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Schon wieder ein Coelho Windmaschine der Seligkeit

Man nehme eine Rahmen-, genauer eine Rähmchenhandlung und verdrehe Selbstverständlichkeiten so lange, bis sie wertvoll klingen: Fertig ist der neue Coelho, der dieses Mal „Die Schriften von Accra“ heißt.

© Pilar, Daniel Vergrößern Der Wortmagier Paulo Coelho

Paulo Coelho hat wieder eine weiße Feder gefunden. Das weiß ich sicher, denn er hat in mehreren Interviews versichert, dass er nur dann ein neues Buch schreibe, wenn er irgendwo auf seinen Reisen in der Welt eine weiße Feder finde. Es ist eine Art Zeichen von Gott: „Paulo, es ist wieder so weit.“

Volker Weidermann Folgen:  

Wie er dabei ausschließen kann, dass nicht etwa sein Agent oder einer seiner Verleger oder eine coelhosüchtige Leserin ihm dieses Zeichen vor die Füße gelegt hat, weiß ich nicht genau. Ich denke, es ist einfach Gottvertrauen. Das heißt: Wenn es eben doch der Agent ausgelegt hat, das Federchen, dann geschah es eben im höchsten Auftrag.

Jedenfalls gibt es überhaupt keinen Grund, sich darüber lustig zu machen, denn immerhin haben sich die Werke, die der Zauberbrasilianer auf die bisherigen Federfunde hin verfasste (wie etwa „Der Alchimist“ oder „Der Zahir“), in den Ländern dieser Welt 140 Millionen Mal verkauft. Das neueste heißt „Die Schriften von Accra“, und darin beantwortet ein Mann, der „der Kopte“ genannt wird, im Jahr 1099 in Jerusalem Fragen des Lebens.

Die Kreuzritter stehen vor den Toren der Stadt, die meisten ihrer Bewohner werden in den nächsten Tagen auf grausame Weise umgebracht werden. Jetzt aber stellen sie dem Kopten noch schnell einige Fragen, die er ausführlich beantwortet.

Das ist die Rahmenhandlung, die aber eher ein Rähmchen ist, ein superkurzes Intro, das schnell vergessen ist und wohl auch schnell vergessen werden soll.

Der Kopte antwortet jetzt

Denn danach geht es nur noch um die Antworten, die der Kopte auf Fragen oder Anregungen wie diese gibt: „Warum haben einige Menschen mehr Erfolg als andere?“, „Du hast studiert, um schöne Dinge sagen zu können, wir aber müssen unsere Familien ernähren“, „Sprich zu uns über Eleganz, Anmut und Vornehmheit“, oder „Sprich zu uns über Sex“.

Sie sehen schon, die Versuchsanordnung ist jetzt nicht überaus plausibel. Es wird nicht ganz klar, wieso die Bewohner Jerusalems im Angesicht des Todes über Sex und Anmut und Erfolg reden wollen. Aber gut, ich war ja damals nicht dabei und habe auch keine Feder gefunden. Und wahrscheinlich ist das mit Büchern Coelhos wie mit allen Drogen: Es wirkt nur, wenn man sich ganz darauf einlässt.

Wer das tut, wird nicht enttäuscht. Was der Guru der guten Laune in seinem neuen Werk da an Heiterkeiten freizügig unter den Lesern verteilt, ist einfach überwältigend. Das fängt am Beginn des Lebens schon an. „In den entscheidenden Augenblicken des Lebens“, so heißt es, ist man „immer allein“. Coelhos Beispiel: „Wie das Kind, wenn es aus dem Leib der Mutter kommt.“

„Vermeide es, andere zu kritisieren“

Und während man noch darüber rätselt, warum der weise Mann für sein Einsamkeitsbeispiel ausgerechnet jenen Moment des Menschenlebens gewählt hat, an dem nun wirklich kein Mensch je allein gewesen ist, und ob er vielleicht über Hühner schreibt oder Krokodile, fällt uns der Autor schon ins Wort: „Vermeide es, andere zu kritisieren, und konzentriere dich auf das, wovon du immer geträumt hast.“

Und was das ist, das weiß Coelho auch: nämlich genau das, was wir schon haben. Unser Schicksal, unser Leben, auch jetzt im Januar. Das ist unser Wirklichkeit gewordener Traum. Es kommt nur darauf an, ihn zu erkennen und zu lieben. Am vollendetsten hier: „In der Arbeit zeigt sich die alle Menschen vereinende Liebe.“ Ob das auch auf all die Menschen zutrifft, die nicht mit blumigen Zauberbüchern in ihrem Leben etwa eine halbe Milliarde Dollar verdient haben, weiß ich nicht genau. Aber er: „Das Schicksal ist zu niemandem ungerecht. Wir sind alle frei, zu lieben oder zu hassen, was wir tun.“

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Das ist nicht schwer. Wenn man erst einmal dies begriffen hat: „Freude. Das ist eine der größten Segnungen des Allmächtigen. Wenn wir fröhlich und glücklich sind, sind wir auf dem richtigen Weg.“ Auch das ist offenbar ein Teil der Coelho-Formel. Verdrehe Selbstverständlichkeiten so lange, bis sie wertvoll klingen. Ich meine: „Wenn wir froh sind, sind wir froh“ träfe nicht so ganz den Sound, würde aber natürlich das Gleiche bedeuten.

In seinen Blog stellte Paulo Coelho am Donnerstag ein Video. Es heißt „Let’s take a walk in my garden“, wurde vermutlich im gigantischen Garten vor seinem Haus im französischen Tarbes bei Lourdes aufgenommen, und wir gehen fünf Minuten lang mit einem schnaufenden Kameramann auf Kieswegen durch einen winterlichen Park mit See, vorbei an zierlichen Büschen und einem schwarzen Mercedes. Es ist die etwas schamlose Protzerei eines stolzen Millionärs. Der Autor hält es vermutlich für eine Einladung zur Meditation.

So wie sein neues Buch kein Lebensratgeber ist, sondern eine Verhöhnung von Menschen, die statt Parks ein schweres Leben haben. „Zeige auch, dass dir die Reichen etwas bedeuten“, rät Herr Coelho. Und: „Gleichgültig, wie du dich fühlst, stehe jeden Morgen auf, und schicke dich an, dein Licht anzuzünden.“

Der nächste Vogel, der diesem Mann eine weiße Feder vor die Füße wirft, wird erschossen.

Paulo Coelho: „Die Schriften von Accra“. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Diogenes Verlag, Zürich 2013. 17,90 Euro

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 14.01.2013, 12:27 Uhr