgendeiner Literaturveranstaltung übersehen worden ist, mich andererseits aber auch nicht aufgrund einer gemeinsam durchfeierten Nacht ins Herz geschlossen hat, denn dieses Programm ist vollkommen unsozial und daher vermutlich der richtige Auskunftgeber.
Ich gestehe, ein wenig nervös bin ich schon. Was wird passieren? Was werde ich erfahren? Als ambitionierter Schriftsteller mit einem gewissen Selbstverständnis möchte man ja nicht schreiben wie ein morgen vergessener Jungdichter oder eine Klatschtante, deren bornierte Ergüsse aus unerfindlichen Gründen von einem gewissenlosen Verleger gedruckt werden.
Da steht, ich muss nur den Text eingeben. Welchen Text? Hätte ich meine Romane bloß in meinem Computer gespeichert, da würden zwei Klicks genügen, copy & paste, und schon könnte ich den Text auf die Reise ins Innere des Analysemonsters schicken. Aber halt, im Internet gibt es ja alles. Rasch habe ich eine Textprobe aus meinem ersten Roman gefunden. Allzu lang ist sie nicht, da kann ich nur hoffen, dass das genug Material für den genialen Algorithmus ist, um meinen Stil korrekt zu analysieren.
Keine zwei Sekunden später habe ich es schwarz auf weiß:
„Ich schreibe wie ... [... Rainer Maria Rilke.“]
Dazu gibt es ein Zertifikat, das ich, wenn ich möchte, auf meiner Website veröffentlichen kann! Das tue ich lieber nicht, stattdessen mache ich mich auf die Suche nach einer Textprobe aus meinem zweiten Roman, den ich für eher missraten halte, weswegen es mir recht wäre, wenn Google nicht fündig werden würde, denn ich kann mir schon vorstellen, was der unbestechliche Algorithmus mir in diesem Fall um die Ohren hauen würde. „Ich schreibe wie Mickymaus“, „Ich schreibe wie Ed Wood, wenn er schreiben würde“, etwas in der Richtung. Leider tut mir Google nicht den Gefallen, mein ungeliebtes Werk zu unterdrücken, im Internet geht nichts verloren. Ich füge den Text ein und drücke „Analysieren!“
So. Das ist jetzt unangenehm. In mehrfacher Hinsicht, vor allem aber, weil der wohl durch die Unterschiedlichkeit der eingegebenen Texte verwirrte Algorithmus den Romananfang von „Herr Susi“ als waschechten Maxim Biller erkennt. Damit tut er Herrn Biller mit Sicherheit unrecht, davon bin ich überzeugt, auch wenn ich noch nie etwas von ihm gelesen habe. Nur schnell weiter in der Analyse, denn bislang bin ich noch nicht recht vorangekommen.
Neuer Versuch, mein drittes Buch! Das ist zwar das, was Germanisten gern Rollenprosa nennen, weil der Ich-Erzähler eine reichlich gespreizte Sprache verwendet, aber ich traue dem Algorithmus zu, hinter dem geschraubten Duktus des seltsamen Berichterstatters meinen wahren Stil zu erkennen.
„Ich schreibe wie ... [... Heinrich Böll!“]
Das wird ja immer interessanter. Heinrich Böll? Der „Kameramörder“ klingt nach Heinrich Böll? Darauf wäre ich wirklich nie gekommen. Aber ehe ich anfangen kann, länger darüber nachzudenken, gebe ich einen Ausschnitt aus meinem vierten Roman ein.
„Ich schreibe wie ... [... Melinda Nadj Abonji.“]
Wer ist das denn? Wahrscheinlich lese ich wirklich zu wenig, aber ich bin nun mal sehr beschäftigt. Ich frage mich sowieso, wie so viele Menschen so viel lesen können, also ich glaube nicht, dass ich im Jahr mehr als fünfzig Bücher lese. Ein Buch muss ja Zeit haben, sich in mir zu setzen, ich brauche Zeit, um es wirken zu lassen, und mir sind diese ganzen Vielleser überaus suspekt. Melinda Nadj Abonji?
Aha, Deutscher Buchpreis 2010. Das ist sicher ein tolles Buch. Ich ergoogle sofort einen Auszug daraus und werfe ihn dem Algorithmus vor. Sehr schlau, denn nun erfahre ich lediglich, dass der Text so klingt, als wäre er von Melinda Nadj Abonji. So komme ich auch nicht weiter.
Aber ich will doch wissen, wie ich schreibe! Ungeduldig gebe ich einen Ausschnitt aus meinem fünften Roman ein: Ein Mann erwacht in Wien und stellt fest, dass alle anderen Menschen verschwunden sind. Länger habe ich an keinem Buch geschrieben, drei Jahre waren es, und nun bin ich wirklich gespannt, wie das Programm die Güte meiner harten Arbeit bewerten wird.
„Ich schreibe wie ... [... Uwe Johnson.“]
Jetzt schlägt's dreizehn. Uwe Johnson? Der ist ja noch länger tot als Heinrich Böll! Ich weiß wirklich nicht, was mir der Algorithmus sagen will. Es hilft nichts, die Maschine muss sofort meinen sechsten Roman analysieren.
„Ich schreibe wie ... [... Peter Handke!“]
„Das bin doch ich“ könnte von Peter Handke sein? Es hat wahrscheinlich nicht viel Sinn, über diese Einschätzung nachzudenken. Wer hat bloß diesen Algorithmus geschrieben? Gut, da fallen mir einige Kandidaten ein. Sigrid Löffler war es eher nicht.
Was meint das Programm denn zu meinem siebenten Roman? Ich gebe gleich das ganze erste Kapitel ein, damit die Maschine zu substantiellen Ergebnissen gelangen kann.
„Ich schreibe wie ... [... Uwe Johnson!“]
Damit haben wir eine einfache Mehrheit für Uwe Johnson, und es bleibt mir nur noch ein Roman, dessen Stil ich untersuchen lassen kann. Bringen wir es hinter uns, denke ich.
„Ich schreibe wie ... [... Melinda Nadj Abonji!“]
Ein wenig ratlos drehe ich meinen Kugelschreiber in den Händen. Was jetzt? Ach ja, ich bringe im August ein Buch über meine Pilgerfahrt auf den Balkan heraus, wie habe ich das denn geschrieben? Der Algorithmus verrät mir schnell, dass Freunde von Max Frisch im Herbst die Buchhandlungen stürmen sollten, um „Unterwegs im Namen des Herrn“ zu kaufen. Das überrascht mich zwar nicht minder als vorhin die Ähnlichkeit mit Peter Handke, aber der teuflische Algorithmus kann nicht irren. Mein Stil ist nun mal eine Mischung aus Uwe Johnson und Melinda Nadj Abonji. Ob ich das Zertifikat auf meine Homepage stellen will, weiß ich noch nicht, ich werde das mit meinem Verlag besprechen. Vorher aber bestelle ich die „Jahrestage“ und etwas von Melinda Nadj Abonji. Man will ja schließlich wissen, wie man schreibt.
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